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Testosteron-Regeln für Läuferinnen"Das ist eine Attacke auf die Identität"

Der UN-Sonderberichterstatter Dainius Puras hält die neuen Limits für Läuferinnen mit hohen natürlichen Testosteronwerten für diskriminierend. Die betroffenen Frauen würden gezwungen, künstlich in die natürliche Beschaffenheit ihres Körpers einzugreifen oder müssten mit dem Sport aufhören, sagte er im Dlf.

Dainius Puras im Gespräch mit Marina Schweizer | 20.10.2018

Caster Semenya jubelt im Ziel nach ihren Sieg im 800-Meter-Lauf bei den Commonwealth-Games 2018
Leichtathletin Caster Semenya wäre von der IAAF-Regel betroffen. Sie müsste wohl Medikamente nehmen. (Mark Schiefelbein/AP/dpa)
Marina Schweizer: Ab November sollte die neue Testosteron-Regel gelten, und die IAAF hält auch weiter daran fest, die Einführung wird aber auf das kommende Frühjahr verschoben. Weil noch eine Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs CAS aussteht. Das gibt auch dem Verband noch Zeit, um sich einen Brief von UN-Sonderberichterstattern genauer anzusehen. Sie haben vor Kurzem an IAAF-Chef Sebastian Coe geschrieben und Bedenken hinsichtlich Menschenrechtsverletzungen geäußert.
Einer der drei Unterzeichner war der Psychiater Dainius Puras, UN-Sonderberichterstatter, der für das Recht auf körperliche und psychische Unversehrtheit eintritt. Ihn habe ich vor der Sendung gefragt, was ihm konkret Sorge bereitet?
Dainius Puras: Wir haben uns entschlossen, den Brief an die IAAF zu schreiben, weil wir große Sorge haben, dass die neuen Regeln ernsthaft die Rechte von Sportlerinnen, die in diese Kategorie fallen, beeinträchtigen und untergraben.
Rechte von Frauen werden verletzt
Schweizer: Welche Sorge treibt Sie da genau um?
Puras: Da muss ich etwas ausholen. Es hat ja bereits Versuche gegeben, den Zugang für Athletinnen zu Wettbewerben zu beschränken, wenn sie eine andere Geschlechtsentwicklung haben. Und bei der Entscheidung der IAAF, neue Regeln aufzustellen, machen wir uns große Sorgen was die Menschenrechte angeht. Wir kennen die Argumente der anderen Seite, des Verbandes – so genannte wissenschaftliche Argumente.
Wir kennen die Problematik. Aber wir glauben, dass die Lösung, die vorgeschlagen wurde, zu unverhältnismäßigen Maßnahmen führen und die Rechte von Frauen verletzen wird. So ist es ja in der Geschichte schon aus unterschiedlichen Gründen passiert. Eines unserer Hauptargumente in diesem Fall ist: Es geht um Diskriminierung, es geht um das Recht darauf, von einer unmenschlichen, grausamen und erniedrigenden Behandlung verschont zu bleiben. Ich will darauf aufmerksam machen. Die Betroffenen werden vor die Wahl gestellt: Entweder sie machen nicht mehr bei Frauenwettkämpfen mit oder sie müssen sich einer medizinisch unnötigen Behandlung unterziehen. Und das sind wirklich schwerwiegende medizinische Eingriffe. Es geht also um mögliche negative Folgen für die Gesundheit.
Schweizer: Aus Ihrer Perspektive als Arzt: Ist also die medizinische Behandlung, über die hier gesprochen wird, gefährlich oder schädlich?
Puras: Ich will einfach über das allgemeine Prinzip sprechen: Wenn sonst eine medizinische Behandlung nicht nötig ist, dann benötigen diese Frauen sie auch nicht. Aber in diesem Fall wird ihnen ja gesagt: Wenn Du in einem Frauenwettbewerb antreten willst, dann musst du dich dieser medizinischen Behandlung unterziehen. Also das heißt ja per se: Das verletzt ihre Rechte, weil sie gezwungen werden, diese Behandlung zu machen, die vielleicht nicht schädlich ist – vielleicht aber doch. Und die für gewöhnlich nicht nötig ist. Also Frauen, die nicht an Sportwettkämpfen teilnehmen, wissen vielleicht gar nicht, dass sie dieses Problem haben oder eine medizinische Behandlung brauchen. In diesem Fall werden sie zu unnötigen Behandlungen gezwungen und deshalb geht es hier auch um eine Einverständniserklärung. Natürlich wird es davon abhängen, was nationale Verbände sagen und was in jedem einzelnen Land passiert, aber ich bin mir nicht so sicher, ob die Athletinnen so gut informiert sein werden, warum diese Eingriffe nötig sind. Und das kann eine zusätzliche Menschenrechtsverletzung darstellen. Also, es gibt wissenschaftliche Argumente, die vom Verband aufgeführt werden und es gibt Argumente bezüglich der Menschenrechte, auf die wir hinweisen. Und deshalb haben wir diesen Brief geschrieben, um dem Verband zu sagen, dass die Bedenken ernst sind.
Dainius Puras, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Gesundheit.
Dainius Puras, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Gesundheit. (dpa/ picture alliance/ Martial Trezzini)
"Man öffnet hier so eine Art Büchse der Pandora"
Schweizer: Ja, die IAAF bezieht sich auf wissenschaftliche Studien, die einen Wettkampf-Vorteil ausgemacht haben auf dem besagten Testosteron-Level. Zweifeln Sie auch diese Studien an?
Puras: Nein, was ich sage ist: In der Wissenschaft und Literatur kann man unterschiedliche Ergebnisse finden. Ich zweifle die Studien nicht an. Ich zweifle aber an, dass man sich auf eine Gruppe fokussiert. Eine Gruppe herausgreift. Obwohl wir wissen, dass es vor allem im Sport viele Fälle gibt, in denen man bei Männern und Frauen sieht, dass Menschen Vorteile haben.
Schweizer: Sie meinen, so etwas, wie Größe oder …?
Puras: Manche sind sehr groß, die Basketball spielen. Manche, die Schach spielen, haben einen sehr hohen IQ, es gibt unter Turnern einen bestimmten Körperbau und viele, viele andere Dinge. Ich will einfach darauf hinweisen, dass man hier so eine Art Büchse der Pandora öffnet über eine sogenannte wissenschaftliche Klassifizierung von Menschen: Jemand kann entscheiden, ob du nun als Frau antreten darfst oder nicht, weil wir Mutmaßungen über deine sogenannte Weiblichkeit haben. Wir wissen, es gibt immer noch so viele Vorurteile, Stigmata und negative Stereotype über Frauen in der Welt. Und in der Öffentlichkeit wird dann die Botschaft diskutiert: Vielleicht sind diese Frauen keine Frauen. Und das wird natürlich negative Auswirkungen auf diese Gruppe von Frauen haben, auf ihr Selbstbewusstsein, ihre Identität und ihre Würde –allein durch die Tatsache, dass sie herausgehoben werden und ihnen gesagt wird: Ihr müsst jetzt untersucht werden.
"Das ist aus meiner Sicht erniedrigend"
Schweizer: Würden Sie also sagen, die Kategorien weiblich und männlich sind im Sport nicht richtig passend?
Puras: Ich würde nicht so weit gehen. Aber wir werden keinen genetischen oder präzisen wissenschaftlichen Test finden, der definiert, wer was ist. Der beste Weg ist, die Person selbst zu fragen. Diese Menschen sind geboren und aufgewachsen als Mädchen und Frauen und jetzt kommt jemand und sagt: Naja, wir sind uns nicht sicher. Wir wollen das untersuchen. Und das ist aus meiner Sicht erniedrigend. Das ist eine Art von Diskriminierung. Sie sind Frauen und wenn ihnen gesagt wird, dass sie nicht bei den Frauen mitmachen dürfen, dann müssen sie sich entscheiden, ob sie künstlich in die natürliche Beschaffenheit ihres Körpers eingreifen oder mit dem Sport aufhören oder bei den Männern mitmachen. Das ist eine Attacke auf die Identität und eine Menschenrechtsverletzung.
Schweizer: Die IAAF sagt eben, dass sie einen fairen Wettkampf für den großen Teil der Athletinnen schaffen will, die keinen höheren Testosteron-Wert haben. Was soll die IAAF also machen, um die Art von Fairness herzustellen, von der sie spricht?
"Sie untergraben die Integrität dieser Menschen"
Puras: Ich verstehe ihre Argumente und ich verstehe, dass es ein ernstes Thema ist. Aber unsere Position ist: Im Vergleich zu ihrem Ziel und den guten Absichten dahinter sind die Maßnahmen, die sie dafür treffen, unverhältnismäßig. Sie untergraben die Integrität und verschiedene Rechte dieser Menschen. Wir sind nicht dazu da, eine Lösung zu präsentieren, aber wir bitten darum, den Ansatz zu überdenken, weil wir Menschenrechtsverletzungen und ernsthafte Auswirkungen auf die Gesundheit fürchten. Und dieser Fall könnte wirklich die Büchse der Pandora öffnen. Vielleicht kommt danach jemand und hat einen neuen Vorschlag im Sport: Diese Frau spielt so gut Tennis oder Fußball, sollten wir vielleicht schauen, ob sie wirklich in einem Frauen-Wettkampf antreten darf? Diese Tendenz ist gefährlich. Und aus der Geschichte der Medizin und der Psychiatrie wissen wir, dass sich besonders bei Frauen die Kultur geändert hat und Menschen haben ständig merkwürdige Schlüsse gezogen, welche weiblichen Merkmale angemessen sind und welche angezweifelt werden. Ich glaube, das hier ist die gleiche Diskussion. Es geht vor allem um Frauen, ich habe bis jetzt nichts gehört, dass bei Männern angezweifelt wird, ob sie mit Männern starten dürfen oder nicht. Und wenn man das jetzt alles zusammennimmt, dann ist das der Grund, warum wir uns entschlossen haben, einen Brief an die IAAF zu schicken.
Schweizer: Die Verantwortlichen aus dem Sport müssen ja eine Lösung finden – darauf verweisen sie ja dann auch. Deshalb muss ich Sie schon fragen: Sie haben jetzt gerade gesagt, Sie seien nicht dazu da, eine Lösung vorzustellen. Aber haben Sie eine Idee?
Puras: Ich glaube, an diesem Punkt ist es weniger bedenklich, sie starten zu lassen, als Kriterien und diese Art von Regeln aufzustellen.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.