Sonntag, 18.08.2019
 
Seit 11:05 Uhr Interview der Woche
StartseiteKultur heuteDas Universum und ein Stückchen Haut 19.04.2016

Theater DortmundDas Universum und ein Stückchen Haut

Seit 2011 ist Kay Voges Intendant des Theaters Dortmund und hat es zu einem politischen und angesagten Ort gemacht. Ein Ort, an dem mit Grenzüberschreitung von neuen Medien und Theater experimentiert wird. Nun hatten dort nun zwei Uraufführungen Premiere: "Borderline Prozession" und "Der goldene Schnitt". Ein geglücktes Theaterwochenende.

Von Dorothea Marcus

Der Intendant des Theaters Dortmund, Kay Voges (dpa/picture alliance/Roland Weihrauch)
Der Intendant des Theaters Dortmund, Kay Voges (dpa/picture alliance/Roland Weihrauch)
Mehr zum Thema

Kay Voges über das Münchner "Baal"-Urteil "Das Theater darf kein Museum sein"

Culture-Clash-Komödie "Geächtet" Vorurteile hinter intellektueller Fassade

Festival "FIKTIVA" in Dortmund Theaterbühne trifft Filmkamera

"Die Show" am Schauspiel Dortmund Intelligent und beklemmend

Die Welt hat sich in eine rasend Bilder ausspeiende Maschinerie verwandelt. Wie soll man das im Kopf nur klarkriegen: den Terror der gleichzeitigen Ereignisse, die wir uns süchtig permanent medial zuführen. Der Dortmunder Intendant Kay Voges versucht ihm mit einem gewaltigen Gesamtkunstwerk beizukommen: Die "Borderline Prozession" ist eine Musik-, Kunst-, Theater- und Filminstallation. In den "Megastore", einer Lagerhalle, in die das Schauspiel wegen Renovierung umgezogen ist, wurde eine Villa mit zehn Zimmern in gediegenem Mittelstands-Retro-Schick gestellt. Auf der einen Zuschauerseite liegen Küche, Schlafzimmer, Bad, Dachterrasse. Auf der anderen Seite sind die grauen, einsamen Außenräume: Bushaltestelle, Parkplatz, Kiosk. Man kann selbst entscheiden, welchen Ausschnitt man sieht, darf die Perspektive frei wechseln. Und dann beginnt eine Prozession mit 23 Darstellern ums Haus, als wollten sie die irre gewordenen Weltgeister bannen. 

Andächtig schwenken sie Weihrauch und tragen Lämpchen, vor ihnen schreitet ein Mann mit Kamerawagen. Zu den Worten der Genesis bevölkern sie nach und nach das Haus. Im ersten Teil, "Alltag", beherrschen schöne, langsame Bilder die Szene. Ein dicker Mann isst Frühstück. Eine Frau streichelt Farne. Ein Mann auf der Terrasse guckt ins weltabgewandt ins Teleskop. Auf der anderen Seite sitzt ein Flüchtling an der Bushaltestelle, irrt ein Mann orientierungslos: inszenierte, atmosphärische Stillleben, über die Grenzen von drinnen und draußen, inspiriert von bildenden Künstlern wie Edward Hopper oder Crawdson.

Eine grandiose Meditation über die Verwirrung der Welt

Das vorbeirasende Leben in seiner verwirrenden Gleichzeitigkeit. Immer hat man die Wahl: Entweder sieht man nur einen winzigen Ausschnitt vom Sitzplatz aus, oder man erhascht die Bruchteile der alles umrundenden Kamera. Immer wieder werden Textfetzen eingeblendet und gesprochen, von Gilles Deleuze über Dante bis zum AfD-Parteiprogramm. 

"Die kurdischen Milizen kämpfen gegen Assad… die Hisbollah kämpft gegen Israel… die islamische Front… der Islamische Staat… aber Israel…"

Dann folgt der zweite Teil, mit "Krise" betitelt: Der banale Alltag ist zur Festung geworden, bewacht von durch Masken entstellte Soldaten, ein Kriegsveteran humpelt mit Knarre und schießt um sich, eine Frau will über den Zaun und wird im Auto vergewaltigt, während der Mann am Steuer sie nicht einmal bemerkt. 

Und wir ahnen: Jederzeit könnte das behagliche Drinnen zu Ende, der Firnis der Zivilisation durchbrochen sein. Kay Voges hat in Dortmund einen großen Abend geschaffen, eine verstörende Lebens-Geisterbahn, die jeden auf sich selbst zurückwirft: philosophisches Totaltheater und eine grandiose Meditation über die Verwirrung der Welt. Nur den dritten Teil, die popkulturelle Beliebigkeit mit 20 tollenden Lolitas, Außerirdischen und einem toten Napoleon, hätte es dafür nicht unbedingt gebraucht.  

Ein kurzweiliger, gut gespielter Abend

Einen Abend später ist in Dortmund das Universum auf einmal auf ein Stückchen Haut zusammengeschrumpft. Doch auch daran können sich große Konflikte entzünden. Zunächst sind die Zuschauer in "Der goldene Schnitt" des türkischen Autors Tuğsal Moğul selber illustre Gäste einer schicken Feier: die Live-Beschneidung des Zehnjährigen, größte Hoffnung des hocherfolgreichen Ärzte-Ehepaars mit jüdisch-muslimischen Wurzeln. Ein Mini-Eingriff natürlich nur, aber notwendiger Bestandteil der Kindes-Optimierung. 

"Das ist doch eine Penis-Zentrierung… Ich war mit ihm vor ein paar Tagen bei unserem Kinderarzt. Warum wollen Sie ihn beschneiden? Hat er gesagt. Und ich sagte: Der soll so aussehen wie ich, der soll sich nicht anders fühlen… Und Christoph sagte: Wenn du ihn nicht beschneiden lässt, gibst du ihm doch auch etwas mit?"

Zunehmend wachsen die Zweifel: Was, wenn doch etwas passiert? Bis zu welchem Grad gehört ein Kinderkörper seinen Eltern? Wie ein König im Riesenauto oder auch: Als glitzerndes Utensil wird das Kind winkend hereingefahren. Das Thema wächst sich zum handfesten Identitätskonflikt aus.

"ICH STELLE CHRISTIANS TAUFRITUALE DOCH AUCH NICHT INFRAGE!!!!"

Was, wenn selbst Jahrtausende alte Traditionen westlichen Wertediktaten zum Opfer fallen? Familienfest und Ehe drohen zu scheitern, bis der Junge dann doch auf dem OP-Tisch liegt und sich, clever und entschlossen, selbstständig davonmacht. Ein kurzweiliger, gut gespielter Abend mit Boulevardanklängen. Und dennoch auch eine Aufforderung zum selber denken. Unterschiedlicher könnten zwei Inszenierungen zwar nicht sein. Und doch hat das Schauspiel Dortmund am Wochenende die Welt durch relevantes, geglücktes Theater vermessen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk