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Teil des Lernalltags

Welcher Schüler und Studenten wünscht sich das nicht - ein Wundermittel, das vor Prüfungen und Abgabeterminen hilft, sich besser zu konzentrieren, sich mehr Informationen zu merken und länger arbeiten zu können. In den USA gehören solche Wundermittel längst zum Alltag der Universitäten.

Von Kerstin Zilm | 23.12.2009

Alle Studenten auf dem USC-Campus scheinen die Medikamente Ritalin und Adderall zu kennen. Und fast alle scheinen mit den Tabletten, die eigentlich nur Personen mit der sogenannten ‚Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung’ - ADHS - verschrieben werden soll, Erfahrung zu haben. Oder jemanden zu kennen, der sie nimmt, um seine Leistungsfähigkeit zu steigern.

"Es ist sehr verbreitet auf dem Campus. Besonders vor Abschlussprüfungen. Manche sagen, sie brauchen es, um zu lernen und gute Noten zu bekommen."

"Ich kenne viele, die es nehmen, wenn sie für Englisch oder Geschichte viel lesen, lange wach bleiben und sich konzentrieren müssen."

"Es ist eine gute Geldquelle für Studenten, die es verschrieben bekommen und nicht viel Geld von zu Hause bekommen. Sie können die Tabletten verkaufen und Geld machen."
Die Pillen kosten auf dem Uni-Schwarzmarkt zwischen fünf und 25 Dollar pro Stück. Vor Prüfungen steigt der Preis. Englischstudent Howard Jones ist mit ADHS diagnostiziert. Seit der ersten Klasse nimmt er Medikamente dagegen. Zunächst Ritalin, seit drei Jahren Adderall, weil es eine länger anhaltende Wirkung hat. Howard gibt zu: Er hat schon Tabletten weiter gegeben, er habe aber nie Geld verlangt.

"Ich höre immer wieder den etwas merkwürdigen Witz, dass jemand mal bei mir vorbeikommen muss vor den Prüfungen. Ich versuche meist, mit einem Lachen abzutun. Aber sie meinen es ernst."

In den USA wird die Einnahme von Medikamenten generell weniger kritisch beurteilt als in Deutschland. Eine leicht zugängliche Droge zur Steigerung der Leistungsfähigkeit ist in den USA weniger ein Schreckenszenario als eine wahr gewordener Traum. In einem gemeinsamen Aufruf forderten US-Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, die Präparate zur sogenannten Aufwertung des Gehirns leichter zugänglich zu machen. Zum Beispiel für Menschen mittleren Alters, die ein jugendliches Gedächtnis haben wollen oder Personen mit mehreren Jobs, die viele Verpflichtungen erfüllen müssen.

Professor George Annes, Experte für medizinische Ethik an der Universität von Boston, kritisiert diese Forderungen.

"Bevor man normalen, gesunden Menschen Medikamente gibt, die sie angeblich klüger machen, sollte man sicher sein, dass damit kein Risiko verbunden ist. Hier in den USA ist der Druck hoch, permanent optimale Leistungsfähigkeit zu zeigen. Aber so macht man gesunde Personen krank und das ist das Gegenteil davon, was Medikamente tun sollten."

Die Studenten auf dem USC-Campus kennen die Nebenwirkungen der Medikamente: zum Beispiel Schlafstörungen, Appetitmangel, Risiko von Abhängigkeit, Herzinfarkt und Herzstillstand. Doch der Druck ist groß: 50.000 Dollar kostet im Durchschnitt das Studium an der Privatuniversität pro Jahr. Nur wer einen Abschluss mit guten Noten macht hat in der aktuellen Wirtschaftslage gute Chancen auf einen guten Job.