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StartseiteKultur heute"Wir haben die Hoffnung keinesfalls aufgegeben"25.11.2016

Teheran Ausstellung in Berlin"Wir haben die Hoffnung keinesfalls aufgegeben"

Die Berliner Gemäldegalerie plant in der nächsten Woche die Eröffnung einer Ausstellung mit modernen Werken aus der Kunstsammlung der Schah-Familie. Doch noch immer fehlen Unterschriften für Ausfuhrgenehmigungen. Dass ein solches Projekt kein einfacher Gang werde, sei klar gewesen, sagte Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, im DLF.

Hermann Parzinger im Gespräch mit Michael Köhler

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) besucht am 17.10.2015 das Tehran Museum of Contemporary Art (TMOCA) in Teheran und schaut sich ein Gemälde von John Hoyland an. (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)
Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) besucht am 17.10.2015 das Tehran Museum of Contemporary Art (TMOCA) in Teheran und schaut sich ein Gemälde von John Hoyland an. (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)

Michael Köhler: Zuerst aber ein ungeliebtes Erbe und eine schwierige Zusammenarbeit zwischen Berlin und Teheran. Mehr als 1000 menschliche Schädel aus früheren deutschen Kolonien befinden sich in den anthropologischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin. Vor fünf Jahren kamen sie aus den Kellern der Luschan-Sammlung der Charité und gingen an die Preußen-Stiftung. Sie stammen überwiegend aus der ehemaligen Kolonie Deutsch Ostafrika und dienten rassekundlichen Forschungen vor der Nazi-Zeit. Das Gros der Schädel stammt ursprünglich aus Gräberfeldern.

Den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, den Archäologen Hermann Parzinger habe ich gefragt: Ist es für Sie ein unangenehmes Erbe?

Hermann Parzinger: Es ist natürlich zweifellos ein sehr, sehr schwieriges Erbe. Wir haben das in der Tat vor drei, vier Jahren von der Charité übernommen und ich muss ganz klar sagen, wir wollen diese Dinge in der Tat nicht bei uns haben. Das heißt aber auch trotz alledem: Man muss mit diesen Dingen würdig umgehen. Das heißt, man muss recherchieren, wo kommen sie genau her, und dann vor allem sehen, wer ist der rechtmäßige Empfänger, um sie dann auch zu restituieren, weil da immer die Frage ist, der Empfänger, was macht der dann damit. Denn das muss natürlich jetzt würdig geschehen. Das heißt, wir können nicht dieses Erbe der Kolonialzeit, was ja viele Jahrzehnte unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit in den Kellern schlummerte, jetzt einfach Richtung Herkunftsländer entsorgen, sondern das muss schon erforscht werden und dann an den rechtmäßigen Empfänger zurückgegeben.

"Ein solches Projekt ist kein einfacher Gang"

Köhler: Lassen Sie uns die Gelegenheit nutzen, noch über ein tagesaktuelles Ereignis zu sprechen, das sie ganz besonders ärgert, weil Sie sich da so engagiert haben. In den letzten Tagen haben Sie sich geradezu ärgerlich gezeigt, muss man sagen. Denn es gibt Verzögerungen eines Ausstellungsprojekts mit Werken aus der modernen Kunstsammlung Teheran von Farah Diba, der Gattin des Schahs. Die Verantwortlichen verweigern Unterschriften, so dass es zu einer Ausstellung, die auch Außenminister Steinmeier sehr am Herzen liegt, vielleicht nicht kommt oder nur verzögert kommt, nämlich moderne Kunst aus dem Kunstmuseum in Teheran. Wie ist da gegenwärtig der Stand? Fürchten Sie in der Tat, die Ausstellung absagen zu müssen?

Parzinger: Ich hoffe, dass dieser Fall nicht eintritt. Es war uns von Anfang an klar: Ein solches Projekt mit dem Iran zusammen, noch dazu zu einer Kunstsammlung, die dort über Jahrzehnte nicht zu sehen war, weil sie nicht den Vorstellungen entsprach, dass das kein einfacher Gang wird, das war uns klar. Aber das muss Kulturpolitik, auswärtige Kulturpolitik manchmal auch tun, dass man versucht, dort wo leise, vorsichtige Zeichen der Öffnung sichtbar werden, die aufzugreifen und dann auch zusammenzuarbeiten und die liberalen Kräfte, die es dort gibt, dadurch auch zu stärken. Es ist so, dass vor einigen Wochen ein Wechsel im Amt des Kulturministers stattgefunden hat, und der frühere war sehr liberal, hat das Projekt sehr unterstützt. Der neue hat sich auch sehr positiv schon geäußert, aber das sind Dinge, da bleibt auch mal ein paar Wochen alles liegen. Und der Punkt ist einfach: Erst wenn die Ausfuhrgenehmigungen unterschrieben sind, kann man mit, um es mal ganz banal zu sagen, dem Kisten bauen und den Transportvorbereitungen beginnen und und und. Das heißt, an einer solchen Unterschrift hängen natürlich ein ganzer Rattenschwanz an Konsequenzen, die man zunächst vielleicht gar nicht so im Bild hat, die aber dann natürlich, wenn man einen Öffnungstermin im Blick hat, schwierig werden. Insofern haben wir die Hoffnung keinesfalls aufgegeben. Ich glaube, denen ist wichtig, dass es für den Iran auch eine große Chance ist, dass es aber auch wichtig ist, diese Werke zu zeigen. Das ist die bedeutendste Sammlung der Kunst, der westlichen Kunst des 20. Jahrhunderts außerhalb Europas und Nordamerikas.

Ausstellung wäre "ein großer Gewinn"

Köhler: Jackson Pollock, Marc Roskow, Andy Warhol, das liest sich wie ein Who der amerikanischen Nachkriegskunst.

Parzinger: Genau, die ganzen großen Namen mit Werken, die in der Kunstgeschichte zwar bekannt sind, die man aber viele Jahrzehnte nicht mehr gesehen hat und die auch, sagen mir die Kollegen, die sie vor Ort eingesehen haben, dadurch, dass sie über Jahrzehnte im Dunkel der Kellerverließe waren und nicht ausgestellt über denselben Zeitraum, natürlich von einer Atelierfrische geprägt sind. Das, glaube ich, wäre schon ein großer Gewinn. Wir werden die Werke ja zeigen im Dialog mit iranischen Künstlern, iranischen Kunstwerken aus denselben Zeiten, aus denselben Jahrzehnten, und da sieht man eigentlich sehr, sehr schön, wie im Grunde auch die Moderne die iranische Kunst beeinflusst, bestimmte Künstler, die das besonders aufgreifen, umgekehrt aber auch andere Künstler, die da weniger beeinflusst sind. Auch dieser Dialog mit der westlichen Kunst ist ganz spannend, denn das war ja damals in Teheran in den 70er-Jahren, das war ja im Nahen Osten das einzige Land, das einzige Museum, was gesagt hat, wir wollen jetzt mit all den Petrodollars, die es bei uns gibt, wir wollen jetzt wirklich hier die Kunst des Westens des 20. Jahrhunderts in Meisterwerken sammeln und ausstellen. Und das Gute ist ja, dass nicht nur die jetzt im Westen gezeigt werden sollen, sondern dass es natürlich auch Bestrebungen gibt im Museum, das ja seit Amtsantritt von Präsident Rohani wieder geöffnet ist - da sind auch viele junge Leute zu sehen, man will auch einen Erweiterungsbau dort errichten -, man wird diese Werke auch im Iran zeigen. Ich glaube, das ist schon wichtig. Natürlich ist der Iran kein Land, was unseren Vorstellungen eines Rechtsstaats, Menschenrechte und Meinungsfreiheit entspricht, aber da fängt langsam was an sich zu öffnen, und ich finde, das muss man unterstützen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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