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Tanzen gegen den Klimawandel

Archäologie. – Australien dürfte zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Kontinenten zählen. Der Meeresspiegel steigt und überflutet viele Küstennahe Denkmäler, die ebenso wie viele landwirtschaftliche Gebiete verloren gehen werden. Die Aborigines werden besonders viele ihrer spirituellen Plätze verlieren. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt beschäftigt sich jetzt mit angepassten Methoden, das Wissen um die bevorstehenden Änderungen weiterzugeben.

Von Michael Stang |
    Die globale Erwärmung trifft Australien besonders hart: seit 1950 stieg die durchschnittliche Jahrestemperatur um 0,9 Grad Celsius. Bis 2100 wird es Hochrechnungen zufolge 40 Prozent weniger Niederschlag geben und die Temperatur im Extremfall um durchschnittlich bis zu sieben Grad Celsius steigen. Das hat vor allem für die Bewohner an der Küste Australiens verheerende Folgen, sagt Susan McIntyre-Tamwoy.

    "”Wir haben in Australien viele Küstenabschnitte, die direkt am Meer und auf gleicher Höhe mit dem Meer liegen, das heißt bereits ein Anstieg von wenigen Zentimetern reicht aus, um mehrere hundert Meter, manchmal auch Kilometer zu überfluten. Auf diese Weise hat das Meer schon in der Vergangenheit viele archäologisch wichtige Stätten einfach geschluckt, darunter auch viele Stätten, die wir bislang noch nicht erforscht und dokumentiert haben.”"

    Die Anthropologin von der James-Cook-University im australischen Queensland kommt mit ihrer Arbeit kaum noch nach. Zusammen mit Archäologen muss sie immer mehr historisch wichtige Stätten dokumentieren, bevor diese im Meer verschwinden. Da viele der archäologisch relevanten Hinterlassenschaften eng mit der Geschichte der australischen Ureinwohner verknüpft sind, arbeiten die Forscher mit den Aborigines zusammen. Diese Kooperationen bestehen schon seit Jahren, aber Susan McIntyre-Tamwoy ist aufgefallen, dass es um deren Bewusstsein rund um den Klimawandel nicht allzu gut bestellt ist. McIntyre-Tamwoy:

    "”Die Menschen wissen einfach nicht, was Klimawandel bedeutet. Natürlich berührt es sie, wenn sie erfahren, dass die Korallenriffe absterben, die Biodiversität abnimmt und ihre spirituellen Plätze vom Meer geschluckt werden. Für die meisten liegen diese Probleme jedoch noch weit in der Zukunft und sie gehen davon aus, dass die Regierung schon etwas dagegen unternimmt. Außerdem überschatten viele Alltagsprobleme – das Gesundheitssystem, Arbeitslosigkeit, Mangel an Bildung und so weiter – das Bewusstsein für die Brisanz des Klimawandels.""

    Für Susan McIntyre-Tamwoy war dieser Zustand nicht mehr tragbar. Sie setzte sich mit Klimaforschern zusammen und berechnete, wie sich einzelne Gebiete in Australien zukünftig verändern werden. McIntyre-Tamwoy:

    "”Kernfrage dabei ist, was diese Veränderungen für die australische Urbevölkerung im Norden Australien bedeuten. Sie werden in naher Zukunft nicht nur einen Großteil ihrer natürlichen Nahrungsressourcen verlieren, sondern auch Plätze, an denen sie leben und die für ihre Kultur wichtig sind.”"

    Nachdem sie die Daten beisammen hatte, stampfte sie eine Initiative aus dem Boden, die Wissenschaftler und Vertreter der Ureinwohner zusammenbrachte. Ziel ist, dass die Beteiligten die Veränderungen durch den Klimawandel kennen und entsprechend handeln. Es gibt in der Kultur der Aborigines viele Lieder, Tänze und Geschichten, die sich mit vergangenen Klimaschwankungen beschäftigen und die sollen nun als Mittel zum Zweck benutzt werden, sagt Susan McIntyre-Tamwoy.

    "”Sie unterrichten, indem sie über ihre traditionellen Gesänge und Tänze viele Informationen weitergeben. Tanzen, um über den Klimawandel aufzuklären, klingt etwas seltsam, aber es ist einfach ein eigenes Informationsmedium. Die Vertreter der betroffenen indigenen Gruppen arbeiten mittlerweile an der Umsetzung, diese Informationen in ihre Tänze einzuarbeiten. Wir hoffen, dadurch alle Menschen in Australien zu erreichen und nicht wie bislang nur die Gruppen, die zufällig an den archäologischen Stätten beteiligt waren.”"

    In Brasilien laufen vergleichbare Projekte seit einigen Jahren - mit Erfolg. Bleibt zu hoffen, dass auch Susan McIntyre-Tamwoy es schafft, auch den Aborigines die Gefahr des Klimawandels näher zu bringen.