Montag, 27. Juni 2022

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Tanz
Verbindung von Flamenco und Kathak

In dem Stück "Torobaka" treffen sich zwei unterschiedliche Tanzkulturen: die des britisch-bengalischen Kathaktänzers Akram Khan und die des Flamencotänzers und -choreografen Israel Galván. Ein gelungener Tanzabend, auf dem sich die beiden Stars überraschend leicht und humorvoll präsentierten.

Von Elisabeth Nehring | 13.07.2014

Ein Osborne-Stier, das Markenzeichen von Andalusien und ganz Spanien, steht auf einem Hügel bei Almeria in Andalusien
Der Name des Stücks "Torobaka" ist ein Wortspiel aus toro (Stier) für Spanien und vaca (Kuh) für Indien. (picture alliance / dpa)
Der Tänzer auf der Bühne schnaubt und stampft; sein Körper ist kantig, hart wie die Schneide eines Messers; jede Bewegung seziert den harmonischen Zusammenhang seines Körpers. Fast möchte man meinen, Israel Galvan, Andalusiens berühmtester Flamenco-Tänzer, sei selbst ein 'toro', ein Stier - allerdings ein etwas durchgedrehter. Denn dieses Solo, das Galvan uns da in einem Lichtkegel am Bühnenrand vor dem Mikrofon präsentiert, wirkt wie eine Parodie auf die eigene Kunstform.
Erneuerer der Traditionen
Überraschend leicht und humorvoll, mitunter fast ironisch gehen die beiden Tanzstars Akram Khan und Israel Galvan mit sich und ihren Künsten um. Beide gelten als Erneuerer der Traditionen, mit denen sie aufgewachsen sind: Israel Galvan modernisiert den ungeheuer reichen und vielfältigen Flamenco-Tanz, konfrontiert ihn mit anderen Tanztechniken. Akram Khan aktualisiert den jahrhundertealten traditionellen Kathak-Tanz aus Nordindien und fusioniert ihn mit westlichen Tanzstilen. Während der Duett- und Soloauftritte in "Torobaka" ist das Charakteristische ihrer jeweiligen Tänze noch deutlich zu identifizieren: das Stampfen der Füße, das Schneidige jeder Bewegung, die Anspannung des Nacken- und Kopfbereiches im Flamenco sowie die unendlichen, wirbeligen Drehbewegungen und ziselierten Gesten der Hände und Arme im Kathak. All' das wird jedoch von beiden frei interpretiert, mitunter auch als pures Material für Improvisationen benutzt. Bei allen Unterschieden ist sogar eine gewisse Gemeinsamkeit der Tanzstile - der Schwerpunkt der Fußarbeit sowie der Arme und Hände - zu bemerken.
Dennoch - und das mag nach den Presseankündigungen überraschen - ist "Torobaka" im eigentlichen Sinne kein Duett, sondern ein Sextett. Das Zusammenspiel mit den - im Programmheft leider biografielos bleibenden - Musikern und Sängern ist das hervorstechendste Merkmal der Aufführung. Der Perkussionist B.C. Manjunath entlockt seiner südindischen Doppelkonustrommel derart komplexe Polyrhythmen, dass dem westlichen Zuschauer oder besser Zuhörer bereits die Fantasie fehlt, diese anspruchsvolle Spieltechnik überhaupt nachzuvollziehen. Die Sänger stehen dieser musikalischen Meisterschaft in nichts nach: David Azurza, Bobote und Christine Lebouette zelebrieren a capella spanische Choräle oder lautmalerische Dadaistenverse. Sie halten sich abwechselnd im Hintergrund oder kommen in die Bühnenmitte; sie begleiten, kommentieren die Tänzer und haben ihre eigenen kleinen Soloauftritte.
Unmittelbare Verbindung von Tanz und Musik
Das ganz Entscheidende dieser tänzerisch-musikalischen Zusammenarbeit - und das wird schon zu Beginn des 70-minütigen Stückes deutlich - ist nicht in erster Linie das Verhältnis der Meister zu ihren Traditionen und schon gar nicht die Präsentation von Technik oder Geschichte, sondern die unmittelbare Verbindung von Tanz und Musik, von Bewegung und Rhythmus. Der Rhythmus, ob gespielt, gesungen, geklascht oder gestampft, ob übersichtlich strukturiert oder polyfon-überbordend, scheint direkt ins Rückenmark der Tänzer zu gehen, ihre Bewegungen zu motivieren und manipulieren. Vor allem deshalb gebührt diesem Abend Respekt - einem Abend, an dem, man kann es nicht deutlich genug sagen, sechs, nicht zwei große Künstler beteiligt sind.