Dienstag, 28. Juni 2022

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"Taxi Teheran"
Ein politisches Roadmovie

Der Filmemacher Jafar Panahi wurde in seiner Heimat wegen "Propaganda gegen das System" zu sechs Jahren Haft verurteilt und erhielt ein Berufsverbot. Seinen neuen Film produzierte er heimlich und ließ ihn zur Berlinale schmuggeln. Ergebnis war der Goldene Bär. Nun kommt "Taxi Teheran" in unsere Kinos.

Von Hartwig Tegeler | 22.07.2015

Der iranische Regisseur Jafar Panahi im Porträt
Der im Iran politisch verfolgte Filmemacher Jafar Panahi musste "Taxi Teheran" im Geheimen drehen. (AFP / Atta Kenare)
Der Taxigast will´s nicht glauben:
"Sie können doch kein Taxifahrer sein. Echt, so was kann doch überhaupt nicht wahr sein."
Na ja, er hat schon recht: Der Fahrer des Taxis ist, ja, man muss sagen, ein fiktiver. Denn der iranische Regisseur Jafar Panahi fährt. Vor ihm auf dem Armaturenbrett drei digitale Kameras, mit denen er seine Gäste filmt. Wir sehen, wie er mit ihnen redet oder ihnen einfach nur zuhört. Oder beobachtet, wie der Filmschmuggler die neueste Serien-Staffel direkt am Taxi vertickt:
"Ich habe dir die fünfte Staffel von ´The Walking Dead´ mitgebracht. Die wolltest du doch. - Zombies mag ich nicht. - Du hast sie doch bestellt."
Alltagspanorama eines repressiven Systems
Also ein Alltagspanorama, das sich hier, im Inneren des Taxis, das durch Teheran fährt, abzeichnet. Ein Bild des repressiven Mullah-Systems rund fünf Jahre nach der Grünen Revolution von 2009/2010.
Das Taxi, das ist zunächst der reale Ort, in dem Jafar Panahi seinen Film aufnimmt. Da sind dann zu sehen zwei alte Frauen, da ist das vorlaute Mädchen, das gegenüber ihrem Onkel, den Regisseur und Taxifahrer, lauthals über die Probleme beim Kurzfilmprojekt in der Schule lamentiert. Was Jafar Pahani die Gelegenheit gibt, den Wahnsinn der alltäglichen Film-Zensur zu thematisieren und ein Credo zu postulieren:
"Helfen sie mir. - Jeder Film lohnt sich erst mal gesehen zu werden. Alles andere kommt natürlich auf den Geschmack an."
Und dann steigt die Frau mit den Rosen ins Taxi. Es ist die Menschenrechtsaktivistin und Anwältin Nasrin Sotoudeh. Sie lächelt. So, wie auch Panahi in seinem Film und in seiner Rolle als allwissender Taxifahrer ruhig und beharrlich lächelt. Die Menschlichkeit als Kontrapunkt zur Repression des Systems. Aber Nasrin Sotoudeh ist wie Regisseur Panahi vom Berufsverbot bedroht:
"Aber ich habe noch keinen Bescheid bekommen. Offiziell weiß ich noch nichts. Und so lange ignoriere ich das. Solange mache ich einfach weiter."
Dokumentarisches geht in Inszeniertes über
Die Übergänge zwischen dem Dokumentarischen und Inszenierten nehmen wir im Film nicht wahr. Sotoudeh ist eine Figur der Zeitgeschichte, die in der Grünen Revolution engagiert war; der Taschendieb vom Anfang hingegen eine erfundene Figur. Aber das ist nicht wichtig bei "Taxi Teheran", weil es an der Intensität des Gesellschaftsbildes, das hier entsteht, nichts ändert, wenn 86 Minuten lang Menschen einsteigen, reden, telefonieren, während das Taxi durch Teheran fährt. Das ist natürlich auch ein Beleg für die Kraft des Kinos, das aus dem Mangel der technischen Mittel solch Intensives, Wunderbares schaffen kann.
Jafar Panahis Taxifahrt ist ein politisches Roadmovie, aber ein Roadmovie, das seine Ambivalenz nicht verschweigt. Zwar ist das Taxi abgeschottet von der Außenwelt. Akustisch wie sozial. Das ist ein Freiheitsraum. Einerseits. Man kann reden, ohne Sorge zu tragen, dass einer am Nebentisch mithört. Andererseits ist das - sagt Jafar Pahani - eine Illusion. Am Ende, der Taxifahrer bringt den alten Damen ihre liegengelassene Geldbörse zurück, verlässt Pahani kurz das Auto.
Plötzlich steigt jemand anders ein und hantiert an den Kameras. Das Bild wird schwarz. Wir hören einen Mann, der einem anderen zu ruft: "Ich finde keine Speicherkarte." Sie wollten den Film stehlen. In wessen Auftrag. Das Bild, wie gesagt, ist nun schwarz. Es kann nichts mehr zeigen; es ist leer. Und wird dadurch sehr beredt. Gegen diese Realität kämpft der iranische Filmemacher mit aller Kraft an. "Ich muss unter allen Umständen weiter Filme machen, um der Kunst Respekt zu erweisen und mich lebendig zu fühlen", sagt Jafar Panahi, für zwanzig Jahre mit Berufsverbot belegt.