Samstag, 10. Dezember 2022

Archiv

Tag der Archive
Konservierte Tonbandgeschichte in Gefahr

Ob ausgestorbene Dialekte, eine Rede Kaiser Wilhelms II. oder der Gesang eines längst verstorbenen Stars: In einem Audio-Archiv in Halle sind sie auf alten Tonwalzen und -bändern konserviert. Doch die schlechten Lagerbedingungen drohen, diese Audioschätze zu zerstören.

Von Christoph Richter | 07.03.2014

    Das ist Wangerooger Friesisch, eine Aufnahme aus dem Jahr 1924. Ein ausgestorbener Dialekt, den die Menschen bis in die 1930er-Jahre auf der Nordseeinsel Wangerooge so gesprochen haben sollen. Eine von etwa 12.000 Aufnahmen der Phonetischen Sammlung des Seminars für Sprechwissenschaft und Phonetik der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg.
    Darunter befinden sich auch Original-Reden von Kaiser Wilhelm II. oder Schriftstellern, wie zum Beispiel Gerhart Hauptmann, Thomas und Heinrich Mann. Oder eben jene Wahlaufforderung zur Reichstagswahl 1928.
    Gerhardt Hauptmann oder Thomas Mann zuhören
    Aufgenommen wurden die frühen Tondokumente mit einem Edison Phonographen. Eine Art Trichter-Grammophon, erklärt Archiv-Betreuer Peter Müller:
    "Die Funktionsweise ist eigentlich ganz einfach. Es werden zylindrische Wachswalzen verwendet. Durch einen waagerechten Stift wurde die Information eingraviert oder bei der Wiedergabe wurde die Information herausgelesen, aus den Rillen der Wachswalzen."
    Sie sehen aus, wie kleine schokoladenfarbene Röhren. Und stehen in einem profanen Blechspind in einem muffigen Raum einer Gründerzeitvilla. Schutzmaßnahmen sind in dem Schallarchiv allerdings so gut wie nicht vorhanden, stattdessen sind die kostbaren Ton-Walzen Hitze, Feuchtigkeit oder Staub ausgesetzt.
    "Viele sind auch schon, oder besser einige sag ich mal, sind schon kaputt gegangen. Oder einfach abhandengekommen."
    Gesteht Archiv-Mitarbeiter Peter Müller. Normale Lagerbedingungen haben wir fast nie gehabt, ergänzt noch Institutsdirektor Baldur Neuber:
    Kostbare Tonwalzen sind Hitze, Feuchtigkeit oder Staub ausgesetzt
    "Eine Zeit lang lagen mal Dinge im Keller, 'ne Zeit lang waren sie in einem ganz anderen Gebäude. Immer mehr oder weniger notdürftig untergebracht. Das heißt über ideale Bedingungen können wir nur träumen. Und das hat diesen Dingen mit Sicherheit nicht gut getan. Man versucht, die nach Möglichkeit erst gar nicht auszupacken und jetzt einfach mal so aufzulegen. Sondern wenn, dann einmalig. Um das Signal zu übertragen und zu digitalisieren."
    Allerdings sind bis jetzt gerade mal 10 bis 15 Prozent des Bestandes digitalisiert. Auch weil die entsprechenden Abspielgeräte fehlen. Vieles was im Archiv lagert, wurde, seit dem es aufgenommen wurde, nie wieder gehört. Damit weiß auch niemand, bedingt durch die miserablen Lagerbedingungen, ob heute auf den Wachswalzen überhaupt noch was zu hören ist. Im Klartext bedeutet das: In Halle steht ein weltweit einzigartiges Archiv vor dem Verfall. Institutsdirektor Baldur Neuber, ein kleiner Mann, nickt nachdenklich mit dem Kopf:
    Nur 10 bis 15 Prozent des Audiobestands sind digitalisiert
    "Bisher ist es uns offenbar nicht gelungen, die Sammlung mal angemessen aufzubereiten. Das ist dann vielleicht schon das Desaster. Das wäre eigentlich dringend erforderlich. Da hat man offenbar keinerlei Geld und keinerlei Möglichkeiten, so aufzubereiten wie man es müsste."
    Es geht hier geschätzt um etwa 600-800.000 Euro, die für die Digitalisierung und den Erhalt des Audioarchivs nötig seien, so Neuber weiter. 1910 wurde die Sammlung von dem Phonetiker Otto Bremer ins Leben gerufen.
    "Er hatte an sich das ehrgeizige Ziel gehabt, sowas wie die deutsche Bibliothek als Schallarchiv aufzubauen. Die Idee war tatsächlich, aussterbende Dialekte, seltene Stimmen, berühmte Persönlichkeiten, berühmte Sänger aufzunehmen."
    Eine der kostbaren Raritäten ist die frühe Aufnahme einer Reportage eines Autorennens vom Nürburgring.
    Neben den Wachswalzen lagern in einem alten Holzregal auch hunderte alter Tonbänder. Deren Zustand ist kritisch, da das Bandmaterial durch die schlechten Lagerbedingungen über die Jahrzehnte rissig und spröde wurde. Beim Überspielen kann es passieren, dass die Bänder reißen und geklebt werden müssen.
    Am Besten haltbar sind zum Beispiel Schellackplatten
    Weniger Probleme machen dagegen Schellackplatten oder sogenannte Decilith-Schall-Folien, elastische Schallplatten gewissermaßen. Sie seien am besten haltbar, unterstreicht Institutsdirektor Baldur Neuber:
    "Gesprochene Sprache hat ja viel mehr Information als nur den Inhalt. Die Stimme sagt sehr viel über den Zustand des Menschen aus, sie sagt sehr viel über die Herkunft des Menschen aus. Der Dialekt ist wie eine Visitenkarte, ich gehöre dazu, ich gehöre nicht dazu. Das ist doch alles sehr spannend nicht wahr?!"
    Gerade deswegen mahnt Neuber dringend eine schnelle Digitalisierung an, da sonst die Phonetische Sammlung des Seminars für Sprechwissenschaft und Phonetik der Uni Halle, dass auch ein Museum für die Ohren ist, für immer verloren geht.