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StartseiteKoran erklärt Religiöse Wurzeln der orientalischen Gastfreundschaft01.12.2017

Sure 51 Vers 24Religiöse Wurzeln der orientalischen Gastfreundschaft

Menschen aus dem Orient sind gemeinhin dafür bekannt, sehr gastfreundlich zu sein. Diese Eigenschaft hat auch eine Verankerung im Koran. Sie hängt mit niemand geringerem als Abraham zusammen.

Von Prof. Dr. Mona Siddiqui, University of Edinburgh, Schottland

Weiterführende Information

Das Buch "Koran erklärt". (Suhrkamp)Zu unserer Sendereihe ist ein Buch "Koran erklärt" im Suhrkamp-Verlag Berlin erschienen, herausgegeben von Deutschlandradio-Intendant Dr. Willi Steul. (Suhrkamp)

"Ist dir nicht die Geschichte von den ehrenvollen Gästen Abrahams zu Ohren gekommen?"

Abraham ist im Koran der "Führer" oder das "Vorbild" für die Menschen (Sure 2 Vers 124). Er ist derjenige, der sich Gott unterworfen hat und "Freund Gottes" ("khalîl allâh") genannt wird (4:125). Als Gott ihn erwählte, hatte Abraham weder Heimat noch Familie, dennoch suchte Gott ihn als Segen für alle Länder und Völker aus, als physischen Vater von Arabern und Juden und im weiteren Sinn als moralischen und spirituellen Vater von Christen und Muslimen.

Teaserbox zur Sendereihe "Koran erklärt" im Deutschlandfunk

Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation

Abrahams Berufung zum Propheten oder Patriarchen wird im Koran auf vielen Ebenen geschildert. Eine der bedeutendsten Geschichten über ihn ist die des Empfangs "ehrenvoller Gäste" in seinem Zelt.

Mona Siddiqui steht auf einer alten Steintreppe. (Callum Bennetts / Maverick Photo Agency)Mona Siddiqui ist eine bekannte und vielgefragte Koran- und Islam-Expertin in Großbritannien. (Callum Bennetts / Maverick Photo Agency)Die koranische Version dieser Geschichte taucht auch in den Suren 11, 15 und 29 auf. Sie endet damit, dass die Gäste Abraham versichern, sie hätten eine gute Nachricht für ihn: Seine Frau Sarah werden einen Sohn gebären.

Im Koran finden sich keine speziellen Ausführungen über Gastfreundschaft. Selbst der Begriff "Gäste" - arabisch: dayf / duyûf - taucht nur relativ selten auf. Die Ableitungen des Verbs "dâfa", von dem das Substantiv "Gastfreundschaft" im Arabischen abgleitet ist, gibt es einmal in der Form: "ihnen Gastfreundschaft anbieten" (Sure 18: Vers 77 "yudayyifûhumâ") und fünfmal über den Text verstreut in eben dieser Form des Wortes "dayf". Auch in unserem Vers werden Abrahams Gäste daher so bezeichnet.

Ungeachtet der Unterschiede zwischen der biblischen und koranischen Darstellung, beide Versionen berichten von einem Abraham, der willens, ja geradezu eifrig ist, Gastfreundschaft jenen drei Männern zu erweisen, die der Koran im nächsten Vers als "unbekannte Leute" ("qaumun munkarûn") bezeichnet. Laut dem Koran-Kommentator Ibn Kathîr aus dem 14. Jahrhundert waren die drei Engel in Gestalt stattlicher Männer. Es handelte sich demnach um Dschibrîl, Mika'îl und Israfîl.

Abrahams Benehmen wird als das bestmögliche eines Gastgebers beschrieben. Er bereitet die besten Speisen zu, stellt sie dicht neben seine Gäste und lädt sie unaufdringlich zum Essen ein. Erst als sie das Essen nicht anrühren, wird Abraham nervös, sogar etwas ängstlich. Doch die Engel selbst beruhigen ihn. Der Koran-Kommentator Ibn Kathîr erläutert, Engel essen nicht, weil Engel keine Nahrung benötigen.

Dass die Engel in der koranischen Version der Geschichte in Gestalt schöner Männer auftreten, kommt in islamischen Erzählungen immer wieder vor.

Die Hauptaufgabe von Engeln besteht darin, um Gottes Thron zu kreisen und Gott dadurch Ehre entgegen zu bringen. Das ist bekannt. Bestimmte Engel aber haben spezielle Zuständigkeiten. Sie erscheinen auf der Erde oder wünschen, dies zu tun, um Botschaften von Gott zu übermitteln. Ihre Besuche können Ehrfurcht und Angst unter den Sterblichen auslösen. Das schließt auch die Propheten mit ein. Letztlich aber verleiht ihnen ein Engelsbesuch eine noch größere Autorität.

Abrahams Geschichte über seine Gäste haben viele als Ausdruck von Selbstlosigkeit und Offenheit gegenüber Fremden verstanden. Wer Fremde aufmerksam und fürsorglich in seinem Haus willkommen heißt, sie also nicht einfach nur duldet, für den wird ihre Anwesenheit am Ende vielleicht ein Segen sein.

Die Audio-Version musste aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzt werden. 

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