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Systemversagen

Peinlich und erschreckend, der Korruptionsfall Heinze im NDR. Natürlich, hier lag beträchtliche kriminelle Energie einer Einzelnen zugrunde. Aber in der ARD wird gemunkelt, dass viele im Funkhaus von den Machenschaften gewusst hätten.

Von Andreas Stopp |
    Wenn das zutrifft: Warum hat keiner etwas gesagt? Warum wies keiner die Geschäftsleitung hin auf offenbar merkwürdige Machenschaften? Dann hätte der Imageschaden für NDR und ARD begrenzt werden können. Anscheinend aber gab es Ketten der Abhängigkeit, aus denen niemand den Mumm hatte auszubrechen.

    Sag’ ich‚ was, mache ich mich zumindest unbeliebt, wenn mir nicht Schlimmeres widerfährt. Deshalb hielten Autoren und Redakteure sich zurück! Und das in einem Milieu, das doch gerade für Freiheit des Wortes und die Geltung der Wahrheit da sein soll!

    Kein Wunder auch, wenn alle, die etwas wissen oder ahnen kuschen. So lässt sich auch die Einheitssoße erklären, die oftmals übern Bildschirm schwappt. Denn bei einem solchen System der Einschüchterung und gegenseitigen Abhängigkeit bleibt vor allem eines auf der Strecke: Die Kreativität.

    Natürlich muss es Stellen geben, die letztlich Entscheidungen treffen. Aber nach welchen Prämissen tun diese das? Geldwerte Vorteile? Förderung der eigenen Karriere? Füllung des eigenen Geldbeutels?

    Werden in diesem System die Folgsamen belohnt, weil sie den Mund halten? Die ARD hat Besseres verdient und sie hat die guten Leute, die dazu verhelfen können. Und doch haben alle Kontrollmechanismen versagt. Ein halbes Dutzend Unterschriften auf Produktionsanträgen – da sollte doch einer dabei sein, dem ‚was auffällt!

    Oder hat das Sysrtem gar nicht versagt? Weil es ein Manko hat? Wo sind die Vertrauenspersonen, an die sich der Mitarbeiter im Haus wenden kann? Nicht um anzuschwärzen. Nicht um Rufmord zu begehen. Sondern, mit denen er im Vertrauen reden kann über das, was er für problematisch, für schädlich in seinem Sender hält.

    Wo sind die Ombudsmänner, die dann frei und ungebunden recherchieren, ob und was zutrifft von den Informationen, die ihm geliefert werden? Und die dann schon Schaden vom Sender wenden können bevor ein Stadium erreicht ist wie jetzt im Fall Heinze.

    In diesem Sinne: Gut so, NDR-Intendant Lutz Marmor, dass Sie einen Anti-Korruptionsbeauftragten berufen wollen und einen Vertrauensanwalt. Höchste Zeit dafür.