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StartseiteFlucht und VertreibungTeil 4: Die Flucht übers Haff02.12.2004

Teil 4: Die Flucht übers Haff

<em>Dann hieß es, jetzt müsst ihr übers Haff. Es war keine Straße mehr frei, es ging kein Zug mehr, es musste übers Haff. Das Haff war zugefroren. Und dann kam gerade hinzu, dass es eine wahnsinnige Kälte war, so 30 Grad kalt. </em>

Von Dietrich Möller

Januar 1945. Leonore Jost, damals 19 Jahre, spricht vom Frischen Haff, jener Meeresbucht, die durch den Frische Nehrung genannten und überwiegend aus Dünen bestehenden Landstreifen von der Ostsee getrennt wird. Er verbindet das Gebiet um Königsberg mit dem um Elbing und - weiter westlich - Danzig. Als die Rote Armee einen guten Teil Ostpreußens eingenommen hat, bleibt den Flüchtlingen kein anderer Weg mehr als der über die Ostsee und damit über Haff und Nehrung. Leonore Jost und ihre Familie kommen aus Braunsberg. Ebenso wie Irmgard Baumgarten:

Gendarmerie sorgte dafür, dass die Wagen nur in Abständen von 50 bis hundert Metern fuhren, damit die Fläche nicht zu stark belastet wurde. Pioniere, Polizei und Feuerwehr hatten entlang der Fahrspur Löcher ins Eis geschlagen und Tannenbäume und Markierungsstangen festgefroren, so dass der Weg nicht zu verfehlen war.

Den Weg hatten Pioniere der Wehrmacht abgesteckt.

erinnert sich Walter Müller, ein damals achtjähriger Junge.

Denn was wir alle nicht wussten, war, dass von Elbing nach Königsberg durch das Eis eine Fahrrinne per Eisbrecher gebrochen war. Über diese hatten die Pioniere Knüppeldämme gebaut und leiteten den Flüchtlingszug darüber. Sie winkten die Fußgänger mit dem grünen Licht ihrer Taschenlampen und mit dem Ruf "Fußgänger hierher!" über den Damm.

... und da sind wir die erste Nacht, da haben wir geglaubt, da könnten wir weitergehen. Aber da ist so ein Schneesturm gekommen und so furchtbar, da haben wir dann nur auf dem Wagen gesessen und haben geheult und gar nix mehr denken können und gewartet, ich weiß nicht, auf was.

Inge Unbenannt, seinerzeit 15 Jahre alt, wird mit ihrer Familie auf einem Treckwagen abends gegen 21 Uhr von Soldaten auf das Haff geleitet:

Die Fahrtrichtung war abgesteckt, aber das Eis war schon so brüchig, dass sich ganz schnell Wasser sammelte. Soldaten begleiteten uns mit Laternen bis zur Mitte des Haffs, dann kehrten sie um. Als es hell wurde, bot sich uns ein grauenvolles Bild. Russische Flieger beschossen die Flüchtlinge mit Bordwaffen im Tiefflug. Unzählige Tote, abgesoffene Wagen, wo zwischen den Eisschollen die Reste rausragten.

Als die Sonne aufging, war plötzlich die Hölle los. Russische Artillerie schoss aus allen Rohren das Eis bei dem etwa einen halben Kilometer vor uns fahrenden Flüchtlingstreck kaputt.

Erich Pusch überquert im Februar 1945 mit seiner Familie das Haff.

Die nachfolgenden Wagen stauten sich, und wir fuhren sofort wieder an Land. Endlich hörte der Beschuss auf, doch dafür waren sofort die russischen Schlachtflieger da. Zuerst warfen sie Bomben mitten in die Ansammlung der Fuhrwerke. Als sie alle Bomben abgeworfen hatten, stürzten sie sich mit Bordkanonen und MG-Feuer auf die wehrlosen Flüchtlinge, Welle um Welle. Als die Attacke zu Ende war, hörte man die getroffenen Pferde wiehern und die verwundeten Menschen schreien. Der halbe Treck war im Eis eingebrochen. Es gab unzählbar viele Tote. Es war ein Bild des Grauens.

Auch Manfred Kuckla - heute 73 Jahre - erinnert sich noch gut an diese Bilder:

Sie müssen sich vorstellen: hier eine Strecke nur für Flüchtlingstrecks, da eine Strecke Soldaten, da eine Strecke nur Fußgänger. Damit das Eis nicht nur an einer Stelle belastet wurde. Und als wir da drüber gingen, kamen Raddas, russische Flugzeuge, und haben uns beharkt und beschossen. Is egal, alles, was da kreucht und fleucht, wurde bombardiert und mit MG’s beschossen.

Brüchiges Eis, Beschuss durch die Rote Armee - und dazu das Winterwetter, das immer schlimmer wird.

Diese Fahrt, Luftlinie 18 Kilometer, dauerte anderthalb Tage und war so grauenvoll, wie ich es als Soldat in Polen, Frankreich und Russland nicht erlebt hatte. Wagen mit Pferden waren im Eis eingebrochen, erschossene Menschen und Tiere lagen auf dem Eis oder schwammen in den Bombenlöchern. Von den Sanitätsautos sah man oft nur noch das rote Kreuz auf dem Dach durch das Wasser schimmern.

So Erich Klein, der mit einem Treck aus Bartenstein kommt. Bilder, wie sie auch der damals 14jährigen Irmgard Baumgarten gegenwärtig sind:

Die ersten toten Pferde hatten wir schon am Anfang des Haffs gesehen. Sie sahen riesengroß aus, wie sie so auf dem Eis lagen. Bei manchen quollen Eingeweide heraus. Jetzt lagen sie immer zahlreicher am Weg, ebenso zerschossene Wagen. Um sie häuften sich Koffer, Kisten, Kochtöpfe, Wäschekörbe, Kinderwagen, Speckseiten und Wäschebündel. Bei manchen Wagen lagen Tote, oder es bemühte sich ein einziger Überlebender, ein paar Habseligkeiten hervorzuziehen.

Es war ein grauer Tag, die Nebelschwaden schützten uns vor der Sicht feindlicher Flieger, deren grauenhafte Beute, eingebrochene, im Eise steckende Wagen noch mit den angeschirrten Pferden davor, rechts und links von unserem Wege wie Schemen vorbei glitten. Man durfte gar nicht hinsehen.

Annemarie Handschuch ist mit ihren drei kleinen Kindern auf die Flucht gegangen. Auch sie wird von Soldaten mit einem leichten Pferdewagen über das Haff gebracht.

Endlich, am Strand zwischen Sand und Dünen, hielt unser kleiner Wagen. Wir wollten nach der langen Anspannung und Angst erleichtert aufatmen und vom Wagen springen. Ich hielt im letzten Moment inne und sprang an eine andere Stelle: Da lag in zwei Kissen, als ob es schliefe, ein totes Kind, noch mit rosigen Wangen. Ein Kind, vielleicht ein Jahr alt. Mein Gott, in welche Hölle sind wir hier geraten! Wo Mütter ihre Kinder unbestattet liegen lassen müssen.

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