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StartseiteFlucht und VertreibungTeil 8: Die Not der Frauen06.12.2004

Teil 8: Die Not der Frauen

<em>Kurz vor Cranz begegnete uns eine Horde betrunkener russischer Soldaten. Ich warf meinen auffallend breiten goldenen Ring, ein altes Erbstück meiner Mutter, in den Schnee vor ihre Füße. Sie stürzten sich darauf, und wir konnten noch einmal entkommen. Was würde uns in Cranz erwarten?</em>

Von Brigitte Froesick

Fragt sich Katharina Krause auf ihrer Flucht durchs nördliche Ostpreußen. Der von Deutschland begonnene Krieg ist verloren und hat ihre Heimat erreicht. Die Zivilbevölkerung ist schutzlos. Auch 55 Jahre später – sie hat ihre Erinnerungen 1999 niedergeschrieben – ist die Nacht in Cranz so lebendig wie heute.

In einem Raum standen an den Wänden Eisenbetten, auf denen viele Frauen saßen. In gewissen Abständen wurden ein bis zwei Frauen in einen anderen Raum von Russen zur Vernehmung gerufen. Schnell warfen wir unsere Brotbeutel, in denen sich unsere Ausweise befanden, unter ein Bett und meinten, nun nicht mehr so stark gefährdet zu sein. Von den weinend und geschunden zurückkehrenden Frauen erfuhren wir bald, woraus die Vernehmungen bestanden.

Auf dem Dachboden findet sie mit einigen anderen jungen Frauen Unterschlupf und überlebt die Nacht unentdeckt. Die gleichaltrige Erna Mundt aus dem niederschlesischen Brieg hat bei ihrer Flucht Richtung Westen in Finsterwalde weniger Glück.

Zwei kräftige Russen zerrten mich von meinem Schlafplatz in einen großen Raum. Im Keller fielen sie über mich her. Da half kein Wehren, kein Schreien, kein Wimmern. Als sie von mir abließen, bekam ich für mein Sträuben einen kräftigen Tritt in den Hintern und böse Worte nachgerufen. Als ich völlig verstört bei meinen Lieben ankam, weinte ich bitterlich, ich kam mir so besudelt, entehrt, gedemütigt durch dieses brutale Vorgehen vor. Ich kam lange Zeit nicht darüber hinweg.

Wie diesem schrecklichen Schicksal entgehen? Die 35jährige Johanna Höfig hat ihre Erlebnisse in Pommern gleich nach Ende des Kriegs zu Papier gebracht.

Wir versuchen nun, uns äußerlich zu verändern, indem wir uns die Haare wüst ins Gesicht hängen lassen und die Tücher großmüttermäßig umbinden. Wer Kinder hat, nimmt diese in seinen Arm. Am Günstigsten ist es, wenn man einen Säugling sein Eigen nennen kann. Im übrigen werden die größeren Kinder instruiert, tüchtig zu schreien, wenn die Herren Russen kommen. Wir hoffen, dass das abschreckend wirkt.

Doch ihre Hoffnung trügt.

Auf einmal kommen zwei Russen auf uns zu. Wir können sie nicht mehr umgehen. Sie halten uns an und fordern "Dokumente". Mein Ausweis ist ohne Lichtbild. Der eine sagt: "Nich gudd, mitkommen, Kommandantur." Ich lasse die Kinder zurück und gehe mit. Wir treten in ein zu ebener Erde gelegenes Büro. Ein Russe bleibt draußen stehen, ich muss mit einem hineingehen. Kaum sind wir drin, schließt er hinter sich ab. Da geht mir ein Licht auf, ich bin so richtig in eine Falle geraten und jetzt haben sie mich. Ich schreie und wehre mich - da zeigt der Kerl auf sein Gewehr - und draußen warten 3 Kinder auf ihre Mutter - also muss ich den Becher leeren bis zum Grund.

Frauen in den letzten Kriegswochen droht nicht nur die Vergewaltigung. Viele werden gefangengenommen und verschleppt. So hat es Erika Jonas bei ihrer Flucht in Ostpreußen im Februar 1945 erlebt..

An einem Arbeitsstag trennte man die jungen von den älteren Frauen. Am Abend kamen die jungen Frauen nicht zurück. Sie wurden eingesperrt, verhört und mussten dann ein in russischer Sprache geschriebenes Protokoll unterschreiben – und das bedeutete Verschleppung nach Sibirien und für die meisten das Todesurteil. Es wurde auch keine Rücksicht darauf genommen, ob sie kleine Kinder hatten.

Die Kinder spüren etwas von dem Unheil, das den Frauen widerfährt, selbst wenn sie nicht Augenzeugen der Übergriffe durch die sowjetischen Soldaten geworden sind. Herbert Bögl, Sohn einer Gutsverwalters und seinerzeit neun Jahre alt, notiert 55 Jahre später in seinen Erinnerungen über die Ankunft der ersten Flüchtlingstrecks auf dem Gut.

Vor allem im Erzählen der Frauen hatte sich eine Art des Andeutens, Abbrechens, Verschweigens eingestellt, die das Schlimmste, was sie zu erzählen hatten, aussparte, aber so, dass doch alle Zuhörer zu Wissenden wurden. Sie glaubten, von all dem auch vor Kindern sprechen zu können, weil die diese Leerstellen doch nicht würden ausfüllen können. Ich wusste natürlich nicht, worum es in den Erzählungen ging, aber dass es etwas Grauenvolles sein musste, was da mit den Frauen passierte, wusste meine Kinderseele.

Gerda Hoffmann ist mit ihren Kindern und einem im Krieg zugewiesenen französischen Zwangsarbeiter im Januar ´45 von ihrem Gut nahe Labiau geflüchtet. Die heute 92jährige erinnert sich:

Ich hatte für die Kinder die kleinen Rucksäckchen, - hatte meine Mutter genäht, und da hatten wir für jedes Kind Pfefferkuchen. Also alles, was sich hielt. Geräucherte Gänsebrust, Brot. Da sollten wir uns immer aufs Brot draufsetzen, dann gefror es nicht, denn gefrorenes Brot ist ja gefährlich. Und sehr viele Kekse, glaube ich.

Gertrud Hess, eine Rot-Kreuz-Helferin in Polaun, einem Durchgangsort von Schlesien ins Sudetenland, versorgt hauptsächlich Mütter mit Kindern und wird dabei immer wieder mit herzzerreißenden Szenen konfrontiert.

Zwei Mal erlebten wir, dass die Mutter ihr Baby fest an sich gepresst hatte und es war schon tot.... Wir erlebten Mütter mit 5 - 6 Kindern. Das Kleinste hatten sie im Arm, die anderen eines an das andere gebunden und dann am eigenen Handgelenk festgemacht, dass keines verloren ging.
Kälte, Hunger, Massenvergewaltigungen, Krankheit und Tod – Lieselotte Klopp fragt sich bis heute, wie die Menschen das überleben konnten. Sie überstand gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester eine sechswöchige Odyssee, vom Sudetenland nach Westfalen, wo die 26jährige Lehrerin ihren Mann wiedertraf.

Ich wundere mich, dass wir noch lachen konnten. Ich kann's gar nicht verstehen. Ich sag: es ist einfach ein Wunder gewesen, dass wir das überstanden haben. Durch diese Flucht hab ich das Erbarmen gelernt, sich zu erbarmen und nicht so stolz über alles hinwegzugehen. Es ist alles so vergänglich. Was eigentlich zählt im Leben, das ist nichts anderes als einfach Liebe.

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