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Systemische Dialoge

Vor 40-50 Jahren begann die systemische Familientherapie mit einem damals revolutionärem Konzept: sie arbeitete nicht mehr mit einzelnen Klienten, sondern mit ganzen Familien. Aus systemischer Sicht werden ein Alkoholiker, eine Depressive oder ein hyperaktives Kind als Teil eines Ganzen gesehen. Statt die Eigenschaften einer einzelnen Person zu verändern, versuchen die Therapeuten und Therapeutinnen in Paar- und Familiengesprächen gemeinsam mit allen Beteiligten neue Muster im Umgang miteinander zu finden.

Von Ulrich Joßner |
    In der vergangenen Woche trafen sich 3500 Familientherapeuten, Psychiater, Psychologen, Psychotherapeuten und Sozialarbeiter aus aller Welt in Berlin, um über den aktuellen Stand und die Zukunft der Familientherapie und Systemischen Praxis zu diskutieren. Die wird zwar auf der ganzen Welt praktiziert und anerkannt, aber in Deutschland anders als in den USA, Großbritannien, Österreich oder den Niederlanden nicht bezahlt. Denn 1999 hat der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie der Systemischen Therapie die Anerkennung verweigert. Von daher hatte die Veranstaltung auch eine klare gesundheitspolitische Stoßrichtung.


    Auf dem Kongress in Berlin wollten die versammelten Systemischen Therapeuten beweisen, dass sie nicht nur in ihrem Kerngebiet der Familientherapie, sondern auch auf vielen anderen Gebieten Erfolge aufzuweisen haben. So gab es Seminare und Workshops, deren Themenspektrum sich von Gewalt in Familie und Schule, von Drogentherapie und psychiatrischer Praxis bis zur Stärkung der Kommunikationsfähigkeiten von Hausärzten erstreckte.

    Auch Professor Dr. med. Michael Scholz vertrat seinen Ansatz offensiv. Er hat schon in den 70er Jahren in der DDR mit Eltern in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet. Heute ist er Direktor einer Tages-Klinik in Dresden, wo er magersüchtige Mädchen zusammen mit ihren Familien therapiert. In der herkömmlichen Klinik-Behandlung, kritisiert er, könne man zwar eine Gewichtszunahme erreichen, aber in dem Zeitraum, der von den Krankenkassen bezahlt werde, könne man sich wenig um die Hintergründe kümmern und auch die gestörten Körperschemata der Mädchen – sie finden sich auch nach der Therapie meist noch zu dick – nicht aufbrechen. Daher liegt die Rückfallquote in Krankenhäusern bei 25 Prozent, hat eine englische Untersuchung herausgefunden. Und nach einem zweiten stationären Aufenthalt beträgt sie sogar 70 Prozent. Das sei eigentlich kein Wunder, wenn die Familie nicht mit einbezogen wird, meint der Kinderpsychiater. Denn er weiß, dass bis zu 30 Prozent der Mütter seiner Patientinnen eine reaktive Depression haben:

    Eine Mutter hat mir mal gesagt: "Ich kann mein Kind nicht ernähren! Am Anfang steht der große Konflikt: "Mama, wenn du mich liebst, dann zwing mich nicht zum Essen!" Und normalerweise ist eine Mutter völlig deprimiert, wenn sie so etwas hört. Und wir bieten ihnen an: "Weil ich dich so liebe, will ich dich nicht hungern lassen, nicht sterben lassen! Also muss ich etwas tun, dass du isst."

    Auch die Mütter entwickeln im Verlauf der Therapie eine größere Autonomie und die emotionale Verbundenheit innerhalb der Familien nimmt zu.
    Ivan Eisler, ein englischer Kollege von Prof. Scholz, hat in einer Studie belegt, dass die Rückfallquote bei Anorexie im Rahmen einer Familientherapie nur 5 Prozent beträgt. Die systemische Familientherapie ist bei Anorexie von Jugendlichen die erfolgreichste Behandlungsmethode und wird deshalb in England auch empfohlen – und bezahlt. Professor Scholz hat nun bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen Antrag auf eine Parallelstudie zu der englischen gestellt, der jedoch abgelehnt wurde. Die Begründung am Telefon: Die systemische Familientherapie sei ja nach Auffassung des wissenschaftlichen Beirats kein wissenschaftliches Verfahren und man wolle keine Mittel verschwenden.

    Also hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Die Psychotherapiekommission lehnt die Familientherapie ab, weil keine wissenschaftlichen Untersuchungen vorliegen. Und die Deutsche Forschungsgesellschaft lehnt es ab, weil das Verfahren nicht anerkannt ist. Das ist deutsche Bürokratie.

    Dabei kann man mit systemischer Familientherapie auch Geld sparen, rechnet Prof. Scholz vor. Er hat für seine Arbeit die Form einer Tagesklinik gewählt, da eine ambulante Therapie in Deutschland nicht gezahlt wird.

    Eine stationäre Behandlung kostet bei uns etwa 60 – 70.000 Euro im Jahr. Und eine tagesklinische kostet mit dem gleichen Aufwand, mit der gleichen Länge, unter Einbeziehung der Mutter als Patientin 15.000 Euro. Das akzeptieren aber die Kassen in Deutschland nicht.

    Ums Geld geht es auch einer relativ neuen Klientenschicht der Familientherapie. Dass ausgerechnet sie an die Tür von Familientherapeuten klopfen würden, hätte man nicht unbedingt erwartet. Mittlerweile entdecken nämlich immer mehr Unternehmen, dass die Prinzipien der systemischen Therapie, alle Beteiligten ernst zu nehmen und mit komplexen Systemen umgehen zu können, auch gut auf Unternehmen anzuwenden sind. Professor Fritz B. Simon, Psychiater, Psychoanalytiker und systemischer Familientherapeut, ist dabei zum Fan von Familienunternehmen geworden.

    Familienunternehmen sind hoch-riskante Geschichten. Wenn es nicht gelingt, die Spielregeln des Unternehmens und die der Familie, die eigentlich ja in vielerlei Hinsicht sehr widersprüchlich sind – einmal geht es um rationale, rechnerisch begründbare Entscheidungen, das andere Mal geht es um Emotionen – wenn diese Emotionen dazu führen, dass inkompetente Familienmitglieder in eine verantwortliche Position kommen, dann ist das Unternehmen so gut wie tot. Und wenn man in der Familie anfängt, sozusagen nur nach ökonomischen Kriterien zu entscheiden, dann ist die Familie tot. Und wenn es gelingt, diese Paradoxien, in denen man da steckt, aufzulösen, dann sind Familienunternehmen eigentlich unschlagbar.

    Angesichts solcher Erfolge ist der Kongresspräsident Dr. Ludewig optimistisch, dass die Systemische Therapie nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie anerkannt wird.

    Ich rechne mit einem Minimum von drei bis fünf Jahren, maximal zehn Jahre. Ich will es noch zu meinen Lebzeiten erleben. Und meine Tocher, die Psychologin ist, die will auch Systemische Therapeutin werden. Im Moment muss sie Verhaltenstherapie lernen – nolens volens.