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Theater MünsterJohn von Düffel inszeniert Luthers Leben

Kurz vorm Luther-Jahr 2017 wird der Reformator bereits verhandelt. Am Theater Münster hat John von Düffel Luthers Leben inszeniert. Doch den eigentlichen Anlass spart der Dramatiker aus: Den religiösen Um- und Aufbruch, der im Kernland des alten Europa vor allem ein politischer war.

Von Michael Laages | 26.09.2016

Daniel Rothaug (Der junge Martin Luther) und Chor
Daniel Rothaug (Der junge Martin Luther) und Chor (Oliver Berg)
Geschickt hat von Düffel einen Ansatz gewählt, der zu schlichteren Feierlichkeiten nicht passt. Der Reformator, wie ihn von Düffel zeigt, ist noch nicht ganz Luther im ersten Teil und schon nicht mehr recht Luther im zweiten.
Im Gewitter von Stotternheim bei Erfurt Anfang Juli 1505 beginnt die Fabel – fast vom Blitz getroffen (wie der einsame Baumstamm, den Mirjam Benkner auf die Bühne gestellt hat), legt ein 22-jähriger Mann, angehender Jura-Student und mit solider frühbürgerlicher Karriere vor Augen, das Mönchs-Gelübde ab und sagt sich los vom Leben, wie es war, um von nun an nur noch dem Glauben zu dienen. Allerlei Versuchungen stürmen auf ihn herein, der Teufel naht in vornehmlich weiblicher Gestalt; der sehr handfeste Vater versucht, den Jungen zurück zu holen und scheitert. Der junge Mann hat die "Berufung" gefunden, und der Glauben ist nun "ein‘ feste Burg" für ihn.
"Ich will auch ein groß Gelübde tun, und verschwören Dir, dass ich’s halt, auf ewig. Du, Anna, Mutter Marias, Mutter der Mutter."
Tatsächlich wird er Mönch, und der Kloster-Vikar entdeckt, dass in dem jungen Mann aus Eisleben im Mansfelder Land ein großes theologisches Talent heran wächst. Er schickt ihn an die frisch gegründete Universität im Städtchen Wittenberg an der Elbe – wo das Talent über sich und die Kirche hinaus zu wachsen beginnt. 95 Thesen gegen den kirchlich sanktionierten Ablasshandel (Geld gegen Sünde) hämmert Luther an die örtliche Schlosskirche; und in Max Claessens Inszenierung greift der junge Mann sogar zum Vorschlaghammer und zertrümmert ein kleines weißes Kirchen-Modell aus Gips.
Pause. Claessen hat die Episoden des ersten Teils von Chor-Gesängen unterbrechen lassen; auf Daniel Rothaug als jungen Luther, zunächst und im Gewitter nur mit Kittel-Schurz bekleidet und nach der Aufnahme bei den Augustinern mit der Mönchskutte, strömen Figuren zu aus dem Hintergrund: Gerhard Mohr als Vater Hans und klösterlicher Förderer Johann von Staupitz, Ulrike Knobloch in vielerlei Gestalt, von der versprochenen Braut bis zum Ablasshändler Tetzel, dessen Sünden-Geschacher (hier wie in einer Fernseh-Mitmachshow) der vordergründige Anlass für Luthers Wittenberger Thesen ist. Die Schauspielerin hinkt jeweils teuflisch, singt darüber hinaus höllisch gut (nur "Sympathy for the devil" fehlt) und bekommt per Mikroport gelegentlich auch die passend infernalische Stimme verpasst. Vater und Sohn Luther sprechen derweil deutlich Dialekt aus dem Mansfelder Land und sagen also "Ludder" und "Vadder".
Luther mit langem Zausel-Haar
Teil 2 kommt ganz anders daher; auf die Episoden zu Beginn folgt nun als durchgehende Szene eine Art lutherdeutsches Abendmahl. Sehr alt geworden und mit sehr langem Zausel-Haar seitlich der Tonsur, hockt der Patriarch in einem Zimmerchen am Tisch; Frau Luther, Katharina von Bora also, hackt Holz vor der Tür. Auf dem Fahrrad und mit umgeschnallter Mandoline rauscht der Freier von Luthers letztverbliebener Tochter Margarethe daher – den lässt der Alte (bei Dosenbier statt Wein und Hähnchenteilen wie aus der Mc-Donalds-Tüte) einige jener späten Luther-Pamphlete lesen und hören, in und mit denen sich der einst so produktiv standhafte Denker zum starrsinnig-deutschen Hassprediger gewandelt hat: noch immer gegen den "Antichrist" auf dem Papst-Thron in Rom, aber jetzt halt auch gegen Juden und Muselmanen. Da braucht’s keine Aktualisierung. Der Freier allerdings ist selber Jude und sucht darum bald das Weite. Luther trifft der Schlag, nicht ohne dass er sich noch mal der Folter vor den kaiserlichen Reichstagen erinnert, wo er zum Widerruf gezwungen werden sollte.
Dazu singt der Chor übrigens jetzt Lieder aus zeitgenössisch-christlichen Singe-Bewegungen und die Ironie nimmt damit stark zu in Claessens Inszenierung. Aber auch von Düffels Text schnurrt in diesem zweiten Teil irgendwie zusammen auf Satire-Format. Claessens Team hat sich wirklich viel vorgenommen: mit dem Drei-Personen-Ensemble, mit den Chören und dies ist darum ein sehr annehmbarer Start für ein Stück, das noch auf weiteren Stationen überprüft werden dürfte.