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StartseiteCampus & KarriereRückhalt für den Bildungsweg 09.02.2017

Themenreihe Mittelpunkt MenschRückhalt für den Bildungsweg

Studierende aus Arbeiterfamilien haben es an deutschen Hochschulen immer noch schwer. Ihnen fehlt es oft nicht nur an finanziellem, sondern auch an sozialem Rückhalt. Katja Urbatsch will das ändern. Die Gründerin des Netzwerks Arbeiterkind.de hat selbst als Erste aus ihrer Familie studiert und möchte Jugendliche, denen es genauso geht, zum Studium ermutigen.

Von Philip Banse

Katja Urbatsch, die Gründerin von Arbeiterkind.de (ArbeiterKind.de/ Nadine Wojcik)
Katja Urbatsch studierte Nordamerikastudien, Betriebswirtschaftslehre und Publizistik an der Freien Universität Berlin. 2008 gründete sie das Netzwerk Arbeiterkind.de (ArbeiterKind.de/ Nadine Wojcik)
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Bildung Arbeiterkinder an die Universitäten

Katja Urbatsch sitzt im Berliner Café Kibar, um 19.30 Uhr, beim Stammtisch der Charlottenburger Ortsgruppe von Arbeiterkind.de, zusammen mit sechs Menschen, die als erste in ihrer Familie an die Uni gegangen sind. Der Blick von Katja Urbatsch ist direkt und freundlich:

"Ich komme eben aus Ostwestfalen und in meiner Familie hatte eben zuvor noch niemand studiert und deswegen war das am Anfang nicht so einfach, den Weg zur Uni zu finden und dann auch erfolgreich zu sein.

Meine Eltern haben eine Banklehre gemacht, das war schon was in unserer Familie, das war schon ein Aufstieg. Aber sonst in meinem Umfeld, ich habe Onkel und Tanten, die sind Frisöre, Versicherungskauffrauen und -männer. Das war auch schon was, aber Studium ist dann doch noch mal was anderes." 

Wunsch nach einem anderen Leben

Ein Studium gehörte nicht zum etablierten Lebensplan, es gab keine Vorbilder. Studieren galt als weltfremd und irgendwie unnütz. Und doch wuchs in Katja Urbatsch irgendwie der Wunsch, an die Uni zu gehen.

"So genau kann ich das gar nicht beantworten. Ich habe aber in meiner Kindheit immer diese amerikanischen College-Filme gesehen, das fand ich immer toll.

Das waren alles so Aufstiegsgeschichten, wo jemand hart gearbeitet hat, lange in der Bibliothek gesessen hat, fleißig war und am Ende erfolgreich war. Das wollte ich auch.

Das war auch mein Traum. Ich wollte in Amerika studieren, was ich dann auch gemacht habe. Und ich wollte noch was Anderes erleben, wollte was Anderes erleben, wollte raus aus meiner Kleinstadt, meinen Horizont erweitern. Mir ist auch kein Ausbildungsberuf eingefallen, den ich hätte machen wollen. Dann wollte ich auch noch Journalismus machen und da haben alle gesagt, da musst Du studieren. Ja, so kam das."

Kommilitonen sind irgendwie anders

Katja Urbatsch studierte Nordamerikastudien, Betriebswirtschaftslehre und Publizistik an der Freien Universität Berlin und der Boston University in den USA. Sie merkte schnell, dass ihre Kommilitonen irgendwie anders waren als sie:

"Die hatten einen anderen Wortschatz als ich, die waren viel selbstbewusster. Die haben sich mit ihren Eltern ausgetauscht über das Studium und teilweise haben die Eltern sogar geholfen bei Hausarbeiten, bei den Referaten, teilweise bei der Abschlussarbeit oder auch bei einer Stipendienbewerbung.

Und da habe ich gedacht, das ist ja interessant, dass die da so viel Unterstützung haben und so viel Hilfestellung und ich fühle mich an der Hochschule oft ein bisschen fremd, frage mich, ob ich gut genug bin, ob ich das leisten kann und hatte eben nicht diese Unterstützung."

Webseite für alle, denen es wie ihr geht

Sie wollte Kindern aus nichtakademischen Familien Mut machen, ihnen die Angst nehmen, helfen. Deswegen gründete sie das Portal Arbeiterkind.de mit Tipps, Adressen und Ansprechpartnern. Ein Wettbewerb brachte das nötige Geld, und in der Nacht des 4. Mai 2008 ging Arbeiterkind.de online.

"Und am nächsten Tag war ich live im Deutschlandfunk in Campus und Karriere":

Aus dem damaligen Interview:
"Haben sie schon mal angesehen, wie viele die Seite angeklickt haben?"
"Die Seite ist ja erst seit gestern online, aber wenn wir uns das morgen ansehen, werden wir sicher sehen, dass sie ein paar Tausend Mal angeklickt wurde."

"Und dann ging´s los. Wir haben von ganz vielen Menschen aus Deutschland und der ganzen Welt Emails bekommen und die haben gesagt, ich bin auch der oder die erste in meiner Familie, der studiert hat, ich möchte mitmachen und dann war das eine riesen Welle, die da losging in den Medien, wir wurden überall eingeladen, auf einmal ist das explodiert, und es hat mein Leben verändert", erzählt Urbatsch.

6.000 Ehrenamtliche unterstützen das Projekt

Es folgten Förderungen, Spenden[*]. Heute hat Arbeiterkind.de ein Jahresbudget von 900.000 Euro, 14 feste Mitarbeiter, und 6.000 Ehrenamtliche, die anderen helfen, zu studieren – und sich bei lokalen Stammtischen treffen wie in Berlin Charlottenburg.

"Katja Urbatsch zeichnet aus, dass sie zu 100 Prozent an das glaubt, was sie da macht; dass sie bodenständig ist, beziehungsweise, dass man nie Angst haben muss, dass man jetzt mit der Chefin von Arbeiterkind redet. Sie ist immer ganz nah bei uns und teilt auch immer ihre eigenen Erfahrungen", sagt Johanna Knoop, eine Mitarbeiterin.

"Sie zeigt vor allem Initiative und fördert auch Initiative und fordert das auch ein von den Leuten, die sich noch nicht trauen. Traut euch, macht, was ihr denkt. Wie könnt ihr am besten Jugendliche und Schüler ansprechen? Probiert es einfach aus, ihr könnt nichts falsch machen", sagt Mitarbeiterin Franziska.

Johann Knoop: "Sie ist halt sehr pragmatisch. Nicht irgendwie, ja, das könnte man so und so vielleicht lösen, wenn man da jetzt noch mal drei Stunden drüber nachdenken könnte. Sondern sie nimmt das Problem und möchte es lösen, wie man es kennt aus der Familien, dass es Probleme gibt, die werden jetzt angegangen, nicht lange hadern, das zeichnet sie auch aus."

Bewusstsein für Problem schaffen

"Ich glaube, wir haben in Deutschland ein großes Bewusstsein geschaffen überhaupt für diese Zielgruppe. Was heißt es, als erste in der Familie zu studieren? Was hält viele ab vom Studium, wenn sie aus Familien kommen, in denen noch keiner studiert hat? Was sind die Hürden und wie kann man Hilfestellung geben? Vorher war das noch gar nicht so im Bewusstsein, dass es Studierende der ersten Generation gibt und was da die Herausforderungen sind", so Urbatsch.

Aktuell fordert Katja Urbatsch von Medien und Politik, nicht mehr weiter von einer Akademikerschwemme zu sprechen:

"Wenn das in der Zeitung steht, dann schreckt das noch mehr ab überhaupt ein Studium aufzunehmen. Das heißt, es braucht eigentlich eine Ansage aus der Politik und den Medien: Wir wollen alle Potenziale in dieser Gesellschaft heben, sei es Berufsausbildung, sei es Studium.

Aber es darf nicht die Botschaft kommen: Die Unis sind voll. Oder: Wir haben schon viel zu viele Akademiker! Denn das schreckt ab und es schreckt genau die Falschen ab.


[*] Anm. d. Redaktion: Die Schriftfassung wurde zum besseren Verständnis an dieser Stelle geändert. Zunächst war die Rede von "Mitgliedsbeiträgen", allerdings handelt es sich dabei um freiwillige, regelmäßige Spenden. 

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