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StartseiteKoran erklärt Über den Umgang mit Nicht-Muslimen10.08.2018

Sure 60 Vers 7Über den Umgang mit Nicht-Muslimen

Die einen sagen, der Koran ruft dazu auf, Nicht-Muslime zu bekämpfen. Die anderen sagen, er fordert einen freundlichen und respektvollen Umgang mit ihnen. Unsere Autorin, Professorin Asma Afsaruddin, hat sich mit den historischen und modernen Sichtweisen zu der Frage befasst, und kommt zu einem eindeutigen Schluss.

Von Prof. Dr. Asma Afsaruddin, Indiana University, Bloomington, USA

Weiterführende Information

Das Buch "Koran erklärt". (Suhrkamp)Zu unserer Sendereihe ist ein Buch "Koran erklärt" im Suhrkamp-Verlag Berlin erschienen, herausgegeben von Deutschlandradio-Intendant Dr. Willi Steul. (Suhrkamp)

"Vielleicht stiftet Gott ja Liebe zwischen euch und zwischen denen, die euch feindselig gesinnt unter ihnen. Gott ist mächtig. Gott ist bereit zu vergeben, barmherzig."

Eine Untersuchung der wichtigsten Koran-Kommentare aus vormoderner Zeit belegt, dass dieser Vers zusammen mit den nachfolgenden Versen 8 und 9 gelesen und interpretiert wurde. Diese Verse lauten: "Gott verbietet euch nicht, freundlich zu sein zu denen, die euch nicht der Religion wegen bekämpften und nicht aus euren Häusern vertrieben, und sie gerecht zu behandeln. […] Gott verbietet euch nur, die zum Freund zu nehmen, die euch wegen eurer Religion bekämpften und euch aus euren Häusern vertrieben und anderen bei eurer Vertreibung halfen. Wer sich sie zum Freund nimmt, der gehört zu den Frevlern."

Ein Koran liegt in einer Vitrine im Qatar Doha Museum of Islamic Art. (imago/Qatar Museum of Islamic Art)

Die Sendereihe "Koran erklärt" als Multimediapräsentation

Die gesamte Koranpassage ordnet für Muslime und Nichtmuslime, die miteinander in Frieden leben, einen freundlichen und respektvollen Umgang an.Porträt (priv.)Asma Afsaruddin forscht unter anderem zu Koran und Gender-Fragen. (priv.)

Der berühmte Koran-Kommentator al-Tabarî erklärte im 10. Jahrhundert, die Verse gestatteten Muslimen eindeutig, liebenswert zu Nichtmuslimen zu sein, die sie nicht anfeinden. Das gelte, solange die Sicherheit der Muslime dadurch nicht gefährdet werde. Denn Gott, sagt al-Tabarî, liebt diejenigen, die fair sind (al-munsifîn), die Menschen die Rechte zugestehen, die ihnen gebühren, die persönlich gerecht sind und denen Gutes tun, die ihnen Gutes tun.

Die Ansicht wurde eigentlich von allen großen Exegeten geteilt, die nach al-Tabarî kamen. So betonte al-Zamachschârî im 12. Jahrhundert, dass die arabische Aufforderung "wa-tuqsitû" in Vers 8 von Muslimen verlange, Nichtmuslime gerecht zu behandeln und nicht zu unterdrücken. Gut 100 Jahre später führte al-Râzî aus, egal ob sie zur Verwandtschaft gehörten oder nicht, gemäß dieser Verse in Sure 60 müssten Muslime gerecht mit Nichtmuslimen umgehen und die Verträge mit ihnen achten.

Der Koran umarmt hier also alle friedlichen Menschen ungeachtet ihrer Religion. Einigen vormodernen Exegeten, die eine exklusivistische Weltsicht vertraten, schmeckte das jedoch nicht. Zu ihnen gehörten der frühislamische Gelehrte Muqâtil Ibn Sulaimân im 8. Jahrhundert und ‘Abd al-Razzâq al-San’ânî im 9. Jahrhundert. Beide behaupteten, die Koranpassage in Sure 60 sei abrogiert, also aufgehoben worden - und zwar durch Sure 9 Vers 5, den sogenannten Schwertvers: "Sind die heiligen Monate abgelaufen, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, ergreift sie, belagert sie und lauert ihnen auf aus jedem Hinterhalt!"

Meine jüngste Studie* belegt jedoch, die Mehrheit der vormordernen Koran-Kommentatoren war davon überzeugt, dass unsere Koranpassage aus Sure 60 für alle Zeit Bestand habe. Am deutlichsten und unerschütterlichsten äußerte dies al-Qurtubî im 13. Jahrhundert. Strikt forderte er, die Aufforderung in Sure 60 beizubehalten und freundlich zu jenen zu sein, die Muslimen keinen Schaden zufügen. Das gelte unabhängig jeglicher religiöser Zugehörigkeit, so al-Qurtubî. Die Aufforderung sei unmissverständlich und zeitlos gültig.

Später betonte das der moderne syrische Gelehrte Sa’îd al-Bûtî, der 2012 gestorben ist, in ähnlicher Weise. Zudem hielt er fest, die Aufforderung in Sure 9 Vers 5, die Polytheisten zu töten, also jene, die Gott weitere Gottheiten beigesellen ("muschrikûn"), beruhe nicht auf deren Unglaube ("kufr"), sondern auf deren gewaltsame Feindseligkeiten ("hirâba"). al-Bûtî führte aus, der Koran halte in Sure 2 Vers 256 fest, in der Religion gebe es keinen Zwang. Und diese grundlegende Verfügung im heiligsten Text des Islams werde durch die Passage aus Sure 60 unterstrichen.

Die Audio-Version musste aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzt werden.

*Asma Afsaruddin, Striving in the Path of God: Jihad and Martyrdom in Islamic Thought [Oxford University Press, 2015]

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