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Terrorismus
Wider der semantischen Propagandafalle

Um sich gegen einen Gegner zu wehren, muss man ihn kennen. Das ist bei einer so dezentral wie erratisch agierenden unmenschlichen Terrororganisation wie dem sogenannten Islamischen Staat schon grundsätzlich nicht einfach. Bei der Benutzung dieses Namens fängt die Anerkennung der Behauptung ja schon an. Auch deshalb scheint sich ein neuer Name durchzusetzen.

Von Kathin Hondl | 01.12.2015
    Kurden protestieren in Toulouse gegen Daesh
    Kurden protestieren in Toulouse gegen Daesh (dpa / picture-alliance / Thierry Bordas)
    Die Aussprache variiert zwar, aber François Hollande, Barack Obama und John Kerry sind sich einig: Nicht ISIS oder "Islamischer Staat" sondern "Daesch" ist der Name, bei dem die Terrormiliz zu nennen ist. So sieht das auch der Pariser Politikwissenschaftler und Dschihadismus-Experte Asiem El Difraoui:
    "Daesch, ein Wort, das erst allmählich nach Deutschland vordringt, wird schon seit langem in der arabischen Welt benutzt. Es ist auf der einen Seite die Abkürzung für die Selbstbezeichnung, das heisst 'Al-Daula al-Islamija fil-Irak wal-Scham', 'der Islamische Staat im Irak und im Levante', aber auf der anderen Seite auch ein sehr negativ besetztes Wort, es kommt von einer arabischen Verbwurzel, die bedeutet 'zertrampeln, zertreten, zerquetschen, zerstören'."
    Und deshalb können die Daesch-Terroristen diese Abkürzung auch nicht ausstehen. Sie haben den Gebrauch des Worts in ihrem Herrschaftsgebiet verboten und drohen denen, die "Daesch" sagen, die Zunge abzuschneiden.
    Semantische Propagandafalle
    Das Kürzel Daesch ermöglicht also, die Dschihadisten beim Namen nennen, ohne in die semantische Propagandafalle zu tappen, die uns mit dem Begriff "Islamischer Staat" gestellt wird. Asiem El Difraoui:
    "Ich glaube, die Begriffsklärung ist alles andere als ein Nebenaspekt. Diese Barbaren als Islamischen Staat zu bezeichnen ist meiner Ansicht nach überhaupt nicht akzeptabel. Damit haben wir dann schon eine sprachliche Auseinandersetzung verloren, indem man ihnen in irgendeiner Form den Kredit gibt, sie würden noch irgendwie islamisch sein."
    "Doppelte Lüge"
    "Die Bezeichnung 'Islamischer Staat' bedeutet eine doppelte Lüge", erklärte auch Frankreichs Premierminister Manuel Valls schon im vergangenen Jahr. "Denn diese Organisation hat nichts von einem Staat und repräsentiert in keiner Weise den Islam." Frankreich war lange das einzige westliche Land, in dem das vom selbst ernannten "Islamischen Staat" verhasste Wort "Daesch" benutzt wurde. Umso irritierender ist, dass gerade jetzt, wo der Terror von Daesch in Paris so viele Menschen getötet hat, einige Politiker, vor allem im konservativen Lager, von dieser Sprachregelung wieder abrücken. Von Daesch zu sprechen sei "eine Art, unseren Gegner nicht beim Namen zu nennen", meinte etwa der frühere Premierminister François Fillon und ist damit auf einer Linie mit Ex-Präsident Sarkozy.
    Krieg gegen Staat
    Seit sich das Land als Reaktion auf die Terrorserie vom 13. November offiziell im "Krieg" gegen Daesch befindet, scheint es das Bedürfnis zu geben, im Gegner einen "Staat" zu sehen – wie es der Begriff "Krieg" per definitionem verlangt.
    Auch semantisch befindet sich Frankreich also in einer Art Ausnahmezustand. Die Politiker seien schlicht überfordert, meint Asiem El Difraoui.
    "Dass wir ständig probieren müssen, Begriffe neu zu definieren oder adäquate Begriffe zu finden, zeigt ja auch, dass wir es mit einem ganz neuen Phänomen zu tun haben, das wir gar nicht begriffen haben. Was sind denn wirklich diese Dschihadisten? Wer ist Daesch? Früher sprach man von den Gotteskriegern, die ins Mittelalter zurückkehren wollen. Wir müssen aber endlich mal akzeptieren, dass dieses Phänomen ein Phänomen der Postmodernität ist und wo wir dann wirklich sozialwissenschaftlich, vielleicht sogar philosophisch und sicherlich sprachlich Reflexionen anstellen müssen, wie wir das Phänomen eigentlich benennen wollen."