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StartseiteCorsoZwischen Euphorie und Selbstmitleid21.03.2020

The Weeknd mit "After Hours"Zwischen Euphorie und Selbstmitleid

Anfang der 00er-Jahre setzte Abel Tesfaye alias The Weeknd mit seinen Mixtapes neue Maßstäbe im RnB. Seine düsteren Songs handelten von den dunklen Seiten des Lebens zwischen Drogenmissbrauch und existentiellen Grenzgängen. Auch auf seinem neuen Album geht es wieder um menschliche Abgründe.

Axel Rahmlow im Gespräch mit Anja Buchmann

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Sänger The Weeknd mit Jeansjacke und Mikrofon auf der Bühne (dpa (Jens Kalaene))
Der kanadische R&B-Musiker The Weeknd (dpa (Jens Kalaene))
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Anja Buchmann: Astreiner Pop, eine Spur 80er, klassisches Liebeslied: "Blinding Lights" von The Weeknd. Es ist fast 10 Jahre her, dass der Kanadier aus dem Nichts aufgetaucht ist und sofort begeistern konnte. Erst mit Mixtapes im Internet, dann mit zwei Alben voller Hits, die weltweit erfolgreich waren. Gestern ist sein neues Album erschienen. Es heißt "After Hours" und Axel Rahmlow hat es schon gehört. Der Song "Blinding Lights" ist purer süßer Pop. Songs wie dieser haben The Weeknd zu einem Superstar gemacht. Wieviel steckt davon in "After Hours"?

Runter von der Schmuse-Couch

Axel Rahmlow: Zum einen sehr viel, aber dann auch wieder relativ wenig. Es gibt diese Pophits. Und die sind alle richtig gut, die haben alle so einen 80er-Jahre-Wave-Pop-mäßigen Sound. Aber die sind auch deswegen so gut, weil sie umgeben sind von vielen Songs, die träger sind, die düsterer sind, die sich eher dahinschleppen, die sich mehr Zeit lassen, die auch Raum für Tempowechsel bieten. Und das ist so exemplarisch, weil das auch für The Weeknd steht, der vor 10 Jahren mit seinen ersten Mixtapes im Netz so groß geworden ist. Das war Musik, die hat RnB damals entstaubt, die hat RnB von der ausgefranzten Schmuse-Couch runter geholt, ins Internet-Zeitalter rüber gerettet. Und was dieses Album jetzt besonders macht, "After Hours", ist, dass der glamouröse Pop auf der einen Seite und dieser zerrende RnB auf der anderen Seite nicht nebeneinanderstehen, sondern sich tatsächlich ergänzen zu einem stimmigen Bild. Und deswegen ist das das schlüssigste Album, das The Weeknd bisher gemacht hat.

Buchmann: Er hat RnB von der "ausgefranzten Schmuse-Couch gerettet", sagen sie – schönes Bild! Aber wieso musste der gerettet werden und vor was?

Bis das Blut spritzt

Rahmlow: Der musste vor sich selber gerettet werden. RnB war vor 10 Jahren künstlerisch tot. Das waren immer dieselben weichgespülten Beats. Das war langsam, das war immer irgendwo zwischen romantisch und aber auch gleichzeitig schlüpfrig. Das war wie für einen Bilderrahmen gemacht, für so ein Pärchen, aber es war im Endeffekt auserzählt. Und The Weeknd hat diesen Bilderrahmen dann genommen und mit voller Wucht runtergeworfen. Mit seinen ersten Mixtapes vor allem, das erste hieß "House of Ballons", das war 2011, und dann ist er quasi noch in die Glasscherben reingetreten, damit wir zuschauen können, wie das Blut spritzt.

Buchmann: Sie sind sehr metaphorisch heute unterwegs. Auch wieder ein sehr anschauliches, aber kein schönes Bild, was sie da zeichnen.

Rahmlow: Nein, aber das hat RnB wirklich dringend gebraucht, weil auf einmal ging es da um Exzess, der nicht mehr gesund ist. Es ging um Überdosen an Kokain. Es ging um Depressionen. Es ging immer noch sehr viel bei The Weeknd, auch heute noch, um Sex und um Liebesstress, das ist auf jedem Album dabei, aber es ist rauer, es ist gemeiner, es ist nicht so vorhersehbar, gleichzeitig aber ganz klar in der Tradition von RnB verortet, aber erst durch The Weeknd konnte das auch mal elektronisch klingen und unperfekt und rumpelnd.

Und für Leute wie mich zum Beispiel ist dadurch so ein RnB-mäßiger Liebesongs-Sound mit so großen Gefühlen überhaupt erst hörbar geworden, weil The Weeknd ist Musik, die kann auch bei einem Brunch von Techno-Fans laufen. Dass das geht, das ist sein Verdienst, vielleicht zusammen mit Frank Ocean aus den USA, der hat, wie The Weeknd, auch sein Debüt Anfang 2011 veröffentlicht und die beiden haben zusammen RnB quasi befreit. Und jetzt auf "After Hours" ist The Weeknd eben in weiten Teilen an diesen Punkt zurück gegangen.

Buchmann: Zurückgegangen an seine Anfänge. Und wo war er dann in letzter Zeit, kurz vor "After Hours"?

Ein Grundflackern mit Ausschlägen

Rahmlow: Ich würde sagen in einer Popstar-Himmel-Atmosphören-Ebene. Gerade das letzte Album "Starboy", das war wirklich bombastisch, das war ein einzelner großer Knall, aber es war dadurch auch ein gewisses Stück seelenlos. Und "After Hours" ist im Vergleich dazu eher so ein Grundflackern mit Ausschlägen in alle Richtungen. Ich habe hier noch ein Beispiel, das das ganz gut aufzeigt. Das Lied heißt "Repeat after me" und es ist ein klassischer Weeknd. "Du liebst mich und du liebst sie nicht."

Buchmann: Ziemlich arrogant.

Rahmlow: Ja, da ist eine gewisse Grundarroganz. Das ist selbstüberschätzend. Und dann haben wir so diesen Beat, der so mäandernd wirkt auf der einen Seite, so langsam und dann wieder treibend. Ganz wesentlich dafür ist hier der Produzent Daniel Lopatin aus den USA. Das ist jemand, der sehr viel mit Klängen experimentiert, der ist auch auf anderen Songs drauf und der hat diesem Album wirklich sehr gut getan. Und interessant an dieser Stelle ist, dass The Weeknd und Lopatin sich über einen Adam Sandler Film kennengelernt haben, der letztes Jahr im Kino war und der thematisch schon auch Parallelen zu diesem Album jetzt hat.

Buchmann: Aber Sandler, der ist Produzent, Drehbuchautor und noch einiges mehr, der macht doch eher so brachiale, stumpfe Kino-Komödien. Das passt doch gar nicht so, oder?

Rahmlow: Ja, aber "Der schwarze Diamant", den Film, den ich meine, der ist schon ein bisschen anders, der ist ein hochgelobtes Drama, in dem Sandler einen heruntergekommenen Juwelierhändler in New York spielt, der wettsüchtig ist. Und The Weeknd spielt sich selbst in einer Nebenrolle und dann kommt es in einer Szene zu einer Prügelei zwischen den beiden, weil sich The Weeknd an die Geliebte dieses Diamantenhändlers ranmacht.

Buchmann: Ok, schön und gut. Und was hat das jetzt mit dem Album zu tun?

Zwischen Chaos und Euphorie

Rahmlow: Der Soundtrack ist die Schnittstelle, weil der Soundtrack von Lopatin für diesen Film ist sehr ausschweifend, der ist aber auch sehr aufgeregt, der passt total zu diesen Stimmungsschwankungen im Film zwischen Chaos und Euphorie innerhalb von wenigen Momenten. Und ich glaube, das ist auch genau das, was The Weeknd auf "After Hours" haben wollte. Es geht um eine Beziehungsgeschichte auf dem Album im Endeffekt, das ist auch zwischen Euphorie und Zusammenbruch, Arroganz, Selbstmitleid, Betrug und Verlust und am Ende kollabiert dann alles. Das ist ein Stimmungsbild zwischen diesem bombastischen Pop und elektronisch geprägtem RnB. Und gerade das letztere, das hat The Weeknd gerade durch Lopatin wieder für sich entdeckt und das hat "After Hours" wirklich sehr gut getan.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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