Mittwoch, 07. Dezember 2022

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Tagung
Das Erbe der Frankfurter Schule für die Filmwissenschaft

Die Frankfurter Goethe Universität hat die Tagung "Critical Therory, Film and Media: Where is 'Frankfurt' now?" ausgerichtet. Einer der Organisatoren ist der Professor für Filmwissenschaft Vinzenz Hediger. Die Frankfurter Schule habe für seine Disziplin einen wichtigen Beitrag geleistet, sagte er im DLF.

Vinzenz Hediger im Gespräch mit Nina Detz | 23.08.2014

    Dina Netz: Where is Frankfurt now? Wo ist Frankfurt heute? Das hat eine Tagung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main nun drei Tage lang gefragt. Und das Wort "Frankfurt" im Titel, das war nicht englisch geschrieben, weil die Frage eben nicht geografisch gemeint war, sondern es ging um die Frankfurter Schule, um die kritische Theorie, und um die Frage, was im Jahr 2014 noch übrig ist von den Ideen dieser Denker. Ausgerichtet wurde die Tagung vom Frankfurter Institut für Theater-, Film und Medienwissenschaften in Kooperation mit dem Institut für Sozialforschung, der Keimzelle der Frankfurter Schule. Und einer der Organisatoren ist Vinzenz Hediger, Professor für Filmwissenschaft an der Universität Frankfurt am Main. Ich habe ihn gefragt: Warum hat Sie diese Frage "Where is Frankfurt now?" heute, im Jahr 2014, so beschäftigt, dass Sie eine ganze Tagung dazu veranstaltet haben?
    Vinzenz Hediger: Ja, weil die Frankfurter Schule zu unserem Feld, auf dem wir arbeiten, der Film- und Medienwissenschaft, doch einen sehr wichtigen Beitrag geleistet hat. Zudem ist Frankfurt, die Frankfurter Universität auch so etwas wie der Geburtsort der Filmwissenschaft und der Medienwissenschaft in Deutschland. Das hat hier vor 40 Jahren angefangen und hat sich in der Tat aus der kritischen Theorie heraus entwickelt.
    Heide Schlüpmann, meine Lehrstuhl-Vorgängerin, hat das in einem Vortrag hier an der Tagung so formuliert, dass sie gesagt hat, der Anfang der Filmwissenschaft war ein Exodus aus der Philosophie ins Kino hinein, und mittlerweile hat die Philosophie den Film auch wieder eingeholt, oder vielleicht der Film die Philosophie, und es war für uns jetzt auch der Moment, so etwas wie eine Bestandsaufnahme zu machen, weil an der Frankfurter Universität eine Art Generationenwechsel stattfindet und sehr viele neu berufene Wissenschaftler hier zu arbeiten beginnen, die sich aber diesem Erbe der kritischen Theorie immer noch verpflichtet fühlen und für die diese Frage, was kann man mit den Werkzeugen der Frankfurter Schule machen, auch in Zukunft noch eine sehr wichtige Frage ist.
    "Die Frage zu stellen, ob es nicht auch anders sein könnte"
    Netz: Was sind denn diese wichtigen Spuren, die die Frankfurter Schule hinterlassen hat? Sie haben schon vom analytischen Werkzeug gesprochen. Oder ist es der revolutionäre Geist? Was ist es, was bis heute weiter wirkt?
    Hediger: Es ist ein breites Interesse an verschiedenen Kunstformen: technischen Medien, sozialer Zusammenhang, in dem Kunst und künstlerische Artefakte sich bewegen. Es ist eine methodische Offenheit, wo in Gruppen gearbeitet wird, interdisziplinär die Fragestellungen entwickelt werden, verschiedene Methoden aus der Philosophie, aus der Literaturwissenschaft, aus der Soziologie zusammengeführt werden, um komplexe gesellschaftliche und mediale Phänomene zu erklären. Das ist ein Ansatz, der nach wie vor überaus attraktiv wirkt.
    Was die Revolution angeht, kann man auch mit Kluge sagen, mit der rechnet heute so richtig niemand mehr. Aber der kritische Impuls, der Ansatz, die Frage zu stellen, ob es nicht auch anders sein könnte, oder ob es unbedingt so sein muss, wie es ist, das ist einer, der sicherlich weiterlebt.
    "Kombination von demokratisch und autoritär"
    Netz: Wenn wir nun gerade schon dabei sind, ob es so sein muss, wie es ist: Wie kann man denn heute die kritische Theorie anwenden, zum Beispiel beim Umgang mit dem ja noch relativ neuen Medium Internet? Wie kann sie da behilflich sein, denn das hat sich ja als gleichzeitig demokratisch und autoritär entpuppt?
    Hediger: Damit formulieren Sie eigentlich schon einen sehr guten Ansatzpunkt. Diese Kombination von demokratisch und autoritär, das ist eine analytische Diagnose, die unter anderem Adorno in den Momenten, in denen er über das Kino nicht so freundlich gedacht hat, da auch entwickelt hat, und die Fragen, die er daran angeschlossen hat, die kann man natürlich auch auf die neuen digitalen Medien anwenden und das geschieht auch. Die Tagung ist ja eine Tagung, zu der Kollegen aus Asien, Nordamerika, Indien, Korea und einer Vielzahl anderen Ländern angereist sind, und die beschäftigen sich eben nicht nur mit Film, sondern auch mit digitalen Medien und arbeiten immer noch mit diesen Fragestellungen und auch mit Werkzeugen weiter.
    Netz: Für welche anderen heutigen Probleme, mal abgesehen vielleicht von den digitalen Medien, kann uns denn die Frankfurter Schule beziehungsweise die kritische Theorie, auf der sie ja basiert, heute noch nützen?
    Hediger: Ein Panel, das jetzt heute am Samstag stattgefunden hat und überaus gut besucht war, beschäftigte sich mit Gender- und Queer-Theorie, also mit Geschlechterfragen, mit Fragen der Politik, der Sexualität, und da hat sich wieder gezeigt, dass aus Adorno heraus, aus den Frankfurter Ansätzen heraus sich diese Fragen auf eine überaus produktive Weise behandeln lassen.
    Netz: Und zwar wie?
    Hediger: Na ja, indem man die soziale Konstruktion vom Geschlecht ins Zentrum stellt und wiederum den Zusammenhang von Subjektivierungsprozessen und medialer Kommunikation fokussiert in einer Art und Weise, wie das in der ursprünglichen Frankfurter Schule schon geschehen ist, wenn auch da noch weitgehend unter Absehung von Geschlechter- und Sexualitätsfragen.
    Netz: Vinzenz Hediger, Professor für Filmwissenschaft in Frankfurt am Main, über die unter anderem von ihm ausgerichtete Tagung "Where is Frankfurt now?".