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StartseiteKultur heutePlädoyer für einen neuen Einheitsfeiertag09.10.2019

Tag der Friedlichen RevolutionPlädoyer für einen neuen Einheitsfeiertag

Am 9. Oktober 1989 begann die Friedliche Revolution mit einer Demonstration in Leipzig. Hier entstand jenes Video, das die Bilder der Protestbewegung weltweit verbreitete. Einen Monat später war die Mauer offen. Der 9.10. ist der wahre Tag der Einheit, meint Vladimir Balzer.

Von Vladimir Balzer

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Bild von der Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989 (dpa / Volkmar Heinz)
Die Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig (dpa / Volkmar Heinz)
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Dieser 9. Oktober war der entscheidende Tag. 70.000 Menschen auf der Straße. Nicht bestellt, nicht verpflichtet wie bei den Jubelaufmärschen der Staatsmacht. Sondern frei. Freie Menschen auf den Straßen einer Diktatur. Was für ein Bild!

Menschen aus allen Schichten - Handwerker, Akademiker, Bauarbeiter, Lehrerinnen, auch ein paar Schüler so wie ich. Na ja: nach der Schule. Mit ausdrücklichem Verbot der Eltern, versteht sich. Natürlich unangemeldet, natürlich ohne Erlaubnis, natürlich ohne Technik. Einfach nur die Menschen, ihre Rufe und ihre Lieder.

Sie liefen um den Innenstadtring. "Keine Gewalt", "Gorbi, Gorbi", "Wir sind das Volk" riefen sie. Und es wurde gesungen: "We shall overcome". Womit die Angst gemeint war, die Angst vor der Staatsmacht. Es war ein Wegsingen dieser Angst. Denn den meisten war bewusst, wozu Regime wie diese in der Lage waren. 1953 in Ost-Berlin. 1968 in Prag. Im Juni 1989 in Peking. Es gab Tote. Niemand half. 

"Keine Gewalt!"

Und ja, es hätte auch an diesem 9.Oktober 1989 auf den Straßen von Leipzig passieren können. 8000 Polizisten, paramilitärische Trupps und Soldaten der so genannten "Nationalen Volksarmee" standen bereit, mit zum Teil schwerem Gerät. Vielleicht war es gut, dass die meisten Demonstranten die Details dieser Vorbereitungen nicht kannten. Aber sie hatten Vertrauen in sich, sie hatten Vertrauen in den Satz "Wir sind das Volk". Damit meinten sie auch die Wehrpflichtigen, die nicht auf ihre Familien schießen wollten. Damit meinten sie auch den Dirigenten Kurt Masur, der vor der Demo mit anderen einen Aufruf durch Lautsprecher verlesen ließ: "Keine Gewalt!" Er sagte es nicht explizit, aber damit war vor allem die Staatsmacht gemeint.

Es war die Formel des Tages, es war die Grundlage der Friedlichen Revolution. Und es gab noch andere Leitsätze in dieser stolzen Bürgerstadt Leipzig. "Für ein offenes Land mit freien Menschen", so hieß ein Transparent, das noch im September von der Stasi runtergerissen wurde. Jetzt traute sie sich das nicht mehr. Gibt es Schöneres? Ein offenes Land mit freien Menschen. Es waren Visionäre.

Sie hatten mit ihrer besonnenen, friedlichen, offenen, positiven Art erreicht, dass die Staatsmacht es nicht wagte einzugreifen. Die verantwortlichen Funktionäre igelten sich ein, kein Befehl zum Eingreifen - nirgends. Der Frieden war bewahrt. Die mutigen Bürgerinnen und Bürger von Leipzig hatten es geschafft. Am Morgen danach war klar: Die Friedliche Revolution hatte gesiegt. Das geschmuggelte Video von Bürgerrechtlern kam ins Westfernsehen, die Welt wusste Bescheid.

Der entscheidende Tag

Es war der entscheidende Tag, dieser 9.Oktober 1989 in Leipzig. Als es aber einige Monate später darum ging, den Tag der Einheit zu bestimmen, gingen die mutigen Demonstranten von damals leer aus. Ihnen wurde der 3. Oktober vorgesetzt. Ein rein technisches Datum. Eine kalte Abfuhr.

Die Ostdeutschen hatten also bisher keinen stolzen Tag der Einheit, kein Symbol ihres Muts. Sie haben bis heute diesen 3. Oktober, einen Feiertag, der ihnen nichts sagt. Was für eine verpasste Chance!

Aber auch zugleich eine Möglichkeit, das sehr bald zu ändern. Im nächsten Jahr des Einheitsjubiläums wäre es also endlich an der Zeit, diesen Feiertag zu verlegen, auf den 9.Oktober. Ein Tag auf den wir alle stolz sein dürfen: wir im Osten und wir im Westen.

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