Donnerstag, 30. Juni 2022

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Theater
"In der Kunst gibt es keinen Gott"

Kay Voges, Intendant des Theaters Dortmund, bringt immer wieder religiöse Motive auf die Bühne: Leiden, Tod, Erlösung. Sein aktuelles Stück "hell/ein Augenblick" spielt in absolutem Schwarz. Eine Karfreitagsbild gab den Anstoß.

Von Udo Feist | 13.04.2017

Kay Voges, deutscher Schauspiel- und Opern-Regisseur und Intendant des Schauspiels am Theater Dortmund.
Kay Voges, deutscher Schauspiel- und Opern-Regisseur und Intendant des Schauspiels am Theater Dortmund. (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)
"Ich komme aus einer sehr gläubigen Sozialisation heraus, ich habe irgendwann gedacht, ich wüsste, was die wahre Religion ist, was der wahre Glauben ist, was das wahre Konzept ist dachte, das ist der Glauben, das Wissen."
Kay Voges gehörte als Jugendlicher zu einer charismatischen Gemeinde und wähnte die Wahrheit auf seiner Seite. Einmal zog er sogar mit einem Kreuz durch Amsterdam. Doch blieb er dabei nicht stehen:
"Und bin immer mehr dazu gekommen, dass die Dinge größer sind, komplexer sind, widersprüchlicher sind. Do kam ich eigentlich vom Predigen weg hin zum Fragestellen vom Glauben hin zum Zweifeln. Und das Zweifeln ist aber nicht ein Verzweifeln, sondern das Zweifeln ist ein Offensein und ein Suchen und ein die Augen Aufhalten."
Im Theater hat er dafür den Raum gefunden.
"Mein Traum davon ist, weg von der Kirche hin zu einer Versammlungsstätte. Also das Theater als eine Versammlungsstätte, vielleicht sogar auch als einen religiösen Raum, in dem Rituale stattfinden, in dem Meditation stattfinden kann, in dem Selbstreflexion stattfinden kann, in dem aber auch eine kollektive Kontemplation stattfinden kann."
Traditionell religiös beheimatete Fragen nach Sinn und Tod nimmt er mit hierher. Für "hell/ein Augenblick", ein Spiel in absolutem Schwarz, gilt das ganz besonders.
"Wenn ich sehe den Himmel, den Mond und die Sterne – Was ist der Mensch?"
"Wir sitzen mit 200 Menschen im Zuschauerraum und schauen ins Nichts. Jeder macht sich seine Gedanken, aber wir machen sie doch alle zusammen. Und es ist ein gemeinsamer Geist, der da im Zuschauerraum auf einmal Einzug hält, dass wir uns wirklich gemeinsam auf etwas konzentrieren und wenn es das Nichts ist, was gerade vor uns ist."
Das Spiel der Schauspieler begleitet ein Live-Fotograf: Ein Kniff, der das Vergehen unwiderstehlich einfängt.
Ein Destillat von Sein
"Und dann erscheint einer nach dem andern in einem weißen Kasten, der für eine Fünfzigstel Sekunde aufblitzt und es ist wie laufen durch die Dunkelheit und dann gibt es eine Fünfzigstel Sekunde, wo ein Destillat erscheint von Sein."
Ein Augenblick, live und vergangen. Die Schwarzweißfotos sind brutal gekörnt und lösen starke Gefühle aus. Projiziert werden sie auf zwei Leinwände im Vordergrund. Danach wieder Schwarz. Auf die Idee kam Voges durch den Satz aus Goethes Faust:
"'Verweile doch, du Augenblick, du bist so schön.' Dass diese Sehnsucht nach Ewigkeit, dass ein Augenblick verweilen kann, nicht vergeht. Und ich dachte, wo gibt es denn das? Das gibt es in der Fotografie, nur da wir auf einer Zeitachse leben, ist das Foto dann immer wieder Vergangenheit geworden. In dem Moment, wo es gemacht worden ist, ist es dann schon wieder Vergangenheit."
Kirchenvater Augustin brachte diesen Gedanken über die Zeit in seinen "Bekenntnissen" klassisch auf den Punkt. Das Zitat ist Teil der Textcollage. Außerdem Texte von Nietzsche, Celan, Charles Bukowski, der Kabbala und vielen weiteren.
"Was ist der Mensch?"
"Auch die Grundfrage bei 'Hell' - die dann noch mit Schopenhauer weitergedacht wird, zu sagen, wie ist denn das, auf einem durch die unendlichen Weiten des Weltalls trudelnden Planeten, da drauf zu stehen und zu fragen, was für eine Bedeutung habe ich eigentlich."
Nachdenken über die Vergänglichkeit
Kunst darf sich auf der religiösen Suche überall bedienen und Widersprüche nebeneinander stellen, sagt er. Aber:
"Es ist nicht Kälte, was dadurch entsteht, sondern es kommt ein Zweifel, der eine Schönheit haben kann, und den man dann vielleicht sogar auch genießen kann."
An das Stück ging Voges mit einer Karfreitagshaltung heran und wollte mit Worten von Christoph Schlingensief schließen.
"'Wie kann es sein, dass du ein Glückskind wie mich einfach so zertrittst?' Das ist fast ein Satz, der hat: 'Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?' und dieses Karfreitagsbild von einem Künstler, der vor nicht allzu langer Zeit gestorben ist, zu sprechen, das war mir ganz wichtig. Und dann kamen die Kollegen, tja, Kay, aber wir möchten den schönen, schönen Florian dagegen setzen als Text."
"Dass du ein Glückskind wie mich einfach zertrittst. Dass du mich einfach zertrittst."
Der unverwüstliche Ernst Jandl mit Akzent auf neuem Wachstum – Ostern sozusagen. Da hat das Team Voges korrigiert. Doch das ist Konzept bei ihm: Widersprüche sichtbar machen. Es gebe Bilder und Gedanken aus seiner religiösen Erziehung, die ihn nicht mehr losließen, aber in der Freiheit der Kunst könne er nun anders damit umgehen.
"Ich glaube, dass wir das Problem mit den Religionen zurzeit haben, dass sie so geschlossen sind. In der Kunst ist das anders, da gibt es keinen Gott, sondern da gibt es die Kunst, die da ist und die die Reflexion gibt."
"Hell/ein Augenblick" ist ebenso sinnliches wie ergreifendes Nachdenken über unsere Vergänglichkeit – und zugleich eine Reflexion über das Wesen der Fotografie auf technisch höchstem Niveau. Künstlerischer Furor, der zutiefst sympathisch ist.
"Aha, ja. Glauben hat was mit Hingabe zu tun, mit ins Gelingen Verliebt Sein. Wenn wir Theater machen, dann ist es so, dann glauben wir an das Gelingen, wir glauben an die Suche, das sie vielleicht zu einem Ergebnis führt, nicht zu einer Antwort, aber zu einem Ergebnis führt."