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Technologie-Institut für Spitzenforscher

Mit dem European Institute of Technology will EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso eine Elite-Uni nach amerikanischem Vorbild schaffen. Zwei Milliarden Euro will die Kommission bis 2013 in das neue Projekt stecken. Kritiker wie der Kanzler der Universität Oxford fürchten hingegen, dass das neue Institut bereits bestehenden Projekten Gelder wegnimmt.

Von Ruth Reichstein | 22.02.2006

Der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, war sichtlich zufrieden, als er heute Mittag vor die Brüsseler Journalisten trat. Er hatte eine gute Neuigkeit: Seine Kollegen hatten seine Idee akzeptiert, ein Europäisches Institut für Technologie zu gründen. Ein Institut, das eher als Netzwerk funktionieren und damit auch Arbeitsplätze nach Europa bringen soll. José Manuel Barroso zu dem Hauptproblem der Europäischen Wissensgemeinschaft:

"Warum haben wir hier in Europa die besten Fußballspieler aus Brasilien, Afrika und der ganzen Welt? Aber warum schaffen wir es nicht, die besten Wissenschaftler zu uns zu holen? Und warum gehen unsere besten Wissenschaftler nach Amerika und bleiben nicht hier?"

Dem soll das neue Institut Abhilfe schaffen. Zwei Milliarden Euro will die Kommission bis 2013 in das neue Projekt stecken. Geht es nach Barroso könnte das Europäische Technologie-Institut schon 2009 mit seiner Arbeit beginnen.

Dabei geht es aber nicht um eine ganze neue Elite-Universität, sondern vielmehr um ein Netzwerk, erklärt der Bildungs-Kommissar Jan Figel:

"Diese Netzwerke sollen Teams sein, die sich aus Fakultäten verschiedener Universitäten, aus privaten Unternehmen und Forschungszentren zusammensetzen. Das neue an diesem Modell ist, dass diese Teams und auch die Ressourcen für eine bestimmte Zeit an das EIT ausgelagert werden sollen. Wir denken an zehn bis 15 Jahre."

Ursprünglich wollte der Kommissionspräsident ein einziges Institut nach dem Vorbild des amerikanischen Technologie-Instituts in Massachusetts schaffen. Aber der Widerstand - auch in der eigenen Kommission - war zu groß. Deshalb hat er sich nun für ein solches Netzwerk der Netzwerke entschieden.

Der Leiter des Instituts für Europäische Studien an der Freien Universität Brüssel, Paul Magnette, ist froh, dass die Kommission die ursprüngliche Idee einer zusätzlichen Elite-Universität aufgegeben hat.

"Ich denke, das ist ein bisschen das amerikanische Syndrom. Wir wollen unser Harvard, unser Princeton, wo alle Talente konzentriert werden. Aber wir haben eine Tradition der Dezentralisierung und so sind diese Talente an vielen Universitäten verteilt. Das wäre also eine rein symbolische Einrichtung gewesen."

Es gibt bereits zahlreiche Forschungsprojekte, die von der Europäischen Kommission unterstützt werden. Zum Bespiel das Netzwerk "IDEA". Hier forschen Maschinenbauer aus Aachen, Frankreich und den Niederlanden gemeinsam - mit finanzieller Unterstützung der EU.

Das neue Institut soll an das Bestehende anknüpfen und all diese Elite-Professoren und - Studenten zusammen führen. Denn bisher wird streng nach Fakultäten getrennt geforscht: Die Biologen bleiben unter sich. Ebenso die Geisteswissenschaftler.

Der liberale Europa-Abgeordnete Jorgo Chatzimarkakis nennt ein Beispiel, wo fächerübergreifende Forschung wünschenswert wäre: Den Erhalt des kulturellen Erbes:

"Und da haben wir eine ideale Kombination aus geisteswissenschaftlichem Ansatz, der letztlich ohne Technik und Technologie nicht auskommt. Wenn Sie zum Beispiel an die Akropolis in Athen denken und wie sie restauriert und bewahrt werden kann. Und hier ergäbe sich eben die Möglichkeit, interdisziplinär Geistes- und Naturwissenschaftler zusammen zu bringen."

Einige Akademiker in Europa sind dennoch skeptisch. Der ehemalige EU-Kommissar Chris Patten, der nun Kanzler der Universität Oxford ist, warf Barroso vor, mit seinem Institut bereits bestehenden Projekten Geld weg zu nehmen.

Tatsächlich gibt es einen Widerspruch in der EU-Politik: Einerseits will die Kommission ein neues Elite-Netzwerk gründen. Andererseits werden die EU-Ausgaben für Forschung drastisch gekürzt. Statt ursprünglich 70 sind jetzt nur noch 42 Milliarden Euro für die Jahre 2007 bis 2013 vorgesehen.

Paul Magnette, Leiter des Europäischen Instituts an der Freien Universität Brüssel zweifelt jedenfalls am Sinn des neuen Supra-Netzwerks.

"Wir haben sowieso schon einen sehr europäischen Horizont in Brüssel. Unsere Studenten reisen viel, zum Beispiel mit dem Erasmus-Programm. Was ich bei diesem Vorschlag noch nicht verstehe ist: Wie soll ein solches Netzwerk existieren in einer Universitätslandschaft, die schon unglaublich dicht ist auf dem nationalen Level, aber auch international."

Jetzt müssen sowieso erst einmal die 25 EU-Mitgliedsstaaten den Barroso-Plänen zustimmen. Die Elite-Universität steht beim nächsten EU-Gipfel Mitte März zur Abstimmung.
Der FDP-Europa-Abgeordnete Chatzimarkakis ist einer der größten Verfechter des Projekts. Und er hat - trotz aller Kritik - schon eine ganz konkrete Vorstellung für den Standort der Verwaltung des zukünftigen Elite-Netzwerkes. Schließlich bräuchten auch die Studenten einen Raum, um sich regelmäßig zu treffen:

"Wenn es nach einigen Parlamentariern geht, dann würden wir gerne nach Frankreich gehen und ganz konkret nach Straßburg, weil wir das Gefühl haben, aus Straßburg könnte Science-burg werden, die Wissenschaftsstadt. Auch heute ist dort schon die Europäische Wissenschaftsstiftung ansässig. Und wir haben dort ein wunderbares Gebäude, nämlich das Parlament. Und viele meiner Kollegen haben den Eindruck, das ist sinnlos vergeudetes Geld und wir würden unser Gebäude gerne dem EIT zur Verfügung stellen."

Soweit sind die Planungen aber noch lange nicht. Barroso wollte sich gestern zur Standortfrage nicht äußern.