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Sure 43 Vers 3Die Bedeutung des Arabischen für den Islam

Muslime müssen Arabisch lernen. Der Koran ist nur in Arabisch "echt" und kann nur auf Arabisch rezitiert werden. Schon Übersetzungen sind Interpretationen. So sehen es viele Gläubige. Wie steht der Koran selbst dazu? Welche Basis legt er für diese Haltung? Antworten gibt der inzwischen emeritierte Arabist Kees Versteegh aus den Niederlanden. Er gehört international zu den wichtigsten Vertretern seines Fachs.

Von Prof. em. Dr. Kees Versteegh, Universität Nijmegen | 18.09.2015

"Wir haben es zu einem arabischen Koran gemacht, auf dass ihr ihn verstehen möget."
Der Koran enthält an verschiedenen Stellen Bezüge zu sich selbst. In diesem Vers bezeichnet er sich im arabischen Original als „qur'ân" und gibt sich zusätzlich die Beschreibung: "arabî".
Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation
Der arabische Begriff "qur'ân" bedeutet wörtlich Rezitation. Etymologisch geht er wahrscheinlich zurück auf das syrische Wort "qeryana". Es wurde von syrischen Christen benutzt, um auf das in der Liturgie zu rezitierende Lektionar hinzuweisen.
Das Wort "qur'ân" steht im Zusammenhang mit der Darstellung der ersten Offenbarung, die der Prophet Mohammed laut den muslimischen Quellen erhalten hat. Diese besagen, dass ihm der Erzengel Gabriel erschienen sei und zu ihm gesagt habe: "iqra'!" - zu Deutsch: "Rezitier!" oder "Lies!"
Kees Versteegh
Cornelis H.M. Versteegh, genannt Kees, ist einer der international bedeutendsten Arabisten. (priv. )
Das geschah dreimal hintereinander. Jedes Mal fragte der Prophet: "Was soll ich rezitieren?" Am Ende brachte ihm Gabriel die erste Offenbarung da - die Sure 96. Und diese beginnt exakt mit dem Wort: "iqr'a!" Der Koran ist also ein Text, der eher dazu gedacht ist, rezitiert statt im Stillen gelesen zu werden.
Dieser Offenbarungstext wird im Koran auf verschiedene Weise charakterisiert. Zum Beispiel heißt es, er sei makellos und ein Wunder. Zudem wird er als "deutliches Buch" beschrieben. Die am häufigsten benutzte Charakterisierung aber lautet, dass er "arabî" sei - also in arabischer Sprache verfasst. "Arabî" bezieht sich hier auf die Sprache des Textes, nicht auf die Sprache der Menschen, an die der Text gerichtet war. Das Wort "Araber" taucht im Koran nicht auf.
Höchstwahrscheinlich ist mit dem Begriff "arabî" auch nicht die Alltagssprache der einzelnen Stämme auf der arabischen Halbinsel gemeint. Vielmehr dürfte es die formelle Sprache sein, die alle Stämmen miteinander geteilt haben und die auch in der altarabischen Dichtung benutzt wurde.
Indem der Koran seine Eigenschaft, Arabisch zu sein, betont, macht er deutlich, dass er eine Botschaft von bestimmter Bedeutung enthält, geschrieben in einer speziellen Sprache. Ferner stellt er damit klar, dass sich niemand der Adressaten mit dem Argument entschuldigen konnte, er habe die Botschaft des Korans nicht verstanden.
Gemäß der islamischen Auffassung von Religionsgeschichte hat Gott seine Offenbarungen an alle „ummas" (zu Deutsch: Gemeinschaften) in deren jeweils eigener Sprache gesandt - etwa die Tora an die Juden und das Evangelium an die Christen.
Der Koran stellt nun Gottes letzte Offenbarung an die Menschheit dar. Und Mohammed ist das Siegel der Propheten, der diese letzte Offenbarung zur „umma" der Muslime bringt. Genauso wie die anderen Gemeinschaften empfangen die Stämme auf der Arabischen Halbinsel somit die Botschaft in ihrer eigenen Sprache.
Nach den Eroberungen der Muslime und der Ausbreitung des Islams über Nordafrika, die Levante, Mesopotamien und Persien blieb die Religion mit der arabischen Sprache verknüpft. Allerdings stimmte nicht jeder dem exklusiven arabischen Charakter der Religion zu.
Für manche persische, syrische und nordafrikanische Konvertiten war es keineswegs einleuchtend, dass die Araber und ihre Sprache eine privilegierte Position hätten. Sie glaubten, dass grundsätzlich alle Völker im Islam gleich seien. Einigen von ihnen leuchtete es noch nicht einmal ein, dass Arabisch einfach nur deshalb eine übergeordnete Sprache sein solle, weil Gott sie für seine letzte Offenbarung gewählt habe.
Für viele andere Muslime jedoch bedeutete die Tatsache, dass der Koran auf Arabisch offenbart wurde, dass er in keine andere Sprache übersetzt werden konnte und dass er in der Originalsprache rezitiert werden muss. Diese Menschen verwiesen auf andere Stellen im Koran (43:3) und pochten darauf, dass es für alle Gläubigen Pflicht sei, Arabisch zu lernen, um den Koran rezitieren zu können.
Heutzutage spielt die arabische Sprache in der islamischen Welt nach wie vor eine große Rolle: Millionen Muslime lernen zumindest die wichtigsten Grundlagen, damit sie den heiligen Text verstehen oder wenigsten Teile daraus in ihren Gebeten rezitieren können.
Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.