Donnerstag, 18. August 2022

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Theaterabend an der Neuköllner Oper
Büro für postidentisches Leben

Neue Grenzen werden errichtet, Abschottung des "Eigenen" gegen das "Fremde" hat Konjunktur. Gleichzeitig leiden viele Menschen unter dem Zwang, ihre Identität in möglichst glanzvolles Licht zu setzen und sich permanent in den sozialen Medien öffentlich zu inszenieren. Die Neuköllner Oper bietet nun Hilfe für gestresste Zeitgenossen.

Von Uwe Friedrich | 20.09.2016

    Blick auf das Passage Kino mit Neuköllner Oper in der Karl-Marx-Straße in Berlin Neukölln
    Sitz des "Büros für postidentisches Leben": die Oper Neukölln (imago / Schöning)
    Selbstfindung, Selbstoptimierung, Selbstdarstellung sind die Schlagworte des modernen erfolgreichen Menschen. Wer sich selbst gefunden, optimiert und dargestellt hat, der ist dann auch frei, so lautet die utopische Hoffnung hinter der einschlägigen Ratgeberliteratur. Fit sein für die Globalisierung, fit sein für die Anforderungen des Berufslebens, fit sein für die Freiheit, die dann ausbricht, wenn wir alle uns an die Anforderungen der digitalen Gesellschaft angepasst haben. Das ist natürlich ausgemachter Quatsch.
    Auf Quatsch kann man nur mit noch mehr Quatsch antworten, dachten sich die Macher der Neuköllner Oper und eröffneten kurzerhand das "Büro für postidentisches Leben", denn auch wer seiner Identität entfliehen will, sie weder finden, noch optimieren oder darstellen möchte, bastelt sich aus den Bruchstücken doch wieder eine Identität zusammen.
    "Ich bin keiner, der sofort nach einer Ausrede sucht. Ich weiß also ziemlich genau, wer ich alles nicht bin. Ich schaue mich um und kann sagen, der bin ich nicht, die bin ich nicht und das bin ich wahrscheinlich auch nicht", betont ein namenloser Zeitgenosse sein Dilemma.
    Büro für postidentisches Leben
    Es gibt also keine Rettung für den einzelnen Menschen, irgendeine Identität muss her, und das funktioniert nur durch Abgrenzung. Ich bin mit mir identisch, weil ich nicht identisch bin mit dem anderen. Klingt logisch, führt aber auch in eine Sackgasse. Ausgangspunkt dieser herrlich sinnzersetzenden, wahnsinnig komischen und dann auch wieder melancholischen Revue war eine Äußerung des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan, die überwiegende Mehrheit der Kriege werde im Namen von Identitäten geführt. Also weg von der Identität, sagte sich der Regisseur Matthias Rebstock.
    "Postidentität ist im Grunde eher so ein dadaistischer Impuls zu sagen, weg mit dem ganzen Schrott. Also wenn die Identität das Problem ist, dann stellen wir uns mal auf der anderen Seite auf und gucken, wie das Leben aussieht, wenn wir auf Identität verzichten würden. Was natürlich ein absurder Schritt ist, gleichzeitig aber auch ein lustvoller, um sozusagen das Denken in Gang zu setzen. Und wir haben so unglaublich viel Post- in den letzten zehn, fünfzehn Jahren um uns rum gehabt, es ist alles Post-, und deswegen ist jetzt auch die Identität Post-. Und die Frage ist, was ist dann überhaupt noch übrig?"
    Was liegt da näher, als Vergewisserung in der Kunst zu suchen, beim großen Individualisten der Musikgeschichte, bei Ludwig van Beethoven? Schließlich, so heißt es doch immer wieder, ist die Musik eine völkerverbindende Sprache ohne Grenzen.
    Crash von Widersprüchen und Klischees
    Die Mitarbeiter des Büros für postidentisches Leben entwickeln eine absurde Musiksprache, die aber auch nur zu Diskussionen und Streitereien führt und letztlich scheitert. Immer wieder schimmern drei zentrale Werke Ludwig van Beethovens durch die Musik von Raquel Garcia-Tomás, nämlich die 9. Symphonie, die Oper Fidelio und seine letzte Klaviersonate op. 111. Symphonie und Oper werden von den Machern des Stücks als Ausdruck der Freiheit des Individuums gedeutet, wie sie die europäische Aufklärung einst herbeiträumte, die Klaviersonate als Kritik des späten Beethoven an diesem Konzept des Individuums.
    Zum Glück spielt dieser musikphilosophische Überbau aber keine große Rolle im "Büro für postidentisches Leben". Stattdessen lässt Regisseur Matthias Rebstock Widersprüche und Klischees ungebremst aufeinander prallen. Da fragen in dieser deutsch-spanischen Koproduktion die Berliner, ob die Spanier überhaupt ein Wort für "Perfektion" haben, woraufhin prompt die gehässige Gegenfrage kommt, ob es bei den Deutschen eins für "Flexibilität" gebe. Die Worte für Freiheit in den romanischen und germanischen Sprachen werden gegeneinander gehalten und in ihrem Wortumfeld erläutert. Annäherung und Abstoßung der Einzelnen und der Gruppen werden in absurden Szenen aufgelöst.
    Ein Abend wie Kafka mit Humor, Lost in translation im Vereinigten Europa, großer Slapstick im körperbetonten Spiel und im Umgang mit den musikalischen Bruchstücken, dann wieder nachdenkliche Ruhe, wenn es ernst wird mit der Identität und der Freiheit.
    Gelungener "Büro"-Abend
    Das "Büro für postidentisches Leben" ist ein herrlicher Abend zwischen Anspruch ohne erhobenen Zeigefinger und musikalischer Revue mit großem rhythmischem Gespür. Getragen von einem Ensemble der Individuen, wenn man den Begriff hinterher überhaupt noch so einfach benutzen möchte, getragen also von Panagiotis Iliopoulos und Lucia Martinez Alonso, Mariel Jana Supka und Marta Valero. Schon die Namen zeigen, dass man sich doch erfolgreich zusammenraufen kann. Das macht viel Arbeit, aber auch viel Spaß. Ob identisch oder postidentisch, das ist dann fast schon wieder egal.