KI-Skandal
Tagesspiegel-Chefredakteur: "Der Mensch, dessen Name über einem Artikel steht, muss auch wirklich in dem Artikel drinstecken"

Der Chefredakteur des Tagesspiegels, Christian Tretbar, plädiert dafür, Künstliche Intelligenz in den Medien als Unterstützung zu nutzen - jedoch nicht für den Kern der journalistischen Arbeit. Tretbar sagte im Deutschlandfunk, er habe sich nicht vorstellen können, dass man auf die Idee kommen könne, sich über mehrere Wochen ganze Artikel von einer KI schreiben zu lassen.

    Das Gebäude der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin
    Das Gebäude der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin (Jens Kalaene / dpa / Jens Kalaene)
    Beim Tagesspiegel gab es kürzlich einen solchen Vorfall. Stephan-Andreas Casdorff, früher Herausgeber und zuletzt Editor-at-Large des Blattes, erzeugte mehrere Meinungsbeiträge per Künstlicher Intelligenz, ohne das kenntlich zu machen. Er bat um Entschuldigung und sprach von einem "Riesenfehler". Bis auf Weiteres darf er nicht mehr im Tagesspiegel publizieren.
    Tretbar sagte im Deutschlandfunk, Casdorff sei von der Technologie fasziniert gewesen - und ihr irgendwann erlegen. "In aller Klarheit: Das ist etwas, was wir beim Tagesspiegel nicht wollen." Der Mensch, dessen Name über dem Artikel stehe, müsse auch wirklich in dem Artikel drinstecken.
    Künstliche Intelligenz könne als Werkzeug dienen, zur Unterstützung bestimmter Arbeitsprozesse, und ihre Verwendung müsse immer kenntlich gemacht werden. Was die KI für Casdorff getan habe, sei aber deutlich mehr als Unterstützung gewesen, so der Chefredakteur. "Das eigene journalistische Selbstverständnis müsste einem doch sagen, dass man sich da nicht mehr im Graubereich, sondern im roten Bereich bewegt."
    Tretbar betonte, das Schreiben gehöre zum Kern der journalistischen Arbeit. Damit könne man seine Persönlichkeit ausdrücken. Journalisten müssten origineller und kreativer schreiben als eine KI.
    Diese Nachricht wurde am 15.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.