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Textilproduktion
Chinesische Wanderarbeiter in der Toskana

Genau vor einem Jahr brannte in Prato (Toskana) eine chinesische Textilfabrik aus - sieben Arbeiter starben. Bis dahin hatten die Behörden diese Parallelwelt ignoriert: 20.000 chinesische Wanderarbeiter produzieren hier im Akkord für den europäischen Markt Kleider. Eine Ortsbegehung ein Jahr nach dem Unglück.

Von Tilmann Kleinjung | 01.12.2014

Gedenken an die Opfer des Brands in einer Textilfabrik in Prato/Italien
Gedenken an die Opfer des Brands in einer Textilfabrik in Prato/Italien (dpa / picture alliance / Claudio Giovannini)
Für Gewerkschaftssekretär Giancarlo Targioni beginnt unmittelbar vor den Toren Pratos eine fremde Welt. Das Industriegebiet Macrolotto ist fest in chinesischer Hand. Zutritt verboten für einen italienischen Gewerkschafter. Am Straßenrand zeigt er aus dem Autofenster, wo es gebrannt hat am 1. Dezember 2013.
"Hier ist es passiert, wo das Dach eingebrochen ist", sagt Targioni. Die Fenster der der Firma "Teresa Moda" waren vergittert. Was vor Einbruch schützen sollte, wurde zur tödlichen Falle für die Arbeiter, die in der Fabrikhalle übernachteten.
"Es gab einen Brand, sieben Menschen sind an einer Rauchvergiftung gestorben. Einer hatte noch die Hände an diesen Gitterstäben."
Die Missstände, die in den chinesischen Textilbetrieben in Prato herrschten, waren allgemein bekannt. Seit dem Unglück vom 1. Dezember kann niemand mehr wegsehen, so tun als wäre nichts. Weder die Polizei noch die chinesischen Unternehmer. Luca Malinconi von der örtlichen Handwerker Vereinigung leistet in Betrieben Aufklärungsarbeit.
"Es gibt drei Dinge, die unbedingt beendet werden müssen: Depots von Gasflaschen in den Fabriken, Arbeits- und Schlafplatz im selben Gebäude und 3. mangelhafte Elektroanlagen."
Viele Arbeiter schlafen in kleinen Verschlägen direkt neben den Nähmaschinen. Oft wohnen sogar Familien in den Fabriken. So kann man sich teure Mieten sparen und noch mehr arbeiten. Denn der Termindruck in der Textilbranche ist enorm, sagt der chinesische Kleinunternehmer Wang Liping:
"Die Kunden kommen aus Frankreich, Deutschland oder Holland. Die kommen mit einem großen Lastwagen, machen ihre Bestellung, fahren weiter nach Neapel und wenn sie zurückkommen, muss die Ware schon fertig sein. Und wenn du nicht schnell bist, verlierst du die Arbeit."
4.000 Kleinstbetriebe arbeiten unter chinesischer Regie
"Pronto Moda" heißt dieser Industriezweig, von dem in Prato geschätzte 20.000 Chinesen leben. Sie arbeiten als Zwischenhändler, Schneider oder so wie Wang Li Ping als Zulieferer. Er handelt seit fast 25 Jahren mit Garnen, hat einen Betrieb mit sieben Mitarbeitern und ist seit kurzem Vorsitzender der chinesischen Sektion der Handwerkervereinigung von Prato.
"Ich war die dauernde Polemik über die Chinesen in Prato leid: Alle illegal, alle böse und so weiter. Für mich sind die Chinesen, wenn man sie gut regiert, eine Zukunft für Prato."
Für das Regieren ist Simone Faggi zuständig, der stellvertretende Bürgermeister von Prato. Und er sagt, tatsächlich kann die Stadt von den Chinesen profitieren. Etwa 1000 Italiener arbeiten bereits im Bereich der "Pronto Moda". Die Steuereinnahmen sind auch dank der chinesischen Betriebe in Prato höher als in anderen Städten.
"Wir wollen nichts schönreden. Es gibt immer noch schlimme Arbeitsbedingungen bei uns. Aber man muss auch zur Kenntnis nehmen, dass wir nun mit Kontrollen und Stichproben begonnen haben, die in etwa drei Jahren die Gewerbestruktur in dieser Stadt komplett ändern werden."
Etwa 4000 Kleinstbetriebe arbeiten in Prato in chinesischer Regie. 82 davon wurden im Monat Oktober von der Gewerbeaufsicht kontrolliert. 21 wurden gleich geschlossen, bei 40 wurden schwerwiegende Mängel festgestellt und nur 21 passierten ohne Beanstandung. Giancarlo Targioni vom örtlichen Gewerkschaftsverband unterstützt die Kontrollen, er selbst sucht den Kontakt zu den Betrieben und versucht die Beschäftigten davon zu überzeugen, sich nicht selbst auszubeuten. Doch die meisten Chinesen kommen nach Prato, um möglichst schnell, möglichst viel Geld zu verdienen.
"Der Tarifvertrag für den Textilsektor sieht einen Bruttolohn von 1.500 Euro vor, netto 1.300, 1.200 Euro. Jemand, der in einer chinesischen Firma Akkord arbeitet, kann auf das Dreifache kommen."
Und so lange die Nachfrage nach billigen Textilien ungebrochen ist, wird in Prato weiter wie am Fließband genäht.
Aus einer Fabrikhalle, die direkt neben der abgebrannten "Teresa Moda" liegt, schiebt ein chinesischer Arbeiter gerade eine Stange voller Kleider in einen Transporter. Nein, ein Interview will er nicht geben, sagt er kurz angebunden, er habe "zu viel Arbeit".