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StartseiteCampus & Karriere"Auch im Internet wird Wissen monopolisiert"12.09.2018

Tagung zur Digitalisierung an Hochschulen"Auch im Internet wird Wissen monopolisiert"

Das Potenzial von E-Learning und Computern in Seminaren sei bereits bekannt - nun gehe es aber darum, die Möglichkeiten für die Hochschulentwicklung im Ganzen auszuloten, sagte Mediendidaktiker Michael Kerres im Dlf. Dazu gehöre auch, das Internet als Bildungsraum allen Menschen zugänglich zu machen.

Michael Kerres im Gespräch mit Jörg Biesler

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Vogelperspektive auf eine junge Frau, die vor ihren Schulunterlagen sitzt und lernt, wobei ein Laptop und Tablet in Griffnähe sind. (imago/Westend61)
"Auf dieser Tagung suchen wir nach den richtigen Wegen für das Lernen von morgen", sagte Michael Kerres, Mediendidaktiker und Tagungsleiter im Dlf (imago/Westend61)
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Jörg Biesler: Das Thema Digitalisierung beschäftigt uns hier regelmäßig - meist, weil gefordert wird, an Schulen und Hochschulen müsse sich da mehr tun. Aber was bedeutet das eigentlich, Digitalisierung? Tablets in die Seminarräume und WLAN überall? Auf einer Tagung an der Universität Duisburg Essen, die heute begonnen hat, tauschen sich 400 Fachleute aus über die Digitalisierung und Bildungsgerechtigkeit an den Hochschulen. Der Initiator ist Michael Kerres, Professor für Mediendidaktik an der Universität Duisburg Essen. Und ich habe ihn vor der Sendung gefragt, was Digitalisierung heißt - rund 25 Jahre, nachdem Internet und E-Mail an den Hochschulen eingeführt wurden.

Michael Kerres: Ja, die Hochschule wandelt sich schon enorm. Die Digitalisierung umfasst wirklich alle Teilprozesse von Hochschule. Wir merken es schon sehr stark in der Forschung: Von der Philosophie bis zur Medizin ist Forschung heute ohne Computer gar nicht mehr denkbar. Die Verwaltung ist durchdrungen durch Digitalisierung, aber zunehmend eben auch das Lehren und Lernen. Und da suchen wir auf dieser Tagung nach den richtigen Wegen für das Lernen von Morgen.

"Die Pionierphase ist jetzt langsam vorbei"

Biesler: Ja und auch innerhalb der Digitalisierung, innerhalb dieser Wege für das Lernen von morgen gibt es offensichtlich eine ganze Menge Bewegung inzwischen. Es zeigt sich bei Ihnen schon bei den Titeln der Vorträge, die es da gibt. Da wird zum Beispiel über ein Pilotprojekt zum E-Learning referiert und es gibt zugleich auch einen Nachruf auf das E-Learning. Zeigt sich darin, dass die Erwartungen an den Ertrag der Digitalisierung dann vielleicht gelegentlich auch überzogen waren?

Kerres: Na ja, ich glaube, wir haben in vielen Projekten an den Hochschulen in Deutschland, im ganzen deutschsprachigen Raum, der auf dieser Tagung vertreten ist, erkennen können, wo die Potenziale sind, was wir mit E-Learning und den Computern in der Universität, in den Hochschulen machen können. Aber diese Pionierphase, die ist jetzt langsam vorbei, jetzt geht es eigentlich wirklich darum, nachzudenken, in welche Richtung wollen wir gehen, was sind die Möglichkeiten für die Hochschulentwicklung im Ganzen. Also nicht mehr nur im kleinen Seminar, im einzelnen Seminar, sondern was bedeutet das für Strategien, für Konzepte von Hochschulen, für ganze Studienprogramme, für, ja, die Frage der Zukunft der Hochschulen. Und dieser Blickwechsel, der wird hier auf dieser Tagung auch ganz deutlich.

"Das lebenslange Lernen braucht Voraussetzungen"

Biesler: Und Sie gehen sogar noch über die Hochschulen hinaus und stellen auch die gesellschaftliche Frage, nämlich die, ob denn die Digitalisierung zu mehr Bildungsgerechtigkeit führt, also der Zugang zur Bildung leichter wird. Das ist ja auch Ihr Spezialgebiet als Didaktiker. Wir haben gestern am Beispiel der OECD-Studie gesehen, dass die Bildungschancen insgesamt immer noch nicht gleich verteilt sind. Schaffen es denn die Hochschulen mit den digitalen Mitteln, die Situation zu verbessern?

Kerres: Ja, vor einiger Zeit hat man gedacht, wenn wir nur genügend Medien ins Internet stellen, wenn wir Lernressourcen, Lernprogramme im Internet verfügbar machen, dann müssten ja eigentlich alle Menschen glücklich werden und an Bildung partizipieren können - und das global. Und die ersten Studien dazu zeigen, dass dies tatsächlich gar nicht so einfach der Fall ist. Im Grunde genommen partizipieren und nutzen diese Möglichkeiten genau wieder die Menschen, die eben besonders gute Voraussetzungen haben, also genau die Gebildeten bilden sich weiter. Offensichtlich braucht man gewisse Voraussetzungen, um überhaupt im Internet lernen zu können. Man muss wissen, wie man sich Wissen im Internet erschließen kann, wie man sich weiterbilden kann. Also das lebenslange Lernen braucht eben Voraussetzungen.

Insofern merken wir, wir brauchen da auch Strategien und Überlegungen, wie wir diese Chancen des Internets und der digitalen Medien wirklich gestalten können, also wie wir diesen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit einlösen können. Das geschieht nicht durch das Internet als solches, sondern da brauchen wir auch gezielte Maßnahmen, um Hochschule öffnen zu können, um zu einer Bildungsgerechtigkeit beizutragen, um der Vielfalt von Menschen auch gerecht werden zu können.

"Wissen auch im Netz verfügbar machen"

Biesler: Sie haben gesagt, die Pionierphase ist abgeschlossen, jetzt ist man schon ein Stadium weiter zumindest. Ist denn damit auch abgeschlossen worden mit dieser utopischen Vorstellung, dass mit der Digitalisierung letztlich dann vielleicht Bildung für alle leichter wird und das Wissen überall verfügbar ist? Im Augenblick ringen ja die Hochschulen zum Beispiel noch mit den Verlagen um die freue Verfügbarkeit von Wissen in den Fachzeitschriften, das hat sich noch nicht so richtig realisiert.

Kerres: Genau! Wir merken, dass das Internet als solches gar nicht diesen Weg automatisch öffnet, sondern dass im Internet wir genauso natürlich auch Wege finden, wo eben Wissen monopolisiert wird, wo Wissen geschützt wird, wo Wissen eben eingeschränkt wird, und genau das ist eben die Frage an uns, die wir uns eben fachlich mit diesen Dingen beschäftigen: Wie können wir dazu beitragen, dass diese Öffnung tatsächlich erreicht wird, welche Maßnahmen sind da notwendig, wie muss Wissen verfügbar gemacht werden auch im Netz, was sind da für Aufbereitungen notwendig, für Maßnahmen notwendig, damit es nicht zu einer solchen Isolation und Einschränkung und Schließung des Wissens kommt.

Das beschäftigt uns sehr, und wir sind davon überzeugt, wenn wir die richtigen Wege einschlagen, dann können wir auch mit diesen Medien und mit dem Internet eben sehr wohl auch einen Beitrag zur Öffnung leisten. Aber noch mal, das geschieht nicht von selbst, sondern wir müssen da eben tatsächlich mit den richtigen Gestaltungsoptionen, mit den richtigen auch politischen Maßnahmen arbeiten, um das Internet als Bildungsraum wirklich zu entwickeln.

Biesler: Die richtigen Wege der Digitalisierung für die Hochschulen suchen 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei einer Tagung der Universität Duisburg-Essen. Tagungsleiter ist der Mediendidaktiker Michael Kerres. Vielen Dank, Herr Kerres!

Kerres: Gerne! Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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