Aber zunächst einmal in die USA, zur Soziologin Sydney Lewis. Mehr als ein Jahr lang hat sie Interviews mit Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren geführt; konkret, sie hat ihnen vier bis fünf Fragen gestellt - die allerdings im Text nicht auftauchen -, und ihre Gesprächspartner haben ihre Herkunft, ihr soziales Umfeld, ihre Lebensphilosophie und ihre Perspektiven beziehungsweise ihre Zukunftshoffnungen dargestellt. Sydney Lewis hat sich um Vielfalt bemüht; also findet sich neben dem Mitglied einer Gang in New York City auch die reitende Unschuld vom Land, neben dem abgebrühten Drogenkonsumenten die jüdische Tochter aus gutem Haus und neben der gesellschaftskritischen, politisch aktiven Schülerin der mehr oder weniger offen rassistische und sexistische Loser-Typ. Es gibt bei allen Unterschieden einige Gemeinsamkeiten. Alle Jugendlichen haben, auch wenn sie mit diesem Wissen unterschiedlich umgehen, ein nüchternes Bewußtsein der Tatsache, daß nur eine sehr gute Schul- und Ausbildung ihnen eine gewisse Chance in der Gesellschaft gibt. Ebenso klar ist ihnen, daß eine solche Bildung am ehesten für den weißen Mittelstandsmensch erreichbar ist. Insgesamt wirken die Jugendlichen nur selten blauäugig, sie machen sich hinsichtlich der gesellschaftlichen Realität wenig Illusionen. Weiter: Kaum eine oder einer kommt noch aus einer "intakten" Familie; es wimmelt von alleinerziehenden Müttern, abgehauenen Vätern und Halbgeschwistern. Trotzdem - oder gerade deshalb? - spielt "Familie" eine große Rolle in den Zukunftswünschen der Kids, selbst wenn sie mehr oder weniger auf der Straße leben. Gemeinsam ist ihnen auch die Rebellion gegenüber der Doppelzüngigkeit der Erwachsenen: Warum okkupieren sie die Lebensphase der Pubertät einerseits im Sinne von "das haben wir auch schon alles erlebt" - und starren andererseits derart mißtrauisch auf die Jugend, als käme sie von einem anderen Stern?
"Teenspirit" ist auf seine Weise ein ziemlich braves Buch, eine Art additiver Fleißarbeit aus dem Methodenkreis der "oral history": Statt über einen bestimmten Personenkreis zu schreiben, kommen die Einzelnen selbst zu Wort; das heißt aus Objekten werden Subjekte. Sydney Lewis hat die Äußerungen der Jugendlichen bis auf ein Vorwort unkommentiert und wohl auch weitgehend unbearbeitet gelassen. Das kann man bei einem Titel der Kategorie "Sachbuch" nicht unbedingt beanstanden, auch wenn "Teenspirit" im Vergleich etwa mit den literarischen Soziogrammen Feridun Zaigmolus, der sich mit dem Leben türkischer "Kanacken" in Deutschland befaßt, sprachlich und von der Dichte her deutlich abfällt. Aber gut, bei "Teenspirit" hat man es also mit bloßen Protokollen zu tun - nur hat Sydney Lewis ihr Material nach sehr unklaren Gesichtspunkten organisiert. Was soll das, ein Kapitel mit dem wenig aussagekräftigen Titel "Ich bin dreizehn" abzugrenzen von einem anderen mit der abstrusen Überschrift "Mütter und Väter: Alles ist möglich", zumal, wenn in diesem Kapitel wieder eine Dreizehnjährige zu Wort kommt? Offensichtlich hat die Autorin hier keinen Gedanken an ihr Vorgehen verschwendet. Dafür hat man sich bei der Gestaltung des Buches Mühe gegeben, den Band einem vermuteten jugendlichen Geschmack anzupassen. Da reicht es dann nicht, eine Seite Text bloß mit der Seitenzahl zu versehen. Bleiwüste! Also wird die jeweilige Kapitelüberschrift in einem nebligen Grauschleier auf jeder Seite wiederholt, und aus jedem Statement wird zusätzlich noch irgendein Satz herausgenommen und als fettgedruckte Schlagzeile an den Rand gesetzt. Als weitere optische Auflockerung des Buchs ist das Rasterbild eines haarlosen Knaben gedacht, das je nach Themenschwerpunkt auf dem Kopf steht, verdoppelt wird oder von dem, wie im Kapitel "Geheimnisse", nur noch der Schädel mit einem Paar wirklich geheimnisvoller Augen bleibt. Aber um noch einmal auf die Aussagen der Jugendlichen zu kommen: Das lust- oder furchterregend Neue bietet dieses 1996 in den USA erschienene Buch nicht - was übrigens der Autorin nicht zum Vorwurf zu machen ist. Vielleicht erfahren Kids in den USA ein bißchen mehr Kriminalität, vielleicht sind sie ein bißchen mehr von den neuen Medien geprägt, aber das sind Nuancen. Das Originelle liegt bei diesem Buch, wie könnte es anders sein, in den Details. Ist es nicht einsichtig, daß ein Mädchen auf ihren großen Bruder losgeht, wenn er zu ihr sagt, deine Unterarme stinken? Und wie erfreulich, wenn ein anderes Mädchen von sich weiß, "mein Herz ist irgendwie ein total freundliches Herz". Und warum, möchte einer wissen, steht in den Jugendzeitschriften nie etwas über das Haushaltsdefizit, sondern immer nur über die neuste Mode? Außerdem sollen Erwachsene mit ruhiger Stimme zu Kindern und Jugendlichen reden, weil die sonst durcheinander geraten. In "Teenspirit" finden sich schließlich auch feine Pointen wie die einer drogenerfahrenen Dreizehnjährigen: Sie will mit dem Rauchen aufhören, wenn sie ihre Zahnspange bekommt.
Der Klett-Cotta Verlag hat angekündigt, dieses Buch sei vor allem eins für jüngere Leser, die sich nicht von Erwachsenen erzählen lassen wollten, wer sie seien. Die Rezensentin hat drei Jugendliche aus der Nachbarschaft nach ihrem Interesse befragt und bekam ein großzügiges "man könne da mal reinschauen" zur Antwort; obwohl, wurde dann nachgeschoben, man nicht sehr bedürftig sei, weil man in Florida und Alaska Freunde habe, mit denen man E-Mails tausche. Wenn man spöttisch gestimmt ist, könnte man vermuten, "Teenspirit" wende sich an diejenigen, denen eine eigene Kommunikation mit Jugendlichen nicht gelingt; das heißt nicht an alle, aber an diverse Eltern, Lehrer oder Sozialarbeiter. Ohne Spott läßt sich allerdings auch festhalten: Bücher sind Mittel der Verständigung, und die Lektüre von "Teenspirit" vermittelt einem, wenn man sie nicht ohnehin schon hatte, vor allem Achtung vor den Kids, die in einer alles andere als friedlichen Gesellschaft heranwachsen.
"Teenspirit" ist auf seine Weise ein ziemlich braves Buch, eine Art additiver Fleißarbeit aus dem Methodenkreis der "oral history": Statt über einen bestimmten Personenkreis zu schreiben, kommen die Einzelnen selbst zu Wort; das heißt aus Objekten werden Subjekte. Sydney Lewis hat die Äußerungen der Jugendlichen bis auf ein Vorwort unkommentiert und wohl auch weitgehend unbearbeitet gelassen. Das kann man bei einem Titel der Kategorie "Sachbuch" nicht unbedingt beanstanden, auch wenn "Teenspirit" im Vergleich etwa mit den literarischen Soziogrammen Feridun Zaigmolus, der sich mit dem Leben türkischer "Kanacken" in Deutschland befaßt, sprachlich und von der Dichte her deutlich abfällt. Aber gut, bei "Teenspirit" hat man es also mit bloßen Protokollen zu tun - nur hat Sydney Lewis ihr Material nach sehr unklaren Gesichtspunkten organisiert. Was soll das, ein Kapitel mit dem wenig aussagekräftigen Titel "Ich bin dreizehn" abzugrenzen von einem anderen mit der abstrusen Überschrift "Mütter und Väter: Alles ist möglich", zumal, wenn in diesem Kapitel wieder eine Dreizehnjährige zu Wort kommt? Offensichtlich hat die Autorin hier keinen Gedanken an ihr Vorgehen verschwendet. Dafür hat man sich bei der Gestaltung des Buches Mühe gegeben, den Band einem vermuteten jugendlichen Geschmack anzupassen. Da reicht es dann nicht, eine Seite Text bloß mit der Seitenzahl zu versehen. Bleiwüste! Also wird die jeweilige Kapitelüberschrift in einem nebligen Grauschleier auf jeder Seite wiederholt, und aus jedem Statement wird zusätzlich noch irgendein Satz herausgenommen und als fettgedruckte Schlagzeile an den Rand gesetzt. Als weitere optische Auflockerung des Buchs ist das Rasterbild eines haarlosen Knaben gedacht, das je nach Themenschwerpunkt auf dem Kopf steht, verdoppelt wird oder von dem, wie im Kapitel "Geheimnisse", nur noch der Schädel mit einem Paar wirklich geheimnisvoller Augen bleibt. Aber um noch einmal auf die Aussagen der Jugendlichen zu kommen: Das lust- oder furchterregend Neue bietet dieses 1996 in den USA erschienene Buch nicht - was übrigens der Autorin nicht zum Vorwurf zu machen ist. Vielleicht erfahren Kids in den USA ein bißchen mehr Kriminalität, vielleicht sind sie ein bißchen mehr von den neuen Medien geprägt, aber das sind Nuancen. Das Originelle liegt bei diesem Buch, wie könnte es anders sein, in den Details. Ist es nicht einsichtig, daß ein Mädchen auf ihren großen Bruder losgeht, wenn er zu ihr sagt, deine Unterarme stinken? Und wie erfreulich, wenn ein anderes Mädchen von sich weiß, "mein Herz ist irgendwie ein total freundliches Herz". Und warum, möchte einer wissen, steht in den Jugendzeitschriften nie etwas über das Haushaltsdefizit, sondern immer nur über die neuste Mode? Außerdem sollen Erwachsene mit ruhiger Stimme zu Kindern und Jugendlichen reden, weil die sonst durcheinander geraten. In "Teenspirit" finden sich schließlich auch feine Pointen wie die einer drogenerfahrenen Dreizehnjährigen: Sie will mit dem Rauchen aufhören, wenn sie ihre Zahnspange bekommt.
Der Klett-Cotta Verlag hat angekündigt, dieses Buch sei vor allem eins für jüngere Leser, die sich nicht von Erwachsenen erzählen lassen wollten, wer sie seien. Die Rezensentin hat drei Jugendliche aus der Nachbarschaft nach ihrem Interesse befragt und bekam ein großzügiges "man könne da mal reinschauen" zur Antwort; obwohl, wurde dann nachgeschoben, man nicht sehr bedürftig sei, weil man in Florida und Alaska Freunde habe, mit denen man E-Mails tausche. Wenn man spöttisch gestimmt ist, könnte man vermuten, "Teenspirit" wende sich an diejenigen, denen eine eigene Kommunikation mit Jugendlichen nicht gelingt; das heißt nicht an alle, aber an diverse Eltern, Lehrer oder Sozialarbeiter. Ohne Spott läßt sich allerdings auch festhalten: Bücher sind Mittel der Verständigung, und die Lektüre von "Teenspirit" vermittelt einem, wenn man sie nicht ohnehin schon hatte, vor allem Achtung vor den Kids, die in einer alles andere als friedlichen Gesellschaft heranwachsen.