Dienstag, 09. August 2022

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Theatergruppe "Das Helmi"
Flüchtlingsgeschichte als Puppentheater

Die Berliner Gruppe "Das Helmi" hat im Ballhaus Ost ihr neues Stück "Die Magermilchbande" auf die Bühne gebracht. Leider hat sie es nicht geschafft, es mit der derzeitigen Flüchtlingslage zu verbinden. So bleibt nur eine skurrile, wenn nicht sogar trashige Inszenierung von Schaumstoffpuppen - und das Stück ist damit langweilig und banal.

Von Oliver Kranz | 17.12.2015

    Wenn Das Helmi ein Thema aufgreift, bleibt der Ernst oft auf der Strecke - auch wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht. Die Figuren sind fleddrige Gestalten, die mit dem Cuttermesser aus alten Schaumstoffmatratzen herausgeschnitten wurden. Die Augen sind kleine weiße Kugeln mit aufgeklebten Pupillen, die Münder können aufgeklappt werden. Da die Puppenspieler offen auf der Bühne stehen, gehören sie mit zur Handlung. Sie tragen braungraue Kniehosen und Schirmmützen.
    "Wir sehen ein bisschen aus wie kleine Nazis sozusagen und spielen teilweise mit Puppen, teilweise auch nicht. Es ist natürlich ein Trash-Faktor mit dabei, das ist klar," sagt Florian Loycke, der Leiter der Gruppe. Trash ist für ihn Ironie - ein Mittel, sich den Ernst der Geschichte vom Leib zu halten. Es geht um Berliner Schulkinder, die 1945 nach Tschechien evakuiert wurden. Als die Rote Armee näher rückt, fliehen sie nach Westen. Dabei werden sie von ihren Lehrern getrennt.
    "Ich versuche, das positive Potenzial auszuleuchten. Auch diese Möglichkeiten zur Veränderung, wenn Kinder auf einmal nicht mehr von Lehrern oder Eltern unterdrückt werden."
    Herrlich skurrile Gedankensprünge
    Die Kinder sind zu fünft. Weil ihr Anführer Max Milch heißt, nennen sie sich die Magermilchbande. So heißt auch ein Buch, das Frank Baer 1979 geschrieben hat. Dort werden, basierend auf den Berichten realer Flüchtlingskinder, die Zustände der Nachkriegszeit sehr anschaulich beschrieben - der Hunger, das allgemeine Chaos, aber auch die Kameradschaft der Kinder untereinander. In der Inszenierung der Helmis bleiben davon nur Versatzstücke übrig. Die Gruppe fährt Zug und kauft auf Schwarzmärkten ein. Als sie in Nürnberg Station macht, beginnen dort gerade die Kriegsverbrecherprozesse. Der erste Angeklagte heißt Günther Grass.
    Richter: "Do you plead guilty or not guilty?!"
    Grass: "Also ich habe über 30 Enkelkinder. Die erzählen mir, sie seien Mitglied bei Facebook. Dann frage ich erst mal, was soll das für eine Mitgliedschaft sein, wo man 500 Freunde hat."
    Die Gedankensprünge in der Inszenierung sind herrlich skurril. Doch sie tragen nicht gerade zum Verständnis der Geschichte bei. Einen roten Erzählfaden gibt es nicht - sodass das Gewusel der Puppen auf der Bühne schnell langweilig wird.
    Dabei war der Gruppe die Brisanz des Themas durchaus bewusst. Florian Loycke dachte während der Proben darüber nach, die Geschichte der Magermilchbande mit Berichten heutiger Flüchtlinge in Beziehung zu setzen:
    "Es gibt sehr viele ähnliche Bilder: es gibt zum Beispiel dieses Phänomen, dass einige Syrer Haustiere mit sich führen. Der kleine Hund, die kleine Katze, die müssen irgendwie mit. Auch die Struktur der Gruppen. Es gibt viele Kindergruppen, die ohne Erwachsene unterwegs sind. Da gibt es Ähnlichkeiten der Bilder. Die Flüchtlingstrecks sahen ähnlich aus."
    Es geht nicht um Flüchtlingsprobleme
    Die Mitspieler von Das Helmi haben in Flüchtlingslagern Workshops durchgeführt und mit syrischen Jugendlichen Schaumstoffpuppen gebastelt. Und eigentlich wollten sie viel mehr:
    "Unser Traum war gewesen, dass wir ein paar Flüchtlinge überreden können mitzuspielen, was natürlich toll gewesen wäre, wenn man sich vorstellt, dass am Ende fünf Syrer unsere Rollen übernehmen würden. Aber das haben wir am Ende nicht geschafft."
    Die Sprachbarriere sei zu hoch gewesen, sagt Florian Loycke, und auch der Betreuungsaufwand. So haben die Helmis die Chance vertan, eine Inszenierung zu machen, die wirklich etwas sagt. In ihrer Version der Magermilchbande es nicht um Flüchtlingsprobleme, sondern darum Schaumstofffiguren möglichst skurril, um nicht zu sagen trashig, in Szene zu setzen. Das ist langweilig und ziemlich banal.