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Surreales Liebesleid

In Baden-Baden haben die Herbstfestspiele begonnen. Zur Eröffnung stand Wagners "Tristan" auf dem Programm - eine Koproduktion mit dem Glyndebourne Festival. Regie führt Nikolaus Lehnhoff, mit dem die Baden-Badener Festspiele schon seit langem zusammenarbeiten. 2004 inszenierte Lehnhoff den "Parsifal", 2006 den "Lohengrin" und im Juli dieses Jahres Puccinis "Tosca". Die musikalische Leitung hatte Jiri Behloválek.

Von Kirsten Liese | 26.09.2007

In Deutschland ist er seltsamerweise noch weniger bekannt, aber in Glyndebourne und bei den Proms in London wurde er zurecht schon groß gefeiert: der tschechische Maestro Jiri Behloválek. Mit seinem "Tristan" in Baden-Baden empfahl er sich nun als ein exquisiter Wagner-Interpret. Behloválek dirigiert sehr farbenreich und - in Abstimmung mit der Inszenierung - mit meditativer Ruhe und Gelassenheit. Vor allem in den leisen Stellen und den Vorspielen waltet eine wunderbare Transparenz, da hört man ganz genau die fließenden Übergänge zwischen den Streichern, und die Holzbläser des London Philharmonic betören mit schönen, sonoren, makellosen Soli. Weltspitzenorchester wie die Berliner Philharmoniker oder die Berliner Staatskapelle können das auch nicht besser. So gesehen ist Behlovalek, wenn auch jetzt noch ein Geheimtipp, ein angehender ganz großer Wagnerdirigent in den Fußstapfen eines Christian Thielemann.

Alles andere als ein Newcomer ist dagegen Regisseur Nikolaus Lehnhoff, der schon den "Parsifal" und "Lohengrin" in Baden-Baden inszenierte. Mit "Tristan und Isolde" setzt er seinen ambitionierten Wagner-Zyklus fort. Gelungen ist abermals eine intelligente, zeitlose Inszenierung, die ästhetisch sehr an Wieland Wagners Regiearbeiten erinnert, der für seine ovalen Scheiben und strengen geometrischen Formen bekannt war. Lehnhoff war einst Wieland Wagners letzter Assistent, aber in keiner früheren Arbeit zeigte er sich so inspiriert und beeinflusst von ihm wie bei seinem "Tristan".

Die Bühne des Schweizers Roland Aeschlimann ist eine kosmische, elliptische Spirale. Sie suggeriert Wind und Wellen und ist alles in einem: bergendes Schiffsinneres, Liebesnest, wachendes Auge und Todeszelle. Eine hermetische Welt, die Tristan und Isolde einen Schutzraum bietet und gefangen hält. Raum und Zeit wirken in diesem utopischen Universum wie aufgehoben, auch wenn die Figuren prächtige Mittelalterkostüme tragen, die auf Gottfried von Straßburgs Romanvorlage verweisen.

Lehnhoffs Personenführung ist unaufdringlich und intensiv. Nach dem Scheitern ihrer Liebe bewegen sich Tristan und Isolde todessehnsüchtig wie in Trance.

Schon ab Mitte des zweiten Akts wirkt Isolde nicht mehr wie von dieser Welt, allen anderen mit dem Rücken zugewandt, gar regungslos am Aktschluss, als Tristan sich nahezu freiwillig in Melots Schwert stürzt.

Kompensiert wird die Statik durch raffinierte Beleuchtungswechsel großer Farbflächen: Die Liebesnacht ereignet sich als fiebrige Vision im azurblauen Weltenraum. In gleißender Helle überführt Melot den Helden des Treuebruchs. Auch der Hirt zieht vor himmlischem Weiß als alter Mann mit Hut und Stock am Bühnenrund vorüber. Und wenn Kurwenal seinen Herrn schließlich zur letzten Ruhe bettet, schließt sich der schwarze Vorhang.

Innerhalb des Sängerensembles nimmt vor allem Nina Stemme für sich ein, die diesmal ihren Liebestod diesmal gar noch inniger durchlebt als schon bei ihrem Bayreuth-Debüt. Eine Isolde mit schlanker Stimmführung, großem Volumen, glockiger Höhe, schier unerschöpflichen Reserven im Spitzenregister, und zudem mit langem rotblonden Haar und schlanker Figur im Glitzerkleid eine attraktive jugendliche Erscheinung. Nur hätte man ihr einen ebenbürtigeren Partner als Tristan gewünscht. Robert Gambill hält sich zwar über weite Strecken wacker und singt auch ebenso gut textverständlich wie alle anderen, aber im letzten Akt kämpft er sich doch recht angestrengt durch seine gewaltige Partie.

Stärkere Bühnenpartner findet Nina Stemme dagegen in Stephen Milling als Marke, in Bo Skovhus als Kurwenal und Katarina Karnéus als Brangäne.

Festspielintendant Andreas Mölich-Zebhauser hat bei dieser Koproduktion mit Glyndebourne einmal mehr instinktsicher guten Geschmack bewiesen. Und so festigt Baden-Baden seinen guten Ruf als hervorragende Adresse für Wagners Musikdramen.