Archiv

Theatertreffen in BerlinDie Zukunft auf der Bühne

Das Berliner Theatertreffen ist ein Branchentreffen, um Dramatik zu sehen und zu erforschen. Drei Juroren haben drei Künstler und ihre Arbeit für den dazugehörigen Stückemarkt ausgesucht. Die Werke stellen Zukunftsmöglichkeiten der Bühne zur Diskussion.

Von Anke Schäfer | 13.05.2014

Das Theatertreffen in Berlin findet bis zum 18. Mai statt
Das Theatertreffen in Berlin findet bis zum 18. Mai statt (picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)
Theater ohne Schauspieler? Kennen wir doch. Rimini Protokoll stellt zum Beispiel "Experten des Alltags" auf die Bühne. Doch es geht auch ganz ohne Menschen und ganz ohne Bühne. Auf dem Stückemarkt des Theatertreffens ist derzeit "Haus Nummer Null" zu erleben, ein "erzählender Raum", in dem man nur von Radiostimmen und Licht geleitet wird.
"Ich bin kein Feind des konventionellen Theaters, aber ich finde schon, dass es hohe Zeit ist, dass so eine alte Institution wie der Stückemarkt sich öffnet für neue Erzählformen im Theater."
Sagt die Dänin Signa Köstler. Sie hat die Szenografin Mona el Gammal, die das "Haus Nummer Null" kreiert hat, für den Stückemarkt nominiert. Beide sind Grenzgängerinnen zwischen Bildender Kunst und Theater. "Haus Nummer Null" ist eine begehbare Installation, keine Bühne. Wird im Theater der Zukunft womöglich der Zuschauer zum Schauspieler?
"Ich finde es schon interessant, dass man sich, wenn man durch diese Räume geht, auf unangenehme Weise sich selbst bewusst wird, jede Bewegung ist einem peinlich bewusst, weil man weiß, dass man beobachtet wird und man weiß dass irgendjemand dort sitzt und das betrachtet. Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass man Schauspieler wird, aber man wird bewusst darüber, dass man eigentlich immer eine Rolle spielt. Dass man immer ein Auslöser ist für Reaktionen von anderen."
Komisch, sagt Signa Köstler, dass so viele konventionelle Theatermacher diese ganz besondere Situation, die das Theater bietet, nämlich dass da Menschen auf der Bühne und im Publikum gleichzeitig anwesend sind, nicht nutzen:
"Ich glaube, dass Theater so viele unerforschte Möglichkeiten hat! Was heißt das überhaupt, zu erzählen, was heißt das überhaupt, dass ein Zuschauer da ist, was heißt es, zuzuschauen?"
Signa Köstler stellt diese Fragen auch in ihren eigenen Arbeiten. Sie war selbst zum Beispiel 2008 mit einer Non-Stop-Performance zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Für "Die Erscheinungen der Martha Rubin" errichtete sie damals ein Dorf mit 21 Häusern, in denen die Zuschauer blieben, so lange sie wollten und die Darsteller während des Theatertreffens auch wohnten. Das war weit entfernt von der Konvention, das war anderes Theater. Und danach sehnt sich auch Simon Stephens aus Großbritannien - auch er einer der Paten für junge Künstler auf dem Stückemarkt. Allerdings schreibt er sehr erfolgreich sehr konventionelle Stücke für eine Bühne in einem Theater, für Schauspieler, für ein aus vielen Menschen bestehendes, still im Zuschauerraum sitzendes Publikum. Aber er hat ein Problem:
"Ich bin jetzt 43, ich arbeite seit 15 Jahren als Dramatiker. Und ich habe ein Problem. Ich mag das Schreiben. Ich mag es, Ideen mittels Sprache in einem Raum über eine Zeit hinweg zu entwickeln. Ich mag Schauspieler und die Wiener Schnitzel in den Theaterkantinen, aber wie kann ich es vermeiden, mich selbst zu wiederholen und zum Establishment zu werden? Ich habe Zusammenarbeit versucht, ich habe neue Versionen alter Stücke geschrieben, mich diversifiziert, ich hab's mit Alkohol probiert und mit Drogen - aber dann kam ich drauf, dass der beste Weg, meine Ideen frisch zu halten... Vampirismus ist!"
Simon Stephens saugt seine neuen Ideen aus Chris Thorpe, den er für den Berliner Stückemarkt nominiert hat. Ein junger Autor und Performer aus der Off-Szene in Manchester, der mit Elementen des Poetry Slam arbeitet. Braucht man ihn nun noch, den "großen, einzelnen Dramatiker" oder die "traditionelle Theaterbühne"? Oder nur noch solche, die eher im Kollektiv, an eher ungewöhnlichen Orten und womöglich ohne Schauspieler arbeiten? Beide Strömungen müssen sich gegenseitig inspirieren, meint Stephens, in einer Zeit, in der Theater wichtiger sei denn je:
"Theater ist heute notwendiger, als es je war, denn es gibt ökonomische und politische Strukturen, die keinerlei Empathie fördern. Und ich denke, Theatermacher, ob sie nun an theaterfernen Orten arbeiten oder im Burgtheater, sorgen immer dafür, dass wir gemeinsam mit Fremden ein Erlebnis teilen und unser Menschsein hinterfragen. Ich habe mich dem Theater noch nie mehr verpflichtet gefühlt als gerade jetzt. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass unsere Arbeit wirklich wichtig ist und ein Theaterabend viel mehr, als nur eine Möglichkeit, einen unterhaltsamen Freitag-Abend zu verbringen."
Also wird er sich jetzt Chris Thorpes Performance und Mona el Gammals "erzählenden Raum" angucken und dann weiter konventionelle Stücke schreiben?
"Ich hoffe es ... naja, aber ich weiß es nicht. Immer wenn ich mein neuestes Stück auf der Bühne sehe, dann denke ich, vielleicht kommt mehr, was besser sein könnte, aber dann denke ich: Naja, ich mache weiter und wenn es nur wegen der tollen Wiener Schnitzel ist, die man in deutschen Theaterkantinen bekommt, die schmecken richtig gut."