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StartseiteFlucht und VertreibungTeil 5: Die Einschiffung03.12.2004

Teil 5: Die Einschiffung

<em>Erstmals durchs brennende Danzig durch und in Bonsack kamen wir an. Und da kamen wir wieder in ein Flüchtlingslager und da sind wir auf eigene Faust zum Hafen gelaufen, Gotenhafen oder Gdingen. </em>

Von Doris Bulau

Ruth Hilbig. - Als 17jährige flüchtet sie mit ihrer Schwester Hilde Ende Februar 1945 aus dem zerstörten Braunsberg durch das brennende Danzig nach Gotenhafen. Ostpreußen ist von der sowjetischen Armee eingeschlossen. Der Weg über die Ostsee ist für viele die letzte Chance, aus dem Kessel herauszukommen.

Und da haben wir auf Schiffe gewartet und da kam ein Schiff und wir reihten uns an und plötzlich, kurz vor uns Schluss; es geht nicht weiter; das Schiff ist voll. Und da waren wir so traurig und da kam ein Soldat wie ein Retter zu uns: kommt mal her und brachte uns auf ein Minenräumboot.

Unbeschreiblich war der Augenblick des Ablegens. Zum ersten Mal kamen mir die Tränen. Endgültig hatte ich meine Heimat verloren und meine Gedanken waren bei meinem Mann, von dem ich noch nicht einmal wusste, ob er noch lebte. Wir schöpften noch einmal tief Luft und mussten wieder zurück in den untersten Teil des Schiffes.

Gerda Hoffmann, geboren 1912 in Ostpreußen, gelingt mit ihren Kindern die Einschiffung auf die "Essberger", die Kurs auf Swinemünde nimmt. Das Schiff hat rund 5000 Frauen und Kinder an Bord. Die Lebensbedingungen auf den zumeist völlig überfüllten Flüchtlingsschiffen sind katastrophal.

Die Luft war zum Ersticken. Die Menschen lagen mehr über- als nebeneinander. Es schien unmöglich einen Platz zu finden und doch mussten nach uns noch so viele hinein.

erinnert sich Irmgard Baumgarten, damals 14 Jahre alt und ebenfalls aus dem ostpreußischen Braunsberg. Sie hat ein Schiff mit Kurs Kopenhagen erreicht. Das Gefühl der Enge und der Angst haben sich auch bei Waltraut Strittmatter eingeprägt. Sie ist damals neun Jahre alt und notiert später:

Die trübe Beleuchtung zeigt das ganze menschliche Elend: Alte, Kranke, kleine Kinder liegen da gedrängt, erschöpft, verstört, durchgefroren, die Habe zusammengedrückt. Auch wir breiten eine Decke aus und versuchen zu schlafen. "Deike Rickmers" heißt unser Schiff. Es dröhnt und fährt weg vom Feind, weg von Ostpreußen, weg von uns. Es ist eine Nacht voller Angst.

Die Abort-Angelegenheit war miserabel: zwei halboffene Büdchen mit mehreren Sitzgelegenheiten, das war alles für dreitausend Männer, Frauen und Kinder.

Irmgard Hübert. Sie kann mit Verwandten und Nachbarn auf einem Kohlenschiff von Danzig aus nach Dänemark flüchten.

Eine besondere Plage war es mit dem Wasser Es gab nur wenig zu trinken. Am schlimmsten ging es den Müttern mit Kindern oder Kranken. Der Arzt hatte keine Medikamente und für die Säuglinge reichte die Milch und der Brei nicht.

Es ist eine Irrfahrt, begleitet von russischen Flieger- und Torpedoangriffen. Daran erinnert sich auch Barbara Schardt. Die seinerzeit 16jährige aus Braunsberg gehört zu den rund 3000 Menschen, die es an Bord der Goya bis nach Swinemünde schaffen.

Wir fuhren im Konvoi. Ein Kreuzer vor uns feuerte mit seinen Kanonen auf die pommersche Küste. Wir wurden eingenebelt, da englische Flugzeuge über uns kreisten. Eine Landung war nicht möglich, weil die Hafenanlagen vorher bombardiert worden waren. Am 15. März wurden wir auf See ausgeladen und kamen auf ein Küstenboot, das uns ans Ufer brachte. Hier lagen noch die Toten vom Bombenangriff.

Die Goya wird einen Monat später bei einem weiteren Flüchtlingstransport torpediert und sinkt. Gisela Kahlmann und ihre Freundin Inge beobachten am 30. Januar 1945, wie die Gustloff den Hafen von Danzig verlässt. Sie sind nicht mehr mitgekommen und müssen auf ihrem Kreuzer noch auf Geleitschutz warten.

Es ist bei strahlendem Sonnenschein ein klirrend kalter Wintertag, etwa minus 20 Grad. Die "Gustloff" wird kurz nach 12 Uhr Mittags von vier Schleppern aus dem Hafen gezogen. Wir sehen ihr sehnsüchtig nach.

Gisela Kahlmann hat Glück. Gegen 21.00 Uhr wird die "Gustloff" mit ihren mehr als 6000 Menschen an Bord von drei Torpedos eines russischen U-Bootes getroffen und sinkt. Es werden nur 1.252 Menschen gerettet. Gerda Hoffmann, heute 92 Jahre alt, erinnert sich genau, wie sie die Nachricht vom Untergang der Gustloff erhalten hat. Sie selbst ist zu diesem Zeitpunkt auch mit ihrer Familie unterwegs auf der Ostsee.

Dann waren wir auf der Höhe von Kolberg und dann kam ein Offizier zu uns und sagte, wir müssen ankern, es ist eben eine Nachricht gekommen, dass die Gustloff, das ist ein großes Passagierschiff, das Schiff ist von den Russen bombardiert worden und eben untergegangen. Eine ganze Nacht haben wir zugebracht, um diesen russischen Torpedos zu entgehen.

Die Menschen sind erschöpft, viele sind bei der Ankunft krank, aber erleichtert. Auch Gerda Hoffmann, die sich am 22. Januar mit ihren drei kleinen Kindern sowie ihrer ganzen Verwandtschaft auf den Weg nach Westen gemacht hat.

Und dann sah eine Frau aus einem Haus uns und kam sofort auf uns zu und sagte, kommen sie zu uns, ich sehe doch, ihnen hilft keiner. Und das waren ganz ganz nette Menschen, da konnten wir uns erst einmal ausruhen und kriegten was zu essen und da waren wir drei Tage und dann hieß es, sie können mit dem Zug weiterfahren.

Auch Brigitte Kramer, die im April mit ihrer Familie von Pillau aus zur Halbinsel Hela auf den Frachter "Lappland" Rettung sucht, erreicht nach einer Irrfahrt erschöpft, aber überglücklich, die dänische Küste.

Aus dem stickigen, dunklen Kielraum des Schiffes kommend, angefüllt mit dem Erlebten, mit dem Bild unserer zerstörten, chaotischen, verbrannten Heimat vor Augen, sahen wir Kopenhagen vor uns liegen. Ein strahlend blauer Himmel. Die hellgrünen Patina-Kuppeln und –Dächer, frisches Frühlingsgrün der Bäume und sommerlich gekleidete Menschen am Kai, die uns zuwinkten. Konnte es das wirklich noch geben?

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