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StartseiteTag für TagAbendmahlsstreit in Corona-Zeiten22.04.2020

Theologie und PandemieAbendmahlsstreit in Corona-Zeiten

Wegen der Corona-Krise müssen Christen seit Wochen auf die direkte Teilnahme am Abendmahl oder der Eucharistiefeier verzichten. Das hat in den Kirchen, vor allem der evangelischen, zu einer theologischen Debatte über das Abendmahl geführt. Wann ist es gültig - wann nicht?

Von Michael Hollenbach

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In der Corona-Krise plädieren einige evangelische Theologen dafür, online Abendmahl zu feiern. (imago images/ epd / Jens Schulze)
Kann es den Leib Christi auch bei Streaming-Gottesdiensten geben? (imago images/ epd / Jens Schulze)
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"Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird."

Mit diesen Worten zelebrieren katholische Priester die Eucharistiefeier und evangelische Pastorinnen und Pastoren das Abendmahl.

"Brot und Wein sind der Leib und das Blut Christi", erläutert der Münsteraner Theologe Hans-Peter Großhans.

Das gilt in besonderer Weise auch für die katholische Kirche. Nach römisch-katholischer Lehre verwandeln sich während der Eucharistie am Altar Hostien und Wein in Leib und Blut Christi. Diese so genannte Transsubstantiation kann sich bei einem Online-Gottesdienst daheim vor dem Monitor – ohne direkte priesterliche Handlung - nicht vollziehen. Eine Möglichkeit ist aber, dass zuvor geweihte Hostien zu den Gemeindemitgliedern gebracht werden. Doch dieser Weg wird sehr selten beschritten, sagt Domkapitular Michael Dörnemann. Er ist Leiter des Dezernats Pastoral im Bistum Essen.

"Weshalb die Bischöfe deutlich sagen, dass sie das nicht wünschen, hängt damit zusammen, dass man nicht weiß: Was passiert damit? Wenn das Kommunionshelferinnen sind, die auch sonst die Eucharistie zu den Kranken bringen, ist das etwas anderes, aber wenn man das jetzt flächendeckend tut, ist das schon schwierig und deshalb erfolgt es auch nicht", so Dörnemann.

"Sicherstellen, dass das nicht nur irgendein Toastbrot ist"

Als Alternative zur Eucharistie könne man zu Hause ein Agape-Mahl feiern. Das sei ja auch im ökumenischen Kontext üblich.

"Das wäre ein liturgisches Mahl, wo es mehr um die Gemeinschaft im Essen und Trinken geht, aber wo die Einsetzungsworte fehlen", so Carsten Haeske.

Haeske ist in der Evangelischen Kirche von Westfalen zuständig für die Aus- und Fortbildung in Gottesdienstfragen. Nicht nur bei den Katholiken, auch bei den Lutheranern gibt es große Vorbehalte gegen ein Online-Abendmahl. Denn für Martin Luther ist Christus beim Abendmahl real präsent. Thies Gundlach ist Vizepräsident im Kirchenamt der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland, und sozusagen der EKD-Cheftheologe:

"Die klassische Formulierung ist, dass in, mit und unter dem Brot und dem Wein Christi selbst gegenwärtig ist. Es soll sichergestellt werden, auch gedanklich, dass das nicht nur irgendein Toastbrot ist oder ein mittelmäßiger Wein, sondern wirklich eine Gegenwart des Heils, das mir in einer Weise nahe kommt, wie das nichts anderes kann."

  (imago stock&people) (imago stock&people)Einheit der Kirchen - Und was ist mit dem Abendmahl? Vor 20 Jahren schien manchen die Einheit der evangelischen und katholischen Kirche greifbar nahe. Doch seitdem ist nicht viel passiert – auch, weil sich die Kirchen 1999 zwar über die Rechtfertigungslehre einigen konnten, aber nicht über ein viel größeres Problem: das Abendmahl. 

Deshalb wünscht sich die EKD eine "Zurückhaltung gegenüber schnellen Lösungen". In einer aktuellen Handreichung wird empfohlen: Falls man beim Abendmahl neue Wege beschreiten wolle, dann sollte dies "sehr sorgfältig und unter Wahrung der Traditionen sowie in guter ökumenischer Verbundenheit getan werden". Und auch Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, fragt sich:

"Kann man in medialer Gemeinschaft Abendmahl miteinander feiern? Ich wäre da ein bisschen zurückhaltender. Denn das Abendmahl ist auch etwas, was eine leibliche Gemeinschaft voraussetzt. Inwieweit ist diese mediale Gemeinschaft jetzt auch leibliche Gemeinschaft, wenn sie digital vermittelt ist?"

"Für mich war es ein wirkliches Abendmahl"

So zögerlich ist man beispielsweise in der Mainzer Auferstehungsgemeinde nicht. Hier wird – wie zum Beispiel jüngst im Online-Oster-Gottesdienst - zum gemeinsamen Abendmahl der Netzgemeinde ermutigt. Ein theologischer Ansatz, den Pfarrer Lars Hillebold mitträgt. Er ist zuständig für "Theologische Grundsatzfragen" in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

"Ich kann mir das vorstellen, dass Menschen, die gemeinsam gleichzeitig im Netz verbunden sind, Abendmahl feiern. Zumal man sich ja auch gut vorstellen kann: Da sitzt man zu Hause als Familie und feiert das mit einer anderen Familie, die im Haus nebenan sitzt und verbindet sich und man hört die Worte zum Abendmahl, und man teilt Brot und Wein am Tisch miteinander. Warum das nicht vernetzt sein soll, leuchtet mir bei den Kritikern momentan nicht ein."

Ralf Peter Reimann, Internetbeauftragter der rheinischen Landeskirche, hat schon mehrmals an Online-Gottesdiensten teilgenommen und dabei zu Hause Abendmahl mitgefeiert.

"Für mich war es ein wirkliches Abendmahl. Gerade für mich war es so, dass das Abendmahl sehr stark als Gemeinschaftsmahl rüber kam, weil es in einer Gemeinschaft gefeiert wurde, die ich auch offline kannte."

Anders als für die Lutheraner haben reformierte Christen, die sich ja auf Calvin oder Zwingli berufen, weniger Probleme mit einem digitalen Abendmahl.

"Für die Reformierten ist es eher so, dass Christus auch gegenwärtig ist", so Carsten Haeske. "Aber nicht in Brot und Wein, sondern eher in der Gemeinschaft und das wird vermittelt durch den heiligen Geist."

"Vielleicht haben Kollegen Angst, ihre Pfarrrolle zu verlieren"

Auch Carsten Haeske von der westfälischen Kirche kann sich durchaus ein Online-Abendmahl vorstellen:

"Es gibt schon einige, die Angst haben, dass da jetzt Dammbrüche passieren, dass das Abendmahl unevangelisch gefeiert werden könnte. Und vielleicht haben die Kollegen auch Angst, ihre Pfarrrolle zu verlieren, weil die Leute jetzt Abendmahl zu Hause feiern."

Thies Gundlach von der EKD geht es nicht um den möglichen Kompetenzverlust der Pfarrer. Er wendet sich gegen eine Entmythologisierung des Abendmahls. Nur ein Gemeinschafts- und Erinnerungsmahl - das sei ihm zu wenig:

"Dieses Existenziell-Persönliche, dass wir auf Christus vertrauen können, selbst wenn die anderen nicht mehr da sind, in der Krankheit, im Verlust oder im Tod, das geht verloren, wenn man sagt, das ist alles nur Gemeinschaft, in der Christi Geist lebt", so Gundlach.

Allerdings räumt auch Gundlach ein:

"Letztlich beschreiben alle Versuche der dogmatischen Tradition ein Geheimnis, das sich letztlich nicht rationell erklären lässt."

Margot Käßmann, die ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, kann die Debatte um das evangelische Abendmahl nicht so recht nachvollziehen. Für sie ist klar:

"Nach evangelischem Verständnis ist jeder getaufte Christ Bischof, Priester, Papst. Also du kannst auch taufen, du kannst auch das Abendmahl vollgültig feiern im Familienkreis. Ich kann meinen Glauben leben, auch wenn eine Pfarrerin, ein Pfarrer im Moment nicht erreichbar ist."

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