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StartseiteMusikjournalSpontinis „La Vestale“ - zu Unrecht von den Opernhäusern gemieden18.11.2019

Theater an der WienSpontinis „La Vestale“ - zu Unrecht von den Opernhäusern gemieden

Mit der Oper „La Vestale“ hatte Gaspare Spontinis im 19. Jahrhundert großen Erfolg. Die Handlung enthielt einigen Sprengstoff, die Musik war für die damalige Zeit visionär. Heute wird das Werk nur noch selten aufgeführt - zu Unrecht, wie eine Neuinszenierung am Theater an der Wien zeigt.

Von Elisabeth Richter

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Elza van den Heever (Julia, jeune Vestale), und eine nackte Statistin sind neben einer großen Marienfigur zu sehen (Theater an der Wien / Werner Kmetitsch )
Im zweiten Teil der Oper nimmt eine riesige Marien-Statue mit Heiligenschein viel Bühnenraum ein (Theater an der Wien / Werner Kmetitsch )
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Der Feldherr Licinius dringt verbotenerweise in den Tempel der Vesta ein, um dort seine Geliebte Julia zu treffen und zu entführen. Julia liebt Licinius auch, doch ihrem sterbenden Vater hat sie versprochen keusch zu bleiben und als Priesterin der Vesta ihr Dasein zu fristen.

Für einen Moment fällt es einem wie "Schuppen von den Ohren". Absteigender Halbton, aufsteigende kleine Terz. Diese drei Töne haben Operngeschichte geschrieben als eines der wichtigsten Motive aus Richard Wagners "Ring des Nibelungen".

Inspiration für Verdi und Wagner

Wagner kannte Spontini gut – und wer kannte "La Vestale" damals nicht? Die Oper trat seit der Uraufführung 1807 in Paris einen legendären Siegeszug durch die europäischen Städte an. Wagner selbst hatte Spontini 1844 nach Dresden eingeladen, seine "Vestale" zu dirigieren. Nicht nur das berühmte "Schicksals-Motiv" übernahm der damals kaum 30-jährige Wagner, auch von Spontinis Chören und seiner Orchesteraufstellung ließ er sich inspirieren.

Damit nicht genug. Wenngleich Spontinis "La Vestale" heute so gut wie nie zu sehen ist, zahlreiche visionäre musikalische Ideen leben weiter, in den Opern von Bellini, Verdi, Berlioz, Meyerbeer oder Wagner. Da sind etwa die spektakulären Massenszenen, die riesigen Chortableaus, da sind faszinierende musikalische Raumwirkungen durch (Fern-)Orchester auf der Bühne, da ist die psychologische Ausgestaltung und dramatische Expressivität der ungeheuer schwierigen Hauptpartie der Julia. Nicht zu vergessen die fantasievolle Instrumentation und Satztechnik als Pendant zu den seelischen Turbulenzen der Figuren.

Spontinis "Vestale" und auch seine anderen Opern sind Werke des Übergangs. Es sind – wenn man so will – geniale Mixturen aus italienischer Opera seria à la Gluck, französischer Tragédie lyrique, einem "Schuss" Rossini’scher Rhythmik und Dynamik, sowie Elementen der viel späteren "Grand Opéra".

Werk des Übergangs

Die Handlung enthält einigen Sprengstoff, versucht doch die "Vestalin" Julia mit ihrer Liebe zu Licinius aus dem liebesfeindlichen, repressiven System des Vesta-Kultes auszubrechen. Dieser wird aber von der Ober-Vestalin und dem Ober-Priester – einer Art Großinquisitor - mit Klauen und Zähnen verteidigt mittels Kontrolle, Gehorsam, Sadismus, Manipulation. Wer sich widersetzt, wird lebend eingemauert. Der Kult rührt von einem Erlebnis der Göttin Hestia – Vestas griechischer Name – her. Sie wurde einst fast vergewaltigt und verweigert sich seitdem. Aus Schutz und Angst vor erneuter Verletzung hat sich das unterdrückerische System herausgebildet.

Das Bild zeigt die Sänger Claudia Mahnke (La Grande Vestale), Ivan Zinoviev (Un Consul), Franz-Josef Selig (Le Souverain Pontife) (Theater an der Wien / Werner Kmetitsch )An die römische Zeit erinnern in der Inszenierung nur wenige Requisiten (Theater an der Wien / Werner Kmetitsch )

In der stilistisch so vielseitigen Partie der Julia punktete die südafrikanische Sopranistin Elza van den Heever vor allem bei den dramatischen Facetten, während ihre Stimme für die weicheren lyrischen Aspekte ein wenig zu schwer anmutete. Mit wirklich gekonnter Balance von belcantistischem Tenorschmelz und dramatischem Furor sowie darstellerischer Authentizität überzeugte der Amerikaner Michael Spyres in jeglicher Hinsicht als Feldherr Licinius. Dessen Beharrlichkeit und starke Liebe zu Julia bricht letztlich das repressive System mit auf.

Regisseur Johannes Erath und die Bühnenbildnerin Katrin Connan gehen mit den verschiedenen Handlungsaspekten sehr kreativ um. Sie deuten die Ereignisse als Phantasien einer Frauenfigur, das kann sowohl die Göttin Vesta, die Mutter Gottes Maria oder vielleicht jede andere Frau sein. Zur Ouvertüre erscheint eine Filmsequenz auf einer schwarzen Leinwand: in einem Rechteck ein Frauenkopf, dessen Gesicht sich in rasender Geschwindigkeit verändert, und genauso endet die Oper auch.

An die römische Zeit erinnern nur wenige Requisiten, manche Gewänder oder ein vereinzelter Legionärshelm, ansonsten ist die Ausstattung zeitlos. Ein erleuchteter Kubus auf der Drehbühne fungiert als Vesta-Tempel, in dessen unteren Gewölben werden die Vestalinnen sichtbar. Manche Werte des Vesta-Kultes haben in der christlichen Tradition überlebt, etwa die Jungfräulichkeit. So nimmt im zweiten Teil eine riesige Marien-Statue mit Heiligenschein viel Bühnenraum ein.

Humorvolle und selbstironische Regie

Der Oberpriester und perfide Wächter über die Ordnung wechselt Ornat und spießige Alltagskleidung und diniert zuweilen am kleinen Tischchen mit der Obervestalin. Franz Josef Selig transportiert seine Verlogenheit mit finster-sonorem Bass.

Auch die Obervestalin die in der Julia ihre geheimen und verpassten Jugendsehnsüchte spürt und aus Abwehr zu Sadismus neigt, hat in der Mezzosopranistin Claudia Mahnke eine authentische Sängerin.

Der Schluss wendet sich in Spontinis "La Vestale" wundersam zum Guten. Die Göttin Vesta vergibt der sündigen Julia, die Liebenden dürfen zusammenkommen. Das Lieto fine als Relikt aus der barocken Opera seria. Aber im angehängten Ballett – so erfindet es die Regie – ersticht die Obervestalin den Oberpriester. Doch da ja alles nur die Fantasie einer Frau ist, erwacht er kurz darauf wieder zum Leben.

So visionär Spontini, der Beethoven-Zeitgenosse, in seiner "Vestalin" ist, eine bis ins Letzte ausgewogene Balance seiner fantastischen Ideen fehlt. So wird etwa die untergründige Hochspannung der Figuren durch eine zu starke Betonung der unruhigen Orchesterfiguren etwas strapaziert. Obwohl Dirigent Bertrand de Billy, die Wiener Symphoniker und etwa ihre vielbeschäftigten Hornisten und Posaunisten exzellente Sachwalter der anspruchsvollen Partitur sind.

Auch die beiden Ballette am Ende des ersten und letzten, dritten Aktes stellen ein heutiges Opernpublikum und auch die Regie vor Probleme. Dennoch, wie die hintergründige, auch humorvolle und selbstironische Regie am Theater an der Wien von Johannes Erath zeigt, Spontinis "La Vestale" hat einen festen Platz auch auf den Bühnen des 21. Jahrhunderts verdient.

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