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Technologie
Mit Funk-Chips gegen Krankenhauskeime

Als "Flurfunk" wird umgangssprachlich die Gerüchteküche am Arbeitsplatz bezeichnet. Doch Ingenieure aus Dresden könnten diesem Begriff eine neue Bedeutung geben: Mithilfe spezieller Chips, die auf verschiedensten Frequenzen funken, wollen sie zum einen Krankenhäuser effizienter machen. Zum anderen versuchen sie damit aber auch, Krankheitsausbrüche nachzuvollziehen.

Von Haluka Maier-Borst | 16.04.2015

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Ein spezielles Funksystem soll unter anderem die oft mühsame Suche nach Geräten in Kliniken erleichtern. (dpa)
"Es gibt in den meisten Krankenhäusern sehr, sehr teure Gerätschaften. Wenn die benötigt werden, muss die Krankenschwester entweder oft suchen oder die Geräte verschieben sich auf verschiedene Stationen. Dann wird zu lange gesucht. Manche Geräte bleiben in der Ecke stehen, weil sie gar nicht gefunden werden. Und der ganze Prozess kann natürlich optimiert werden", sagt Erik Mademann von der Firma Zigpos in Dresden. Er hat ein spezielles Funksystem entwickelt, das die Sucherei nach Geräten in Kliniken beenden soll.
Das System besteht aus zwei Teilen. Zum einen gibt es streichholzschachtelgroße Funkchips, die an medizinischen Geräten befestigt werden. Zum anderen werden in den einzelnen Krankenzimmern und auf den Fluren Funkstationen verbaut, die die Chips orten und so im Auge behalten, wo welches medizinische Gerät steht. Damit das auch in sehr verwinkelten Gebäuden möglich ist, nutzen die Chips verschiedenste Funkfrequenzen, die gegenseitig ihre Vor- und Nachteile ausgleichen.
Erik Mademann "Also hauptsächlich haben wir uns auf das 802.15.4 spezialisiert, das ist ein Standard für die Gebäudeautomatisierung. Neben dem nutzen wir auch Bluetooth, WLAN und jetzt ganz neue Technologie: Ultrabreitband."
Die Laufwege der Leute analysieren
Doch nicht nur medizinische Geräte sollen so gefunden werden. Auch die Ausbreitung von Krankheiten könnte das System vielleicht aufklären. Das zumindest ist die Idee, die Erik Mademann in einem Krankenhaus der italienischen Stadt Rovereto seit kurzem ausprobiert. Dafür werden nicht nur die medizinischen Geräte mit Chips versehen. Auch Patienten und Personal bekommen einen Chip, den sie immer bei sich führen. So ist es auch möglich, im Nachhinein durch die im Krankenhaus gespeicherten Daten die Laufwege der Leute zu analysieren.
"Im Falle eines Krankheitsausbruchs im Krankenhaus kann man dann durch die Laufweganalyse die ganzen gespeicherten Positionen der Mitarbeiter und Patienten im Nachhinein feststellen, wer mit wem in Kontakt trat, um so eine bessere Aussage zu treffen, wie sich die Krankheit im Krankenhaus ausbreiten konnte."
Krankheitsausbrüche per Chip nachzuverfolgen – diesen Ansatz nutzen auch andere Forscher. Erst vor Kurzem erschien eine Studie zu Ausbreitungswegen des Keims Staphyloccocus Aureus im Fachblatt "Plos Computational Biology". Forscher der Université Pierre et Marie Curie in Paris hatten auch hier Patienten und Krankenhausmitarbeiter über vier Monate mit kleinen Chips ausgestattet.
Jedes Mal, wenn sich zwei Chips mehr als anderthalb Meter einander näherten, registrierte das das System. Das Ergebnis: Fast drei Viertel der Infektionen mit dem Keim ließen sich mithilfe des Chip-Netzwerks nachverfolgen. Dass solche Langzeitbeobachtungen möglich sind, hat auch mit der neuen Energieeffizienz der Chips zu tun, wie Mademann erklärt. Erst sie ermögliche es, den Chip über Monate zu betreiben.
"Andere Systeme in der Vergangenheit oder andere Technologien gehen meistens einher mit geringen Laufzeiten. Und es bringt mir nichts, über zwei, drei Stunden Laufwege zu analysieren, die ich am Ende nicht verwenden kann, weil ich keine permanente Datenaufnahme aufnehmen konnte."
In einigen Monaten, so hofft Mademann, haben er und seine Kollegen die ersten Ergebnisse aus Italien. Und dann ließe sich wirklich sagen, ob Mikrochips im Kampf gegen Krankenhauskeime helfen.