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StartseiteForschung aktuellWas ist der Mensch?06.11.2015

Tagung "Why Compare?"Was ist der Mensch?

Wie funktioniert die menschliche Psyche und wie entwickelt sie sich in der Kindheit? Diese Frage treibt Philosophen und Psychologen schon seit Jahrtausenden um. Auf der Tagung "Why Compare?" der FU Berlin und der Universität Leipzig soll aufgezeigt werden, wie sehr der Vergleich zwischen Kulturen zu einem besseren Verständnis der menschlichen Psyche beitragen kann.

Von Volkart Wildermuth

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Wo liegt das Messer? Es liegt rechts neben dem Teller, ist doch klar. Ist es nicht. Es gibt viele Sprachen, die den Raum nicht vom Sprecher aus in rechts und links einteilen.

"Also die würden sagen, das Messer ist westlich des Tellers, und das ist immer wahr, egal, wo ich mich befinde, und egal, aus welcher Perspektive ich darauf gucke."

Erklärt Daniel Haun, Professor für Frühkindliche Entwicklung und Kultur in Leipzig und einer der Tagungsorganisatoren. Erst der Vergleich verschiedener Kulturen zeige, dass Selbstverständliches eben doch nicht so selbstverständlich ist. Dabei ist unklar, warum bestimmte Kulturen sich für die eine oder andere Einteilung des Raums entschieden haben. Das Rechts-Links-System findet sich häufiger in städtischen Kulturen, vielleicht weil es zwischen den Häusern schwer ist, die Himmelsrichtung festzustellen.

In rechts und links denken

Aber es gibt auch Dörfliche Gemeinschaften, die in rechts und links denken. Daniel Haun wollte wissen, welches System das ursprüngliche ist. Da reicht es nicht aus, verschiedene Kulturen zu vergleichen. In cleveren Experimenten hat er untersucht, wie sich Bonobos, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans orientieren. Das Ergebnis war eindeutig. Menschenaffen denken nicht vom eigenen Körper aus, sondern von der Umgebung.

"Quasi die Ost-West, Nord-Süd Variante, wenn sie so wollen, dass das die Variante ist, die die anderen großen Menschenaffen präferieren. Also einfacher verarbeiten, intuitiv annehmen."

Auch kleine Kinder können mit rechts und links wenig anfangen, sehr wohl aber mit Angaben, wie näher an der Wand.

"Wachsen sie in einer Kultur auf, in der Sprache und der Umgang mit anderen erfordert, dass sie diese Ich-orientierte Perspektive auf Raum einnehmen, dann arbeiten sie quasi gegen den Strom, sie arbeiten gegen ihre biologische Grundeinstellung, und das ist natürlich schwierig."

Vorformen des menschlichen Sprachvermögens untersucht

Deshalb brauchen Kindern acht bis neun Jahre um bei rechts und links sicher zu werden. Und auch viele Erwachsene haben unter Druck bei dieser Frage noch immer Schwierigkeiten. Die Studien von Daniel Haun zeigen, wie sehr der Vergleich zwischen Kulturen und zwischen Arten zu einem besseren Verständnis der menschlichen Psyche beitragen kann. Julia Fischer, Professorin für Kognitive Verhaltensforschung am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen, warnt aber vor zu schnellen Schlüssen. Ihre eigene Gruppe hat viel zur Kommunikation von Pavianen geforscht und andere Studien auf Vorformen des menschlichen Sprachvermögens untersucht.

"Wir finden da überhaupt keine Ähnlichkeit, und auch bei den Schimpansen finden wir sehr wenig Ähnlichkeit. Es gibt wenig spezifische Laute, es gibt eigentlich nur eines kleines Set von Lauttypen, die sie dann machen, und das hängt dann mehr mit ihrer Stimmung zusammen als mit Worten, als das sie so was wären wie Worte."

Trotzdem gibt es immer wieder Schlagzeilen, einzelne Affenarten hätten Worte für unterschiedliche Raubtiere, beherrschten eine Frühform der Grammatik oder würden Dialekte lernen. Das seien faszinierende Einzelbefunde, die nach Ansicht von Julia Fischer jedoch wenig über den Menschen aussagen.

"Nur irgendwo bei irgendeiner Art es zu finden und dann zu sagen, das sagt uns was über die Evolution des Menschen, ist einfach nicht sauberes, evolutionäres Denken sozusagen."

Vergleichende Entwicklungspsychologie

Dafür müsste man den ganzen Stammbaum untersuchen und Ähnlichkeiten und Unterschiede genau beschreiben. Beim Sprachvermögen hat das bislang wenig gebracht, anders sieht es bei den Sozialsystemen der Affen aus.

"Da gibt es eine viel größere Gemeinsamkeit, da würde ich tatsächlich sagen, da sehen wir, dass der Mensch da immer noch Affe ist. Da hilft es uns sehr, den Affen anzugucken."

Katja Liebal, Professorin für Vergleichende Entwicklungspsychologie an der Freien Universität Berlin und auch Organisatorin der Tagung, betont:

"Man muss immer ganz genau gucken, was schaut man an und dann dass man auch aufpasst, dass der Kontext, in dem man Menschen und Affen vergleicht, für die Art relevant und trotzdem über die Arten hinweg vergleichbar ist."

Sie beschäftigt sich mit der Mimik und hat ein System zur Beschreibung von menschlichen Gesichtsausdrücken auf die Anatomie von Gibbons übertragen. So werden objektive Vergleiche möglich, die es erlauben festzustellen, wie einzigartig der Mensch eigentlich ist. Und mehr noch.

"Ich würde das eigentlich noch anders formulieren: In welcher Hinsicht sind denn eigentlich auch Menschenaffen einzigartig, und was können sie, was wir eben nicht können?"

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