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StartseiteKultur heuteUS-Geschichte als queere Show21.10.2019

Taylor Mac in BerlinUS-Geschichte als queere Show

240 Jahre US-Geschichte in 246 Songs: Der Performancekünstler Taylor Mac liefert im Haus der Berliner Festspiele eine fulminante wie politische Show im Glitzerkostüm. Dabei erzählt er mit Hilfe der Musik die Geschichte von Prohibitionszeit, Weltkrieg oder Emanzipation neu - aus queerer Perspektive.

Von Karin Fischer

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Taylor Mac steht auf der Bühne im Glitzerkostüm in „A 24-Decade History of Popular Music”, Chapter 3 im Berliner Festspielhaus (Berliner Festspiele / Eike Walkenhorst)
Mischung aus queerer Kultur, Politik und musikalischem Gottesdienst: Taylor Mac im Berliner Festspielhaus (Berliner Festspiele / Eike Walkenhorst)
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Taylor Mac rockte den Saal. So etwas hat das Haus der Berliner Festspiele noch nicht erlebt. Ein Entertainer, der allein mit seiner Stimme den sechsstündigen Abend füllt. Menschen aus dem Publikum, die schon nach einer Stunde Vorstellung auf der Bühne ihre nackten Hintern zeigen. Glückliche Zuschauer in einem Meer von Luftballons. Rascher Wechsel zwischen Partystimmung und gebannter Stille. Eine spektakuläre Show, in der Taylor Mac und seine Truppe aus Musiker, Dandy Minions und vielen special guests die vierte Wand konsequent durchbrachen und etwas stattfand, das man als empathische Entgrenzung bezeichnen könnte.

Zuschauer spielen mit Luftballons in Taylor Macs „A 24-Decade History of Popular Music”, Chapter 3 im Berliner Festspielhaus (Berliner Festspiele / Eike Walkenhorst)Partystimmung bei den Zuschauern in Taylor Macs "A 24-Decade History of Popular Music" (Berliner Festspiele / Eike Walkenhorst)

Theater, das die Welt besser macht

Eine sehr amerikanische Mischung aus queerer Kultur, politischem Reenactment und musikalischem Gottesdienst; wobei die Erlösung natürlich ausbleibt, aber: Am Ende dieser vier sechsstündigen Abende, am Ende von 240 Jahren amerikanischer Geschichte in 246 Songs muss man sagen: Dieses Theater hat die Welt ein kleines bisschen besser gemacht.

Es hat den Perspektivwechsel ermöglicht, den wir immer fordern: Wenn Taylor Mac die "straight white people" anweist, ihre Sitze aufzugeben, sich links und rechts im Saal zu drängeln und dann "people of colour" die besten Plätze in der Mitte einnehmen lässt. Wenn dann die queere Community ebenfalls in die Mitte rückt. Oder wenn Taylor Mac den patriotischen Song aus dem ersten Weltkrieg - "Keep the fires burning" - gestisch so umdeutet, dass er zur Emanzipationshymne der Frauen wird, die sich zusammen tun.

Patrioten gegen Pazifisten

Taylor Mac, der als Personalpronomen nicht "er" oder "sie", sondern "judy" verwendet, schreibt mit seiner Show die Stimmen in die amerikanische Geschichte ein, die bisher fehlen. Er lässt das Publikum als Patrioten oder Pazifisten gegeneinander ansingen oder holt "diejenigen zwischen 14 und 40, die sich als Männer definieren" als im Ersten Weltkrieg verheizte Truppe auf die Bühne, wo sie mit abgetrennten Gliedmaßen dekoriert und verbunden werden.

Taylors bombastisch kreative Glitzer-Kostüme unterlaufen selbst alle Erwartung an so etwas wie "show biz". Er und seine Truppe - ein Pianist und eine brass-lastige Band sind mit von der Partie - erzählen von den Außenseitern und machen die Musik zum Transportmittel für eine neue Erzählung der Geschichte von Prohibitionszeit, Weltkrieg oder die eigenen Genderirritationen.

Popmusik als verbindendes Element

Taylor Mac ist politisch, nicht pädagogisch, wenn er den Deutschen sagt: "zum Thema Genozid haben wir auch etwas beigetragen". Die Gegenerzählung sieht er als seinen Auftrag. Damit steht Taylor Mac in einer Reihe mit anderen großen Aufklärern des Theaters wie Milo Rau oder Volker Lösch. Was er denen voraus hat, ist die populäre Musik, die Menschen so unkompliziert wie unausweichlich zusammenbringt.

Als "kostbares Vorgefühl einer ganz anderen Gemeinschaft" beschrieb Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele, das im Programmheft. Und das war es. Wie gut, dass er es ermöglichen konnte. Wie gut, dass die Kultur das kann!

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