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Startseite@mediasres"Wir wollen nicht nur Nadelstiche machen"06.06.2018

Tarifstreit bei Tageszeitungen"Wir wollen nicht nur Nadelstiche machen"

Im Streit für mehr Geld erwägen Redakteurinnen und Redakteure von Tageszeitungen unbefristete Streiks. Dann könnten Zeitungen vorübergehend nicht erscheinen oder dünner ausfallen. Die Bereitschaft zum Streik sei da, sagt Cornelia Haß von Verdi im Dlf.

Cornelia Haß im Gespräch mit Christoph Sterz

Ein Zeitungsständer mit Tageszeitungen an einem Kiosk auf den Kölner Ringen. Köln, 09.02.2018 *** A newspaper stand with newspapers at a kiosk on the Cologne ring Cologne 09 02 2018 Foto:xC.xHardtx/xFuturexImage (imago | future image)
Mehr Geld für Tageszeitungs-Journalisten: Sechs Monate verhandeln die Gewerkschaften mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger - bisher ohne Ergebnis. (imago | future image)
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Die Gewerkschaften fordern für die rund 13.000 angestellten und festen freien Journalisten bei den Tageszeitungen 4,5 Prozent mehr Gehalt, für den journalistischen Nachwuchs dabei mindestens 200 Euro mehr.

Seit Januar, also mittlerweile einem halben Jahr, verhandeln die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (DJU) und der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) über diese Forderung. In der Zwischenzeit hatte es mehrere Warnstreiks von verschiedenen Redaktionen gegeben.

Tarifverhandlungen bisher ohne neuen Termin

"Wir sind der festen Überzeugung, dass die Verlage für den erfolgreichen Weg in die Zukunft auch gute Journalistinnen und Journalisten brauchen, gerade auch junge. Man muss diese Leute ordentlich bezahlen, weil sie sonst abwandern. Insofern halten wir unsere Gehaltsforderung durchaus auch für einen Beitrag zur Zukunft der Zeitung", sagte DJU-Bundesgeschäftsführerin Cornelia Haß im Interview.

Trotz neuer Angebote auf beiden Seiten konnte auch die sechste Verhandlungsrunde Anfang Juni keine Einigung bringen: Die Tarifverhandlungen wurden unterbrochen, ohne dass ein neuer Termin vereinbart wurde.

Das letzte Angebot der Zeitungsverleger dabei: Eine Gehaltserhöhung für Redakteure um 1,7 Prozent rückwirkend zum 1. Mai, ab 2019 eine Gehaltssteigerung von 2,2 Prozent und jetzt schon eine Einmalzahlung von 500 Euro.

Enttäuschung auf beiden Seiten

Der Zeitungsverlegerverband war aus seiner Sicht mit seinem Angebot "bis zur Grenze" gegangen und hatte die zentralen Forderungen als adressiert angesehen: "Umso unverständlicher ist es, dass auf dieser Basis keine Einigung möglich war", heißt es in der Pressemitteilung des BDZV.

DJU-Bundesgeschäftsführerin Cornelia Haß will der "Bis zur Grenze"-Argumentation der Zeitungsverleger nicht folgen:

"Wir sehen, dass die Renditen gesunken sind - allerdings von einem Niveau von über 20 Prozent auf Margen zwischen jetzt sieben und zwölf Prozent Rendite. Wenn Sie das mit anderen Wirtschaftsbereichen vergleichen - im Handel um ein Prozent, in der Automobilindustrie bei sieben, acht Prozent - da haben wir da durchaus noch hinreichend Spielraum."

Nach der sechsten Verhandlungsrunde erklärte die DJU in einer Pressemitteilung: "Es bedarf offenbar einer weiteren Eskalation, um die Verleger zu einer echten Reallohnsteigerung zu bewegen."

Urabstimmung über unbefristete Streiks

Die DJU-Verhandlungskommission ist zuletzt bereit gewesen, ihre ursprüngliche Forderung zu reduzieren: auf zweimal 2,8 Prozent Gehaltserhöhung in 24 Monaten und eine Mindesterhöhung für den journalistischen Nachwuchs auf 150 Euro. 

Die DJU-Tarifkommission hat nach der unerfolgreichen Verhandlungsrunde beschlossen, gemeinsam mit dem Deutschen Journalistenverband (DJV) zu einer Urabstimmung der Gewerkschaftsmitglieder aufzurufen: Sie sollen erst darüber entscheiden, ob der Arbeitskampf intensiviert werden soll - bis hin zu unbefristeten Streiks. Erst nach dieser Abstimmung sollen dann die Verhandlungen fortgesetzt werden.

"Es gab ein ganz klares Votum unserer großen Tarifkommission am 5. Juni. Gerade aus den Streikregionen in Nordrhein-Westfalen, in Baden-Würtemberg, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen kam der Wunsch, zu sagen: Wir wollen jetzt nicht nur Nadelstiche machen", sagte DJU-Bundesgeschäftsführerin Cornelia Haß. Sie geht deswegen davon aus, dass es ein klares Signal der Gewerkschaftsmitglieder geben werde.

Verlage umgehen teilweise Tarifbindung

Unabhängig davon, wie die Tarifverhandlungen ausgehen: Nicht alle Tageszeitungs-Journalistinnen und -Journalisten werden davon profitieren. So sind einige Verlage beispielsweise sogenannte OT-Mitglieder im Verlegerverband: OT steht für "Ohne Tarifbindung".

In anderen Verlagen werden wiederum Redakteurinnen und Redakteure bei ausgelagerten Gesellschaften und Agenturen angestellt - oder per Leiharbeit. Gespart wird teils auch beim Nachwuchs: Volontärinnen und Volontäre werden nicht in der eigenen Redaktion ausgebildet, sondern an Journalistenschulen der Verlage, die dann eine "Ausbildungsbeihilfe" zahlen und damit das Tarifgehalt eines Volontariats umgehen.

"Hälfte der Zeitungsverlage noch tarifgebunden"

Der DJV hat eine unvollständige, aber umfangreiche Auflistung von Verlagen, welche die Tarifbindung mit unterschiedlichen Modellen umgehen

Zwar gibt es keine aussagekräftigen Zahlen seitens des BDZV, aber die DJU-Bundesgeschäftsführerin geht laut eigenen Informationen davon aus, dass "ungefähr die Hälfte der Zeitungsverlage noch tarifgebunden" sei.

Kämpfen die Gewerkschaften mit solchen Vorzeichen in der Branche nicht auch langsam auf verlorenem Posten? Cornelia Haß:

"Uns geht es um den Wert und die Attraktivität journalistischer Arbeit. Wir glauben daran, dass gerade über Tarifverträge Bedingungen geschaffen werden können, die die Zukunft der Tageszeitungen und ihrer journalistischen Produkte sichern helfen."

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