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StartseiteFlucht und VertreibungTeil 13: Die Tschechen und die Vertreibung der Deutschen11.12.2004

Teil 13: Die Tschechen und die Vertreibung der Deutschen

<em>Wir ahnten noch nicht, dass dieser Wahnsinnsmontag, dieser 7.Mai 45, der Tag "X" für die Tschechen war, an dem sie mit ihrer Rache begannen. Sie verdrehten als erstes alle Wegweiser und standen höhnisch grinsend an den Straßen, wenn wir im Kreise fuhren. </em>

Von Barbara Schmidt-Mattern

Lieselotte Klopp, Rothwasser im Sudetenland. In der Endphase des Krieges und nach der Besetzung durch die sowjetische Armee haben die Tschechen die Kontrolle übernommen. Es beginnt die Phase der so genannten "Wilden Vertreibungen"; sie dauert knapp drei Monate. Die Bäckereiverkäuferin Sonja Hohmann aus Wernsdorf bei Brüx notiert am 14. Juni in ihrem Tagebuch:

Das halbe Dorf wurde leer gemacht. Alte Leutchen, die niemandem etwas zuleide getan hatten, Frauen mit Kindern, deren Mann noch nicht aus dem Krieg zurückgekommen war, alles Leute, die irgendwie im Wege waren, unnötige, die nicht mehr arbeiten konnten, oder auf deren Wohnung es gerade jemand abgesehen hatte.

An einem Tag donnerten plötzlich heftige Schläge gegen die Holz-/Glaswand unserer Küche.

erinnert sich Georg Ruprecht aus Mährisch-Schönberg, der zu dieser Zeit an Gelbsucht erkrankt ist.

Mein Vater sperrte auf und zwei junge Burschen, höchstens Anfang 20, schlugen sofort auf ihn ein und brüllten, dass wir alle sofort mitkommen müssten.
Hier hatte Herr Bartel eine glänzende Idee. Er zeigte auf mich und sagte: Typhus. Da wurden sie sofort zurückhaltender. Meine Mutter ging am nächsten Morgen zu dieser Behörde, und es gelang ihr, den Abtransport rückgängig zu machen.


Gisela Bartz erinnert sich an eine Beobachtung in Oberleutensdorf.

Aber was mich ganz erschüttert hat, war, wie ich zusehen musste, dass alte Männer, das waren ja wohl deutsche Männer, auf’m Hof herumgetrieben wurden im Kreis, wie im Zirkus, Und die mussten dann immer schneller rennen, und dann mussten sie springen, und dann fielen welche um, und dann wurden sie mit Fußtritten bearbeitet und mit Peitsche.

In den Nachbarorten ist nun fast jeden Tag Evakuierung, "Säuberung", wie es die Tschechen nennen. Systematisch werden die Menschen mürbe gemacht.

registriert Sonja Hohmann

Sie wissen nicht, wann die Stunde des Abschieds kommt. Jeden Tag gibt es eine andere Parole. Mal heißt es: Nächste Woche ist es soweit. Dann wieder: In drei Tagen Dann heißt es wieder, die Ausweisung werde eingestellt. Ruhe findet niemand mehr.

Ein Deutscher durfte nichts mehr haben, kein Radio, kein Fahrrad, kein Musikinstrument.

notiert Maria Sperl aus Prostibor, damals 40 Jahre alt. Der Druck auf die Deutschen wird in den folgenden Monaten nach und nach erhöht.

So musste jeder Deutsche auf der Brust ein weißes Stoff-Viereck mit einem schwarzen N - gleich Nemec/ Deutscher - festgenäht tragen.

Ärzte durften uns nicht behandeln. Ich brauchte aber einen Gynäkologen. Und dann sprach sich unter den Deutschen rum, dass es einen tschechischen Gynäkologen gab, der nachts um zwölf deutsche Frauen behandelte, und da bin ich dann nachts um 12 ... hab ich den aufgesucht, und der hat mich denn auch behandelt...

Die Kinder sind von jeglichem Schulbesuch ausgeschlossen. Lokalbesuche sind nicht gestattet, jedes gesellschaftliche Leben erstirbt für uns.

erinnert sich Ingeborg Rossberger aus Frankenstadt bei Mährisch-Schönberg.

Am 3. August hatten wir zum letzten Mal heimlich Radio (Beromünster) gehört.
Betroffen nahmen wir die Vereinbarungen der Alliierten im Potsdamer Abkommen zur Kenntnis: Die Sudetendeutschen werden "in humaner Weise mit ihrer beweglichen Habe" umgesiedelt.


Ich war dazu erkoren, die Rolle des Unglücksboten zu spielen.

Rudolf Pöhlig, damals 13 Jahre alt.

Fred und Klaus, zwei meiner Schulfreunde, waren gemeinsam mit mir zum tschechischen Kommissar beordert worden. Zunächst hieß es ruhig sein und warten. Als sich die Tür zum Büro endlich öffnete, stand der tschechische Kommissar an der Schwelle. Der Mann kam unerwartet leutselig auf uns Kinder zu, hielt jedem einen Packen Zettel entgegen und sagte nur kurz: "Fier Ober-, Mittel- und Unterdorf. Abgeben bei Leute persönlich. Ist ganz dringend! Kapiert?" Wir nickten.

Rudolf Pöhlig verteilt, ohne es zunächst zu wissen, die Ausweisungsbefehle
Karl Maly aus Troppau, damals 15 Jahre alt, wird im Sommer 1945 zum Arbeitseinsatz bei einem Bauern geschickt. Eines Tages macht er eine Beobachtung, die ihm vor Augen führt, dass er seine Heimat verlassen muss.

Da sahen wir plötzlich, wie ein Zug mit offenen Viehwaggons vorbeifährt, in den stehend Menschen hereingepfercht waren, die langsam an uns vorbeirollten. Eine apathische Masse, die da im Zug war. Und da ging mir zum ersten Mal auf, was uns vielleicht blüht, dass die uns alle auf die Art und Weise irgendwohin entsorgen wollen.

Für die Familie der damals 17jährigen Ingeborg Rossberger wird die Vertreibung am 8. Februar 1946 zur Gewissheit:

Kurz vor sechs Uhr reißt uns ein Klopfen an die Fensterscheiben aus dem Schlaf. In Tschechisch und Deutsch rufen Stimmen: In drei Stunden haben sie sich mit je 50 Kilo Gepäck und Essen für drei Tage bei Gasthaus Glotzer einzufinden. Sie werden ausgewiesen. Seit sechs Monaten wissen wir, dass der Tag der Ausweisung kommen würde. Dennoch sind wir jetzt erschüttert und unvorbereitet.

Im August 1946 kam die Benachrichtigung, dass wir ausgesiedelt werden. Ich empfand das als große Erleichterung. Obwohl wir noch nicht aus dem Lande waren, hatte man wieder ein Gefühl von Sicherheit.

erinnert sich Georg Ruprecht. In einem Güterwagen verlässt er am 26 August Mährisch-Schönberg.

Bald setzte sich der Zug in Bewegung, der Abschied war gekommen. Es wurde still im Wagen, besonders als wir von den Angerwiesen den letzten Blick auf die Stadt hatten, einen ausnehmend schönen noch dazu. Für meine Eltern war das eine schwere Stunde. Ich empfand zwar auch die Schönheit unserer Heimat und hatte noch dazu das Gefühl, sie nie wiederzusehen. Doch alles wurde überlagert von dem Gedanken: Jetzt kommst du raus.

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