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StartseiteRock et ceteraDas große Fauchen16.05.2021

Texanische Rock-Band Black PumasDas große Fauchen

Über 100 Millionen Streams des Debüt-Albums, vier Grammy-Nominierungen, der Auftritt bei US-Präsident Bidens Amtseinführung: Die Band Black Pumas hat in drei Jahren viel erreicht - und noch mehr vor.

Von Marcel Anders

Zwei Männer sitzen auf einer Treppe und tragen Sonnenbrillen. Der Mann auf der rechten Seite hat einen Hut auf dem Kopf. (Lyza Renee)
Gegenpol zur blutarmen Popmusik der Gegenwart: Black Pumas (Lyza Renee)
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Musik: "Sweet Conversation"

"Ich mache das jetzt seit 2017. Unsere erste Show war ein Jahr später, und mittlerweile haben wir auf der ganzen Welt gespielt. Hoffentlich geht es bald weiter."

Mit ihrem ersten Album haben sie offene Türen eingerannt.

"Der Schlüssel zu unserem Erfolg liegt in unserer Intention. Wir haben mit der Band angefangen, weil wir Musik machen wollten, die wir selbst gerne hören – nicht mehr. Dazu scheinen die Leute eine Verbindung aufbauen zu können."

Ihr Stil: Eine Mischung aus Rock und Soul.

"Ich würde unseren Sound als Soul-Musik bezeichnen. Wobei Soul nicht nur das Genre beschreibt. Es kommt wirklich aus unserer Seele."

Die Corona-Pause nutzen sie für ein neues Album, das im Herbst erscheinen soll:

"Das zweite Album ist zu 20 oder 30 Prozent fertig. Ihr könnt davon ausgehen, dass wir uns selbst so herausfordern, dass es noch besser wird als unser Debüt."

Studiotüftler, Ausnahme-Gitarrist und Grammy-Preisträger:

"Mein Name ist Adrian Quesada von den Black Pumas."

Musik: "Oct 33"

Die Live-Musik-Hauptstadt

Der amerikanische Rolling Stone zählt sie zu "den besten neuen Live-Bands". Der britische Guardian nennt ihr Debüt-Album "schlichtweg perfekt" und die Rock-Bibel MOJO schlussfolgert: "Die Welt braucht mehr Bands dieses Formats." Die Rede ist von Black Pumas, die seit 2018 für einen gigantischen Medien-Hype sorgen - und ihm in allen Belangen gerecht werden. Ihre Heimat: Austin, Texas, mit der höchsten Dichte an Live-Clubs und Konzerthallen in ganz Nordamerika. Auf 950.000 Einwohner kommen hier rund 250 Konzerthallen und bis zu 100 Veranstaltungen pro Abend. Kein Wunder, dass Austin als "Live-Musik-Hauptstadt der USA" gilt, in der inzwischen auch Größen wie Willie Nelson oder Robert Plant residieren und in der jedes Jahr das angesagte Musikevent South By Southwest stattfindet. "South By South West hat definitiv damit zu tun, dass Austin jetzt als cool gilt. Vorher war es eine verschlafene Kleinstadt. Der erste berühmte Musiker, der sich hier niedergelassen hat, war Willie Nelson. Er ist aus Nashville hergezogen. Wahrscheinlich, weil Austin sehr bodenständig ist. Leute wie Robert Plant, den ich oft irgendwo treffe, lieben es hier, weil es nicht diese Promikultur wie in Los Angeles oder New York gibt. Hier belästigt dich keiner auf der Straße, sondern jeder ist Teil der Gemeinschaft." Genau wie Adrian Quesada, Mastermind von Black Pumas. Der heute 44jährige zieht in den frühen 2000ern zum Studium nach Austin. Doch statt im Hörsaal landet er in der lokalen Musikszene - als Gitarrist der Funk-Rock-Formation Grupo Fantasma. 2011 bekommen er und seine Mitstreiter einen Grammy für das "Best Latin Rock, Alternative Or Urban Album": "El Existenial"

Musik: "Arana Cuna" - Grupo Fantasma 

Die Prince-Connection

Grupo Fantasma, die erste erfolgreiche Band von Black Puma-Gitarrist Adrian Quesada, die wöchentlich im "3121 Club" in Las Vegas aufspielt. Oft unterstützt von The Artist Formerly Known As Prince: "Prince hatte einen Nachtclub im "Rio"-Hotel in Las Vegas. Jeden Donnerstag war Latin-Music-Night, und freitags und samstags ist er selbst aufgetreten. Er hat uns zu seiner Hausband gemacht - und eines Abends ist er zu uns auf die Bühne gekommen. Anschließend hat er uns immer wieder als Vorgruppe oder Begleitband gebucht. Wir haben da also ein paar Jahre zusammengearbeitet. Und er war toll: Er hat uns unter seine Fittiche genommen, uns Respekt entgegengebracht und die Gelegenheit gegeben, zu lernen und besser zu werden. Er hat uns dahingehend vertraut, dass wir in der Lage sind, ihn zu begleiten."

Musik: "A Love Bizarre" - Prince & Grupo Fantasma 

Prince mit Grupo Fantasma bei den Alma Awards 2007. Eine furiose Performance voller Energie und Leidenschaft. Dennoch verlässt Quesada die Band 2012 und eröffnet sein eigenes Tonstudio: Electric Deluxe Recorders mit erlesenem Analog-Equipment, aber auch modernster Technik. Quesada fungiert hier als Techniker und Produzent, betreut vor allem lokale Künstler. Seine Philosophie: Zeitlose Musik durch die Kombination aus Alt und Neu zu erschaffen. Diesen Ansatz verfolgt er auch bei seinem nächsten Band-Projekt: Black Pumas.

Musik: "Black Moon Rising" - Black Pumas 

Schwarze Pumas

"Black Moon Rising", die allererste Black Pumas-Single, erscheint im Jahr 2018. Die "Band" ist, damals wie heute, ein Duo mit ständig wechselnden Begleitmusikern. Der kreative Nukleus besteht aus Adrian Quesada und Eric Burton. Ein ungleiches Paar: Hier der erfahrene Musiker und Studiotüftler Quesada, der mexikanische Wurzeln hat und schon jenseits der 40 ist. Dort der zehn Jahre jüngere Afro-Amerikaner Burton, der sich lange als Straßenmusiker in Los Angeles durchschlägt. 2016 bricht er zu einem Roadtrip durch die USA auf und lässt sich in Austin nieder. Quesada erlebt Burton bei einer Open Mic-Nacht, ist begeistert und bittet ihn ins Studio. Statt groß darüber zu philosophieren, was sie gemeinsam auf die Beine stellen könnten, legen sie einfach los. Schon beim ersten Treffen schreiben sie gemeinsame Songs. "Es fing an mit dieser rein musikalischen Beziehung – ohne, dass wir uns näher kannten. Wir haben einfach zusammengearbeitet und nie groß diskutiert, was wir da machen, in welche Richtung die Musik gehen soll oder wie wir klingen wollen. Es ist von ganz alleine passiert. Die Art von Stücken, die ich zu der Zeit produziert habe, und sein Songwriting passten perfekt zusammen. Genau wie die Art, wie er und ich Gitarre spielten. Es war eine glückliche Fügung, und nichts, was wir groß geplant hätten." Der Sound von Black Pumas ist eine Mischung aus Blues, Rock, Soul und 70s Folk; aus Motown, Otis Redding, Sam Cooke, Beatles, Rolling Stones und Neil Young. Ikonen der Musikgeschichte, bei denen sich Quesada und Burton bedienen, ohne sich eines Plagiats schuldig zu machen. Sie verwenden Referenzen auf originelle, eigenständige Weise, indem sie das Spiel mit den übermächtigen Vorbildern nicht übertreiben. Sie zitieren nur punktuell: Hier mal ein Gitarren-Riff, eine Harmonie, ein Bläsersatz oder eine Gesangsmelodie. Das klingt dann vertraut, ist aber in eigene und vor allem eigenständige Kompositionen gebettet, die vielleicht altmodisch, aber nicht alt anmuten. Begriffe wie "retro" oder "vintage", die sich auf das komplette Recycling von etwas Altem und Bekanntem beziehen, vermeidet Quesada tunlichst. Stattdessen spricht er von "klassisch". Die amerikanischen Medien, die alles in eine Schublade ablegen müssen, hingegen von "Psychedelic Soul". Eine Fantasie-Bezeichnung, die Quesada zum Schmunzeln bringt. "Es ist schon lustig, denn was die Leute als "psychedelisch" bezeichnen, hängt vom eigenen subjektiven Empfinden ab. Für mich klingt unsere Musik ganz normal. Nur: Wenn der Begriff anderen hilft, uns besser zu verstehen, mag ich halt auch psychedelischen Soul. Wobei es Eric und mir aber eher darum geht, das Ganze wie eine Rock´n´Roll-Band anzugehen, die Soul spielt."

Musik: "Fire"

Für ihr Projekt, das in Quesadas Studio probt, schreibt und aufnimmt, wählen die beiden Hauptakteure einen Namen, der an die Black Panther Party aus der Zeit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung erinnert. Aber auch an einen Marvel-Blockbuster von 2018. Doch damit, so Quesada, habe "Black Pumas" nichts zu tun. "Das Logo meines Studios ist der Kopf eines Jaguars. Ein Symbol, das ich bei einem Trip nach Mexiko gefunden hatte, wo das Tier ein wichtiger Teil der Azteken- und Maja-Kultur war. Als ich Eric getroffen habe, haben wir uns ein paar Abende alle möglichen Bandnamen getextet. Ich dachte, es wäre cool, sich dafür bei einer Dschungel-Katze zu bedienen. Also habe ich angefangen zu googeln und viel über Puma, Panther, Jaguar und Löwen gelernt. Am besten Klang "schwarzer Puma". Und was ich daran besonders mag, ist, dass es einen schwarzen Puma eigentlich nicht gibt – das ist ein Panther. Insofern hat der Name etwas Geheimnisvolles, aber er ist keine Anspielung auf die Black Panther-Bewegung. Selbst, wenn es natürlich toll ist, da in einem Atemzug genannt zu werden."

Zwei Männer stehen vor eine Holzhütte. Der Mann auf der linken Seite trägt eine rote Mütze, eine Sonnenbrille.Er streckte seinen linken Arm in Richtung Kamera. Der Mann auf der rechten Seite trägt ein blaues T-Shirt und eine Sonnenbrille. (Lyza Renee)Black Pumas spielten bei der Amtseinführung von Joe Biden (Lyza Renee)

Souliges Fauchen

Gleichzeitig ist der Name ein Gegenpol zu einer Musik, die nichts wirklich Revolutionäres oder Kämpferisches anbietet: keine wilden Soli, kein Losrocken. Sie schmeichelt vielmehr mit souliger Süße. Das Ziel von Black Pumas ist die Kraft der verhaltenen, gefühlvollen, intensiven Töne auszureizen. Ein kontrollierter Sound mit Harmonie, Wärme und Geborgenheit. Musik, die für die Dauer eines Songs, eines Albums oder Konzerts in eine bessere Welt entführt – frei von Rassismus, Sexismus, Homophobie. Black Pumas, auf der Bühne ein multikulturelles Septett, steht für Liebe, Frieden und Gleichheit. Eine Band wie ein Manifest. Mit einer Mission, die sie niemandem aufdrängt und die jeder aufgreifen kann, der sich angesprochen fühlt. "Die Menschen sind einfach müde, was die Spaltung und den Hass der letzten vier Jahre betrifft. Diesen offenen Rassismus, die Vorurteile und die aggressive Rhetorik. Wir dagegen sind eine Band, die aus Männern und Frauen, Schwarzen, Weißen und Latinos besteht. Vertreter aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen, die sich eine Bühne teilen. Allein das ist eine positive Botschaft. Und wenn wir spielen, kommt da auch Erics Background in der Kirche und am Theater zum Tragen. Dadurch haben unsere Shows wirklich etwas von Eskapismus. Sie vermitteln ein Gefühl der Einheit und haben eine hoffnungsvolle Botschaft; statt dem ganzen Hass, mit dem wir zuletzt konfrontiert wurden."

Musik: "Colors"

"Colors" schreibt Burton bereits 2010 als Straßenmusiker. Die Pumas bauen es von Anfang an in ihr Live-Set ein und er wird zu ihrer zweiten Single und ihrem ersten Hit. Seine Botschaft: Stolz auf seine Hautfarbe zu sein, aber auch Menschen mit anderem ethnischem Hintergrund zu respektieren. Ein Aufruf zu einem positiven, entspannten Miteinander aller Rassen – überall auf diesem Planeten. Diese gesellschaftliche Utopie inszenieren Quesada und Burton im wahrsten Sinne des Wortes "soulfull": Sie setzen auf eine warme, harmonische Analog-Produktion, die so klingt als würde man die Band live in einem Club erleben – bodenständig, kraftvoll, verspielt und nicht immer perfekt. Der Gesang darf auch mal verzerrt sein, die Gitarre leicht verstimmt. Dafür grooven Schlagzeug, Bläser umso enger miteinander. Kombiniert mit Orgel, Streichern und einem samtigen Background-Gesang ergibt sich ein stilvoll inszenierter, unaufdringlicher Gegenpol zur blutarmen Pop-Musik der Gegenwart: Der Sound der texanischen Band zeichnet sich durch handgemachte Wärme, instrumentales Können und eine große Dosis Gefühl aus. Zusammen mit dem kräftigen Fauchen des Rock´n´Roll eine unschlagbar charmante Mischung.

Musik: "Know You Better – Live At C-Boys"

Der Triumphzug

"Know You Better" in einer Live-Version aus dem Jahr 2018. In der Musikszene von Austin spricht sich schnell herum, dass die Pumas das Zeug zum nächsten großen Ding haben. Die Folge: Schon erste Konzerte im C-Boy´s Heart & Soul, einer angesagten Bar an der South Congress Avenue, sind ausverkauft. Der Publikumszuspruch führt dazu, dass sie zwei Monate fest dort auftreten – und zum angesagten South By Southwest-Festival eingeladen werden. Es folgt ein Plattenvertrag mit dem Label von Dave Matthews. Die Veröffentlichung des selbstbetitelten Debüts im Juni 2019 ist der Startschuss zu einem regelrechten Triumphzug: Auftritte in angesagten amerikanischen Late Night Shows, eine Grammy-Nominierung in der Kategorie "Best New Artist", über 100 Millionen Streams weltweit, sowie Tourneen durch Europa, Asien und Australien. Im März 2020 unterbricht Covid 19 das Momentum der Band. Doch Black Pumas jammern nicht, sondern machen einfach weiter: Sie veranstalten Internet-Konzerte, nehmen Musik für Werbespots auf und veröffentlichen eine Neuauflage ihres Debüts, das sie mit Bonus-Tracks aufhübschen. Darunter zwei Fremdkompositionen, die längst Bestandteil ihres Bühnenrepertoires sind: "Fast Car" von Tracy Chapman und "Eleanor Rigby" von den Beatles. "Das Tracy Chapman-Cover hat Eric schon als Straßenmusiker in Santa Monica gebracht. Und als es darum ging, Material für die Neuauflage unseres Debüts aufzunehmen, war es eines der Stücke, die wir unbedingt dabeihaben wollten – ohne etwas von der Essence von Erics Interpretation zu zerstören. Es ist also eine Solo-Einlage. Und es klingt genauso rau wie auf der Bühne. Was die Beatles betrifft: Ich habe eine Compilation mit Motown-Künstlern, die Songs der Fab Four covern. Da ist "Eleanor Rigby" mein Lieblingssong. Also haben wir unsere Version bei der von Bobby Taylor & The Vancouvers angelehnt. Das ist dann wirklich "psychedelischer Soul": Richtig heavy und rockig, aber auch Soul – und das bei einem Paul McCartney-Song!"

Musik: "Eleanor Rigby"

Große Momente

Im Januar 2021 wird der Band eine besondere Ehre zuteil: Sie spielt bei der Amtseinführung von Joe Biden – auf persönlichen Wunsch von Vizepräsidentin Kamala Harris, die ein erklärter Fan ist. Wegen der Corona-Bestimmungen und der hohen Sicherheitsvorkehrungen in Washington, geschieht das nicht live vor Ort, sondern in einem Studio in Austin. Die Aufzeichnung ihres Songs "Colors" ist Teil des Unterhaltungsprogramms und wird weltweit ausgestrahlt. Nicht ganz das, was sich Quesada erhofft hat, aber trotzdem ein magischer Moment. "Als wir aufgezeichnet haben, war ich mir der Größe und Tragweite dieses Moments gar nicht bewusst. Denn das ließ sich noch nicht erahnen: Wir haben einfach einen Song eingespielt, der weitergeleitet wurde, und das wars. Doch als ich die Amtseinführung vor dem Fernseher verfolgt habe und uns im Gesamtkontext gesehen habe, musste ich wirklich weinen. In dem Moment wurde mir klar, dass wir Teil von etwas Historischem waren." Wenige Tage später fangen die Texaner mit ihrem zweiten Album an. Quesada und Burton treffen sich im Studio, um an neuen Ideen zu basteln. Was ihnen vorschwebt, ist ein rockigerer Sound - ein noch größeres Fauchen. "Ich weiß nicht, ob ich schon sagen kann, wie es genau klingen wird. Aber ein Unterschied zu unserem letzten Album besteht darin, dass wir einander besser kennen und selbstbewusster geworden sind. Insofern würde ich sagen, dass wir im Sommer fertig werden. Was den Veröffentlichungstermin betrifft, richten wir uns nach der Plattenfirma. Aber ich vermute, dass in ein paar Monaten alles im Kasten ist." Man darf gespannt sein, ob die Pumas weiter den Nerv der Zeit treffen und ihre Popularität ausbauen können. Vielleicht klappt es dann auch endlich mit einem Grammy. Bei der 63. Zeremonie in Los Angeles, Mitte März, ist die Band gleich drei Mal nominiert. Gereicht hat es wieder nicht. Doch davon lassen sich Quesada und Burton nicht abschrecken. Motto: Wer binnen kürzester Zeit so weit gekommen ist, der lässt sich nicht aufhalten – von nichts und niemandem.

Musik: "Touch The Sky"

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