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StartseiteSport am WochenendeZwischen Eigeninteresse und Fairnessgedanken24.05.2020

Szenario SaisonabbruchZwischen Eigeninteresse und Fairnessgedanken

Derzeit scheint das Konzept der Deutschen Fußball Liga zur Fortsetzung der ersten beiden Bundesligen zu greifen, doch auch ein Saisonabbruch ist jederzeit möglich. Die DFL würde dann gerne die Tabelle zum Zeitpunkt des Abbruchs werten, manche Klubs wollen Entscheidungen verschieben. Doch was ist rechtens?

Von Daniel Theweleit

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Spieler des SV Werder Bremen vor der Partie gegen Bayer Leverkusen am 18. Mai. (www.imago-images.de)
Für Werder Bremen könnte ein Saisonabbruch mit der aktuellen Tabellensituation den Abstieg bedeuten. (www.imago-images.de)
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Eine ungewohnte Stille liegt über dem Spielbetrieb der Fußball-Bundesliga. In den Stadien fehlen die Gesänge, die Anfeuerungen und die Diskussionen. Und neben dem Platz ist in diesen Tagen eine brisante Debatte verstummt: die Kontoverse über die Frage, was passiert, falls doch nicht alle Partien zu Ende gespielt werden können. Wer wäre Meister, wenn die Saison abgebrochen wird? Wer qualifiziert sich für die Europapokale? Wer steigt auf und wer steigt ab?

Die Liga ist geteilt

Für einige Tage haben die Klubs mächtig gestritten, zehn Erstligavereine wollten dem DFL-Präsidium zustimmen und einfach die Tabellenstände zum Abbruchzeitpunkt werten. Acht nicht. Erstmals in den Corona-Wochen traten Partikularinteressen in den Vordergrund. Nun sagt Frank Baumann, der Sportchef von Werder Bremen:

"Über eine mögliche Wertung eines Saisonabbruchs möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht in der Öffentlichkeit diskutieren. Ich glaube die Deutsche Fußball-Liga mit Herrn Seifert an der Spitze hat es wirklich geschafft, dass die Liga zusammengeblieben ist. Da gab es in Deutschland aber auch im Ausland ganz andere Streitigkeiten, unterschiedliche Meinungen, die dort gerne nach außen getragen wurde. Und das ist uns wirklich in den letzten Wochen sehr, sehr gut gelungen, mit vielleicht mit einer kurzen Ausnahme, aber ich glaube, das konnte jetzt wieder sehr, sehr gut eingefangen werden."

Kontroverse in der dritten Liga

In der dritten Liga sind die Fronten hingegen verhärtet. In den Niederlanden und in Frankreich gibt es erste Klagen gegen Abstiege oder nicht realisierte Aufstiege, die am grünen Tisch festgelegt worden sind. Solche Konflikte und die möglicherweise schwerwiegenden Folgen sollen in der ersten und zweiten Bundesliga unbedingt verhindert werden. Das Problem: Im Gegensatz zu anderen Sportarten wie zum Beispiel Handball, haben die Fußballer es versäumt, das Szenario eines Saisonabbruchs in ihre Spielordnung aufzunehmen, sagt der auf Sportrecht spezialisierte Jurist Markus Buchberger.

"Es gibt für den Fall, dass eine Saison bis zum 30.6. eines Spieljahres nicht zu Ende gespielt wird, keine Regelung. Das heißt, wenn es so sein sollte, dass die Liga nicht in der Lage sein wird, alle Spiele bis zum 30.6. fair zu Ende zu führen, dann muss eine Regelung getroffen werden von den Klubs. Ansonsten bliebe nur die Annullierung einer Saison, was aber in den Regeln erstens nicht vorgesehen ist und zweitens die Schlechteste aller Lösungen wäre."

DLF müsste die Satzung ändern

Um für Klarheit zu sorgen, müsste die DFL ihre Satzung ändern – dafür braucht es eine Zweidrittelmehrheit. Das DFL-Präsidium hat Mitte Mai einen entsprechenden Vorschlag gemacht: Die Funktionäre favorisieren ein Modell, in dem es auch dann Auf- und Absteiger gibt, wenn das zerbrechliche Saisonfortsetzungsprojekt aus irgendwelchen Gründen scheitert.

Hinter diesem Ansinnen verbirgt sich eine klare Botschaft: Kein Verein soll darauf spekulieren können, von einem vorzeitigen Abbruch zu profitieren.Damit alle weiterhin mit vollem Engagement die Geisterspiele mittragen und das anspruchsvolle Hygienekonzept umsetzen. Doch der Widerstand ist zu groß. Nun soll bis zum Ende der kommenden Woche eine "Regelung entwickelt" werden, teilt die DFL vage mit.

Clubs bereiten sich juristisch vor

Dennoch könnten auch in Deutschland Fußballunternehmen klagen, was aber wohl nur für Vereine möglich wäre,

"die gegen eine Lösung gestimmt haben, gegen die sie dann später klagen wollen. Das heißt, wenn ich mich in einer Versammlung, in der über die Wertung einer Saison entschieden wird, für diese Wertung entscheide, dann kann ich schlecht hinterher vor Gericht vertreten, dass ich aus welchen Gründen auch immer diese Wertung angreife, wenn ich auf einmal selbst betroffen bin",

sagt der Jurist Buchberger. Die Klubverantwortlichen stehen vor dem Hintergrund solcher Überlegungen derzeit im engen Austausch mit ihren Anwälten, spielen Möglichkeiten durch. Wobei Klagen vor einem Zivilgericht untersagt sind. Der Fußball hat,

"wie viele andere Spotverbände auch ein Schiedsgericht eingerichtet, das nennt sich das ständige Schiedsgericht für Vereine und Kapitalgesellschaften der Lizenzligen, kurz ständiges Schiedsgericht. Das geht also nicht vor das Landgericht nach Frankfurt, wenn man sich gegen eine Entscheidung der DFL wehrt. Es gibt nur diese eine Instanz, die – wenn sie keine groben juristischen Fehler begeht – auch abschließend entscheidet."

Erfolgschance bei Klagen hängt von der Liga ab

Ein dreiköpfiges Gremium um den ehemaligen Verfassungsrichter Udo Steiner würde also Recht sprechen. Ein Erfolg ist für die Kläger aber eher unwahrscheinlich, wenn zuvor die notwendige Zweidrittelmehrheit der 36 Vereine für irgendeine Lösung zustande gekommen war. Weil der Kläger gegen ein Regelwerk vorgehen würde, das er durch seine Wettbewerbsteilnahme grundsätzlich akzeptiert. Unterhalb der zweiten Liga dürften Klagen hingegen größere Erfolgsaussichten haben, sagt der Sportanwalt Buchberger:

"Da treffen nicht die Mitglieder der Liga drei die Entscheidungen über das Regelwerk, sondern der DFB und seine Gremien. Und das ist natürlich eine andere rechtliche Ausgangslage. Weil die Klubs, die negativ betroffen sind und das sind in der dritten Liga eine ganze Reihe, sich nicht gegen ihre eigene Entscheidung wehren, sondern gegen eine Entscheidung des DFB als Gesamtverband.‘

Clubs spielen auf Zeit

In den ersten beiden Ligen zögern nun viele Klubs einer Regelung zuzustimmen. Weil sie wissen, dass eine Tabellenwertung vor dem eigentlichen Saisonende immer zu Ungerechtigkeiten führen wird, deren Dimension heute schwer absehbar ist. Aber die Zeit drängt. Denn je länger das Spieljahr fortschreitet, desto genauer wissen alle Beteiligten, inwiefern sie selbst betroffen sein werden. Das erhöht die Gefahr, dass kaum noch jemand das allgemeine Interesse der Ligen im Auge hätte. Es ist eine hoch komplexe Gemengelage, die die 36 Vereine hier zu lösen haben. Aber im Moment besteht ja Grund zur Hoffnung, dass die Saison zu Ende gespielt wird.

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