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StartseiteTag für TagWie einfach darf der Glaube sein?15.08.2019

TheologieWie einfach darf der Glaube sein?

Viele Christen suchen nach einer einfachen Gottesbeziehung. Sie finden sie in neuen geistlichen Bewegungen, Freikirchen oder fundamentalistischen Islamströmungen. Kritiker vermissen die Tiefe theologischer Reflexion. Sie fragen: Wie komplex muss ein verantwortbarer Glaube heute eigentlich sein?

Von Henning Klingen

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Nullen und Einsen - die Grundbausteine der digitalen Welt.  (dpa / Picture Alliance / Maximilian Schönherr)
Eine Logik von Einsen und Nullen, "wahr" und "falsch", wird der Theologie nicht gerecht (dpa / Picture Alliance / Maximilian Schönherr)
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Am Anfang steht ein unmögliches Wort: Ambiguitätstoleranz. Es bezeichnet die Fähigkeit, mit Unterschieden nicht nur umzugehen, sondern sie sogar als bereichernd zu empfinden. Das hört sich einfach an – es wird aber unendlich kompliziert, wenn es angewandt wird auf die persönlichen Einstellungen oder gar das religiöse Für-wahr-Halten. Wie soll ich den anderen tolerieren, ja, wertschätzen, wenn er mein Gottesbild, meine Art zu leben, zu lieben, zu denken abwertet? Der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer beobachtet, dass die Fähigkeit der Ambiguitätstoleranz schwindet:

"Da wir eine zunehmend ambiguitätsintolerante Gesellschaft sind, sind alle Bereiche der Gesellschaft davon betroffen: Es fängt an mit der Politik, wo Politiker, die Eindeutigkeit versprechen, Erfolg haben und Wähler von den Politikern Eindeutigkeit verlangen, wo Kompromissbereitschaft schwindet. Es geht weiter in der Religion: Religionen brauchen ja Ambiguitätstoleranz, allein schon, weil sie sich mit jenseitigen, nicht in Zahlen fassbaren Dingen beschäftigen. Es geht weiter in Kunst und Musik: Kunst verliert auch genauso wie Religion vielfach an gesellschaftlicher Bedeutung, weil es eben auch eine auf Ambiguität angewiesene Form menschlichen Daseins ist. Dagegen gewinnen Dinge, die sich in Zahlen ausdrücken lassen – künstliche Intelligenz, der Kapitalismus, der uns die Welt in Zahlen umrechnet - da haben wir eher einen Bedeutungsgewinn zu verzeichnen."

"Die Mitte ist vielfach im Schwinden begriffen"

Die Versuchung, klare, eindeutige Antworten zu geben und im Besitz "der" Wahrheit zu sein, führe in der Religion dazu, die Anderen abzuwerten.

Thomas Bauer, Professor am Institut für Arabistik und Islamwissenschaft der Universität Münster (picture alliance / dpa / Julia Cawley)Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer (picture alliance / dpa / Julia Cawley)"Was man eigentlich bei allen Religionen – und zwar nicht nur bei den monotheistischen – feststellen kann: dass es an den radikalen Rändern, fundamentalistischen Strömungen, oder auch dort, wo Religion instrumentalisiert werden kann – zum Beispiel als nationaler Identitätsmarker – überall dort nehmen genau diese Strömungen zu. Aber auch die ambiguitätstolerante Mitte, also dort, wo man einen durch Glaubenszweifel domestizierten Glauben lebt, dort wo man Religion auf die Gemeinschaft hin auch sozial ausrichtet, dort wo man mit den ambigen, schwer interpretierbaren heiligen Schriften so umgeht, dass man ihnen nicht eine einzige Deutung unterstellt, sondern dass man sich freut, dass man es auslegen und interpretieren kann – genau diese Mitte ist vielfach im Schwinden begriffen."

"Es wird eine grandiose Vereinfachung betrieben"

Der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet macht eine ähnliche Tendenz auch innerhalb der eigenen christlichen Tradition aus: Vorsicht ist laut Striet überall dort geboten, wo marktschreierisch oder auch mit demonstrativ geschlossenen Augen und gefalteten Händen das Wort "Neuevangelisierung" herausposaunt wird. Hinter diesem Wort scharen sich nicht nur Gebetsbewegungen, sondern auch kirchliche Einrichtungen, die mit dem Signalwort der "Mission" zu einer neuen "Jüngerschaft" oder "Freundschaft mit Jesus" aufrufen. Ihnen allen gemeinsam ist laut Striet eine radikale und seines Erachtens fahrlässige Vereinfachung des Glaubens und eine Tendenz zum "Religionspopulismus":

"Unter Religionspopulismus verstehe ich eine Spielart des Populismus, der sich durch verschiedene Merkmale auszeichnet: Anti-Intellektualismus, Anti-Historismus und am Ende ein Anti-Pluralismus. Es wird eine grandiose Vereinfachung zugunsten des einen, wahren Glaubens betrieben, der doch eigentlich allen Menschen zugänglich sein müsste. Das ist natürlich eine Möglichkeit, die a) so gar nicht mehr gegeben ist und b) in pluralistischen Gesellschaften gar nicht sein darf."

Verantwortbarer Glaube braucht Freiheit

Freiheit – ein Zentralwort in der Theologie von Magnus Striet – sei schließlich die Bedingung der Möglichkeit einer freien Bindung des Menschen an Gott. Diese Freiheit müsse der Glaube respektieren – das sagt sich leicht, wird aber umso schwieriger, je konkreter es wird: Ob katholisches Lehramt oder von der Neuevangelisierung beseelte Bewegungen: Beide tun sich laut Striet schwer mit der Freiheit:

"Die Verantwortbarkeit des Glaubens in einer modernen, auf Freiheit setzenden Gesellschaft besteht in zweierlei Punkten. Erstens: Es dürfen keine Konflikte mehr entstehen zu den Freiheitssehnsüchten der Menschen in diesen Gesellschaften. Das lässt sich aber relativ problemlos denken, indem man tatsächlich Gott als denjenigen aufs Spielfeld führt, der selber an der Würde der Freiheit des Menschen interessiert ist.

Magnus Striet, Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Freiburg im Breisgau. (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg / Britt Schilling)Für Magnus Striet gehört Komplexität zu verantwortbarer Theologie (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg / Britt Schilling)

Und der zweite Punkt: Ein verantwortbarer Glaube reduziert nicht die Komplexität der Welt und damit auch die Funktionszusammenhänge von Gesellschaft. Wenn der Glaube am Ende einfach ist, ist das gut – das ist ein Sich-Einlassen, ein Vertrauen darauf, dass Gott am Ende ohnehin alles richten muss, da die Möglichkeiten des Menschen begrenzt sind. Geschieht aber die Vereinfachung des Glaubens zugunsten einer massiven Reduktion der Komplexität unseres Weltverständnisses, dann wird er an dieser Stelle tatsächlich verhindernd bezogen auf eine gesellschaftliche Moderne."

"Theologie darf keine Angst vor der Welt haben"

Aaron Langenfeld gehört zu jener Generation junger Theologen in Deutschland, die es sich nicht leicht machen möchte; die die Komplexität von Welt nicht nur als Herausforderung sieht, sondern als genuine Orte der Theologie.

Der Theologe Dr. Aaron Langenfeld - Fotograf: Ralf Bauer, Köln (Privat)Dr. Aaron Langenfeld hat gemeinsam mit Thomas Bauer und Magnus Striet bei den diesjährigen „Salzburger Hochschulwochen“ als Referent zum Thema „Die Komplexität der Welt und die Sehnsucht nach Einfachheit“ gesprochen (Privat)

Als Geschäftsführer des Zentrums für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften an der Uni Paderborn steht Langenfeld nicht nur im permanenten Austausch mit anderen, nicht-theologischen Disziplinen – er weiß auch um den Druck, Theologie permanent in den Arenen säkularer Vernunft rechtfertigen und verantworten zu müssen. Für ihn allerdings weniger ein Akt theologischer Selbstverteidigung als vielmehr ein bewusstes Sich-Einlassen und Lernen:

"Will Theologie ein nachvollziehbares Narrativ ihrer Inhalte bieten, dann darf sie keine Angst vor der Welt haben. Das bedeutet, dass man sich natürlich auch auf für Theologie und Kirche neue Kulturgegenstände, heute im wesentlichen digitale Kulturwelten, einlassen muss – Social Media, Games, Serien et cetera. Damit meine ich: Man muss im besten Sinne mitspielen, um neu hören zu lernen, welche Narrative heute helfen können, den Glauben gerade in seiner Vernunft so zu plausibilisieren, dass er außerhalb der Kirche überhaupt noch Plausibilität besitzt."

Der Papst folgt auf Twitter nur sich selbst

Games – also Computerspiele - als Orte der Theologie? Und Theologen mittendrin im Gaming-Universum? Ja, so würde sich das Langenfeld wünschen – dann nämlich würde die Theologie nicht nur wieder sprachfähiger, sie würde auch herauskommen aus dem Lamento über die angeblich so religiös unmusikalische Welt und ihren eigenen Bedeutungsverlust in der Öffentlichkeit:

"Es braucht also eine Theologie und auch eine Kirche, die bereit ist, sich schmutzig zu machen, sich gerade auf die kulturellen Wirklichkeiten einzulassen, die womöglich zuerst gar nicht erkennen lassen, dass sie theologisch Relevantes verarbeiten. Das bedeutet wirklich erst einmal zuhören, bevor man urteilt; Wirklichkeit wahrnehmen und würdigen. Wenn zum Beispiel der Papst bei Twitter nur sich selbst folgt, dann könnte so etwas leicht zum Symbolbild genau für die gegenteilige Sicht werden, in der es vor allem um die redende und lehrende Kirche geht, die so aber leider immer weniger Gehör und auch Verständnis findet."

"Vor und mit Gott leben wir ohne Gott"

Was folgt nun aus dem? Welche Haltung empfehlen "moderne Theologen" dem Christen heute als zeitgemäß? Eine Mystik der geschlossenen Augen und gefalteten Hände? Oder ein sich ganz in die politischen Grabenkämpfe hineinbegebendes Christentum? Weder noch, sagt Magnus Striet – und er verweist auf eine Formulierung des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der genau diese Frage nach der zeitgemäßen Haltung des Christen in einer freiheitlichen Gesellschaft schon einmal beantwortet hat: und zwar vor 75 Jahren – aus der Nazi-Haft in Berlin-Tegel heraus – in seiner berühmten Briefsammlung "Widerstand und Ergebung":

"Und wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen – 'etsi deus non daretur' – als ob es Gott nicht gäbe. Und eben dies erkennen wir – vor Gott! Gott selbst zwingt uns zu dieser Erkenntnis. So führt uns unser Mündigwerden zu einer wahrhaftigen Erkenntnis unserer Lage vor Gott. Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen, als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt! Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott."

Der Theologe, NS-Widerstandskämpfer und Pazifist Dietrich Bonhoeffer (undatierte Aufnahme) (dpa / Archiv)"Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt", schrieb Dietrich Bonhoeffer (dpa / Archiv)

Magnus Striet: "Von Dietrich Bonhoeffer stammt das Wort, dass wir in der Welt ohne Gott leben müssten, das heißt autonom entscheiden müssen, wie wir Welt und Kultur gestalten wollen, und das gleichzeitig vor Gott tun dürfen. Und das ist genau diese Möglichkeit eines sich vertrauensvoll hingebenden Glaubens, der aber um seine eigene Verantwortung um die Welt- und Kulturverhältnisse weiß und die auch tatsächlich wahrnimmt."

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