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StartseiteCampus & KarriereZu Besuch in einer Berliner Tagesklinik30.03.2018

Therapien gegen Burn-outZu Besuch in einer Berliner Tagesklinik

Sie fühlen sich ausgebrannt, überfordert und haben Angst, den eigenen oder den Ansprüchen anderer nicht zu genügen: Viele Menschen leiden unter einem Burn-out. Eine Therapie in einer spezialisierten Tagesklinik kann helfen.

Von Manfred Götzke

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Mann mit gesenktem Haupt sitzt auf einer grünen Parkbank in Berlin. (imago/imagebroker)
Wenn gar nichts mehr geht: Ein regelmäßiger Besuch einer Tagesklinik kann bei Burn-out helfen (imago/imagebroker)
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"Dann begrüße ich Sie zur Gruppentherapiestunde, und wir beginnen wie immer mit der Lobe-Runde."

Eine Tafel, ein Stuhlkreis, drei Lehrerinnen, ein Lehrer und eine Psychotherapeutin: Gesprächstherapie in der Fliedler-Klinik in Berlin-Mitte. Die Lehrer, die hier in die Tagesklinik für Psychiatrie kommen, haben alle ein ähnliches Problem. Sie leiden an einer Erschöpfungsdepression, auch Burn-out genannt – oder an einer depressiven Erkrankung. Verursacht durch Schule.

"Was war in den letzten Tagen lobenswert für Sie im Sinne ihrer Therapie, wo haben Sie was getan im Sinne Ihrer Therapie, was ein Lob verdient hat?"

Psychotherapeutin Franziska von Piechowski beginnt ihre Gruppentherapie stets mit einer Runde Eigenlob. Denn Lehrer – vor allem die, die hier in der Klinik sind – würden viel zu viel an sich selbst kritisieren. Sich selbst loben, das falle ihnen schwer.

"Daher jetzt die Frage an Sie, wofür möchten Sie sich loben?" - "lobe mich dafür, dass ich den Schutzkokon, den ich hier aufgebaut habe verlassen habe und heute Mittag mit einem Freund Mittag essen war und zum ersten Mal auch über die Problematik geredet habe."

Die Lehrer, die an diesem Nachmittag im Gruppenraum im Bürohaus am Gendarmenmarkt sitzen, sind zwischen Mitte 30 und Mitte 50. Sie unterrichten normalerweise an Grund-, Gemeinschafts- oder Sonderschulen. Hier in der Gruppe sind sie eher in der Rolle der Schüler.

"Kommen wir zu Ansprüchen und Erwartungen im Lehrerberuf im Job, lassen Sie uns mal sammeln, womit Sie im Alltag konfrontiert sind." - "Immer parat sein, immer auf den Punkt da zu sein, man erwartet von uns, immer da zu sein. Kommt eine Mutter, will irgendwas, muss ich antworten. Ich sage, ich hab Pause: Ist doch gut, dass Sie Pause haben, dann kann ich ja kommen."

Die Patienten diskutieren darüber, was einen guten Lehrer ausmacht, Therapeutin von Piechowski sammelt die Begriffe, notiert Stichpunkte an der Tafel.

"Ich muss mich fragen, wie realistisch ist es, all diesen Ansprüchen gerecht zu werden? Und ich muss gucken, wie erfüllbar sind die Ansprüche. Wo kann ich mich abgrenzen. Weil was passiert, wenn ich Ansprüche habe, die ich nicht erreichen kann." - "Ich bin unzufrieden." - "Ich bin ständig unzufrieden, was noch?" - "Überfordert."

Überforderung und Unzufriedenheit

Von Piechowskis Patienten sind auch deshalb hier, weil sie den Anspruch haben, all diesen Erwartungen, immer gerecht zu  werden. Es sind die besonders engagierten, verantwortungsbewussten, fleißigen Lehrer, die sich so lange im System Schule aufreiben, bis dann irgendwann gar nichts mehr geht, erzählt die Psychologin:

"Die häufigsten Symptome bei Lehrern mit Burn-out: Sie kommen mit diesem typischen Ausgebrannt-Sein, dass sie emotional erschöpft sind, im Antrieb deutlich gemindert sind. Sich kraftlos fühlen – aber auch körperliche Beschwerden, starke Kopfschmerzen, Magenschmerzen oder Konzentrationsprobleme."

In die Tagesklinik kommen ihre Patienten wie zu einem normalen Bürojob, also von 8:30 Uhr bis 17 Uhr. Sie beginnen ihre Tage mit Lichttherapie oder Meditation, auf gemeinsames Frühstück und Morgenvisite folgt eine zweistündige Psychotherapie, einzeln oder wie heute in der Gruppe.

Am Nachmittag haben die Patienten Sport-, Kunst-, oder Bewegungstherapie - ebenfalls in der Gruppe. Die gemeinsamem Therapie-Einheiten gehören zu den wichtigsten Bestandteilen der Behandlung. Denn die Lehrerinnen und Lehrer erleben dabei, dass sie mit ihren Problemen, ihren Themen wie es Therapeutin von Piechowski nennt, nicht alleine sind.

"In der Therapie gucken wir uns erstmal die Rahmenbedingungen an, wo jeder Einzelne gucken kann, wo er seinen Alltag deutlich besser strukturieren kann, was gibt’s für innere Ansprüche, innere Antreiber, die einen dazu bewegen, alles ganz perfekt machen zu wollen.

Wir schauen dann, wie finde ich einen inneren Ausgleich für mich, wie halte ich es auch mal aus, Dinge nicht perfekt zu machen. Dass ich von einem ganz gestressten Schulalltag nach Hause komme, abschalten kann, im da im guten Gleichgewicht mit sich zu sein."

Vielfältige Ursachen

15 bis 20 Prozent seiner Patienten sind mittlerweile Lehrer, sagt Jürgen Ortmann. Er ist der leitende Psychologe der Klinik. Viele melden sich mit Erschöpfungserscheinungen, Ermattung, Antriebslosigkeit bei ihrem Hausarzt – und landen dann hier in der Klinik.

Ein Mensch im Dunkeln. (Unsplash.com/Benjamín Castillo)Burn-out kann viele Ursachen haben (Unsplash.com/Benjamín Castillo)

"In der Regel ist es schlimmer als die Lehrer denken, der Burn-out beschreibt einen Prozess, wo am Ende meist eine handfeste depressive Erkrankung besteht und wenn die dann da ist, hat man zu spät und zu wenig auf sich geachtet.

Um einen Burn-out zu vermeiden, ist es wichtig, frühzeitig gegenzusteuern und zu regulieren. Die Diagnosen, die wir vergeben, sind in der Regel bei Lehren depressive Erkrankungen."

Die Ursachen für solche Erkrankungen sind vielfältig: Traumata aus der Kindheit, genetische Veranlagung – aber eben auch: Stress.

 "Wir versuchen dann auch das Denken von depressiven Patienten zu beeinflussen, indem man trainiert negative Gedanken zu verändern, wir versuchen biografische Gewordenheiten – ich muss immer perfekt sein, ich darf andere nicht enttäuschen –aufzuarbeiten, indem wir aufarbeiten, wofür waren die mal gut, sind die immer noch hilfreich und kann ich auch mal entgegengesetzt handeln, auch wenn es mir eigentlich wehtut."

Manchmal hilft ein Berufswechsel

Nach acht bis zwölf Wochen kann Ortmann die meisten Patienten wieder in den Schulalltag entlassen, dass Lehrer rückfällig werden und in die Klinik zurückkehren komme nur selten vor. Manchen Lehrern würde der Psychologe allerdings auch nach der Therapie eigentlich empfehlen, den Beruf zu wechseln. Doch das ist nicht so einfach.

"Wenn Lehrer verbeamtet sind, müssen sie Lehrer bleiben, ich erinnere mich nur an eine einzige Patientin, die sich einen anderen Job gesucht hat und trotzdem Beamtin blieb. Wir versuchen, eher manchmal sowas anzuregen, wie: Dann seien Sie doch eine etwas schlechtere Lehrerin, ein etwas schlechterer Lehrer, damit Sie nicht so an den vielen Ansprüchen scheitern – oder reduzieren Sie!"

Mit kleinen Übungen Stress abbauen

"Dann nehmen wir erstmal die Füße wahr und die Gewichtverlagerungen nochmal."

Yoga-Lehrerin Roberta Pröfrock macht am 11.01.2018 während einer Yoga-Stunde in der Galerie Stadt Sindelfingen in Sindelfingen (Baden-Württemberg) unter dem Kunstwerk Trevira von Leni Hoffmann die Yoga-Übung des nach unten schauende Hundes.  (dpa / picture alliance / Sebastian Gollnow)Yoga und Entspannung hilft gegen Burn-out (dpa / picture alliance / Sebastian Gollnow)

Vier Etagen unter dem Gruppenraum steht Christa Cocciole in einer kleinen Sporthalle. In den Ecken bunte Fitness-Bälle, auf dem Boden Yogamatten. Die schlanke, durchtrainierte Frau stellt die Füße hüftbreit auf den Boden, atmet aus, geht dabei ganz leicht in die Knie.

"Und mit dem Ausatmen versuchen Sie, langsam die Atmung mit den Füßen und den Knien zu verbinden."

"Es ist ein großes Anliegen von uns, den Körper wahrzunehmen und freundlicher wahrzunehmen. Denn beim Burn-out kommen die ersten Signale oft über den Körper und zwar eher lästig. Die Lehrer sagen dann oft: Ach, stell dich nicht so an und ich mach einfach so weiter. Und bei mir geht’s darum, sich selbst wahrzunehmen und darum, welche Handlungen können sie wohlwollend sich gegenüber machen. Denn ganz oft ist der Konflikt genau die Lösung."

Cocciole hat Psychologie und Tanz studiert. In der Klinik ist sie für die Bewegungstherapie verantwortlich. Die soll zur Genesung der Lehrer beitragen, sie aber auch für die Zeit nach ihrer Entlassung aus der Klinik vorbereiten. 

"Es sind sehr handfeste praktische Übungen, was kann man machen, wenn die Anspannung steigt, zum Beispiel kurz vor der Pause, sich einfach abschütteln in der Klasse, oder aber auch, die ganze Klasse zum Stehen bringen – und mit der Klasse was tun. Denn sobald wir unseren Körper wahrnehmen, gibt es auch eine Entschleunigung im Gehirn. Wenn wir uns einen Moment nehmen, uns wahrzunehmen, dann können wir uns auch regulieren. Ziemlich schnell sogar."

Die Bewegungstherapeutin arbeitet nicht nur hier in der Fliedler-Tagesklinik. Sie wird auch immer mal wieder von Schulen zu Workshops eingeladen. Dort zeigt sie den Lehrerinnen und Lehrern, wie sie durch solche kleinen Übungen in der Klasse, im Unterricht, Stress abbauen können. Damit es gar nicht erst dazu kommt, dass sie "ausbrennen".

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