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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Thomas Frank: Was ist mit Kansas los? Wie die Konservativen das Herz von Amerika eroberten.30.05.2005

Thomas Frank: Was ist mit Kansas los? Wie die Konservativen das Herz von Amerika eroberten.

Berlin Verlag, 2005, 302 Seiten, 19,90 Euro

Was SPD-Chef Müntefering hierzulande als "Heuschrecken-Kapitalismus" anprangerte, ist in den USA schon längst gang und gäbe. Während sich im alten Europa zunehmend Menschen gegen den Ausverkauf sozialer Errungenschaften wehren, haben in den USA die konservativen Ideologen des freien Marktes und der angeblich christlichen Werte das Herz Amerikas erobert. Thomas Frank hat dieses Phänomen am Beispiel seines Heimatstaates Kansas genauer untersucht.

Von Barbara Eisenmann

Monument zu Ehren der Expedition von Lewis und Clark in Kansas City (AP-Archiv)
Monument zu Ehren der Expedition von Lewis und Clark in Kansas City (AP-Archiv)

"Kansas mag das Land der Durchschnittlichkeit sein, aber es ist eine irre, militante, empörte Durchschnittlichkeit."

An seinem Heimatstaat Kansas untersucht Thomas Frank in seinem neuem Buch ein politisches Phänomen, das weit über die Grenzen Kansas hinaus ganz Amerika betrifft. Es geht um die Frage, wie es den rechtskonservativen Republikanern gelungen ist, einen fundamentalen Mentalitätswandel in breiten Bevölkerungsschichten zu bewirken, den so genannten Backlash, den der Autor als einen Zustand "geistiger Verwirrung" beschreibt, und dem George W. Bush nun auch noch eine zweite Amtszeit zu verdanken hat.

"Darum, dass Menschen ihre grundlegenden Interessen verkennen, dreht sich das ganze politische Leben Amerikas. Diese geistige Verwirrung ist das Fundament unserer politischen Ordnung, die Grundlage, auf der alles andere beruht. "

Erst jüngst hat der Backlash wieder einmal spektakulär sein Gesicht gezeigt. Der tragische Fall der Komapatientin Terry Schiawo ist von den Republikanern auf höchster Ebene politisch missbraucht worden. "Man mobilisiert den Zorn über kulturelle Fragen", schreibt Frank, "um seine wirtschaftlichen Zwecke zu erreichen". Da kämpft George W. Bush gerade für die selbst in republikanischen Kreisen umstrittene Privatisierung der Rentenversicherung, an deren Gelingen er quasi als Antagonist von Franklin D. Roosevelt nicht nur den Erfolg seiner zweiten politischen Amtszeit, sondern sein historisches Erbe schlechthin gekoppelt hat. Derweil ist es aber die ungewöhnlich umfassend geführte Debatte um Leben und Tod von Terry Schiawo, die die öffentliche Aufmerksamkeit besetzt. Values matter most ist nicht umsonst die Devise des längst weit vorangeschrittenen konservativen Umbaus der US-amerikanischen Gesellschaft. Geschickt wurde dabei die Ökonomie aus der politischen Diskussion verdrängt und statt dessen ein Scheingefecht um kulturelle Fragen wie Abtreibung, Homosexuellenehe, Evolutionstheorie oder Sterbehilfe etabliert.

"In den Wahlreden der Konservativen mögen altmodische Werte zählen, doch sobald sie im Amt sind, interessiert sie nur noch eines: ein altmodisches Wirtschaftssystem niedriger Löhne und laxer Vorschriften. Sie haben in den letzten 30 Jahren den Wohlfahrtsstaat zerschlagen, die Steuerlast für Unternehmen und Reiche verringert und insgesamt alles dafür getan, dass die USA bei der Vermögensverteilung in Verhältnisse des 19. Jahrhunderts zurückgefallen sind. Das ist der Hauptwiderspruch des Backlash: es ist eine Bewegung der arbeitenden Menschen, die den arbeitenden Menschen unermesslichen Schaden zugefügt hat. "

Warum wählt das arbeitende, arme Amerika rechts-konservativ? Das war Franks Ausgangsfrage nach den Wahlen im Jahr 2000, eine Frage, die nichts an Aktualität eingebüßt hat. Im Gegenteil.

Der Autor breitet in seiner Kansas-Fallstudie das rätselhafte Panorama en détaile anhand einer Vielzahl von Orten, Ereignissen und Personen aus. Zunächst beschreibt er den Aufstieg der radikalkonservativen Republikaner innerhalb der in Kansas traditionell eigentlich gemäßigten republikanischen Partei Anfang der 90er Jahre. Den Erzkonservativen sei es damals gelungen, massenhaft Kräfte im Antiabtreibungskampf zu mobilisieren, so dass eine regelrechte Volksbewegung als Basis der die Partei übernehmenden Radikalen entstanden sei. Dabei hätten sie einen interessanten Gebrauch von der Klassenfrage gemacht, indem sie die Auseinandersetzung mit den gemäßigten Republikanern als "Kampf des einfachen Volkes gegen eine arrogante, besserwisserische liberale Machtstruktur" darstellten, wie Frank schreibt. Ein abstruser, nichtsdestotrotz aber mächtiger Klassenkampf sei ausgebrochen, in dem das Klassenvokabular ökonomisch entleert und um kulturelle Differenzen herum neu definiert würde.

"So paradox diese Situation erscheinen mag, ist sie doch nicht atypisch. Die Amerikaner erleben seit Jahrzehnten einen populistischen Aufstand, der nur denen nützt, gegen die er sich vermeintlich richtet. ... Die zornigen Arbeiter, gewaltig an der Zahl, marschieren unwiderstehlich gegen die Arroganten auf. Sie drohen den Söhnen des Privilegs mit den Fäusten. Sie lachen über das affektierte Gehabe der feinen Pinkel... und während die Millionäre in ihren Villen zittern, brüllen sie ihre Furcht erregenden Forderungen heraus: Wir sind hier", schreien sie, "um eure Steuern zu senken."

Dasselbe Muster, das in Kansas innerparteilich höchst erfolgreich zum Tragen kam, ist landesweit in der Auseinandersetzung von Republikanern und Demokraten mit nicht weniger Erfolg eingesetzt worden und hat letztlich zur Allianz der Reichen mit den Ärmsten geführt. Der populistische Auftritt der Konservativen war allerdings bereits von Bushs Vater eingeleitet worden. Bis in die frühen 70er Jahre waren die Konservativen in der öffentlichen Wahrnehmung noch eine gleichsam aristokratische Gruppierung. Die so genannte neue Rechte war Mitte der 70er Jahre in Erscheinung getreten und saß mit der Wahl Reagans 1980 bereits fest im Sattel. Wirtschaftspolitisch lag diese neue Rechte zwar ganz auf der Linie von Big Business und der alten Geldaristokratie, neu hingegen war jetzt der Kampf gegen das zur Elite hochstilisierte linksliberale Establishment. Dadurch war es den Konservativen gelungen, sich selbst als Verbündete des kleinen Mannes darzustellen. So gesehen ist Bushs Sohns Erfolg das Ergebnis einer Jahrzehnte währenden ideologischen Arbeit eines ganzen Netzes einflussreicher Think Tanks.

Frank zeigt in seiner Studie nun, welche Ausprägungen die derart auf den Kopf gestellte Klassenfrage im Weiteren nahm, wie Klassendifferenzen auf Lifestyle Fragen herunter gebrochen wurden, wie sich in dem jeder Empirie spottenden, künstlichen Klassenantagonismus von intellektueller Elite auf der einen Seite und dem gewöhnlichen Amerikaner auf der anderen Seite der Antiintellektualismus als das quasi Natürliche durchgesetzt hat. Jedes Ansinnen eines anderen Wirtschaftssystems als das der freien Marktwirtschaft kann jetzt als gleichsam 'unnatürlich’ abgestraft werden. Und obwohl - 6 von 9 Präsidentenwahlen seit 1968 haben die Republikaner gewonnen und die mit Clinton erschienenen neuen Demokraten sind auch nicht mehr, was sie einmal waren, eine sozialdemokratische Partei nämlich -, ist es den Konservativen gelungen, den Liberalismus, der in den USA mit einer sozialstaatsfreundlichen politischen Strömung assoziiert wird, in den Köpfen vieler Amerikaner zunehmend fester als die das Land beherrschende autoritäre Kraft zu verankern und parallel dazu die Republikaner als die unterdrückte Mehrheit .

Allerdings wird die zentrale Frage, weshalb der Backlash für dermaßen viele Amerikaner sogar an Attraktivität noch gewonnen hat, trotz vieler interessanter Einzelüberlegungen nicht wirklich systematisch und theoretisch konsistent bearbeitet. Die von den Konservativen bewusst lancierte Überlagerung des wirtschaftlichen Diskurses durch kulturelle Debatten als die dem Backlash zugrunde liegende zentrale Struktur allein erklärt ja noch nicht umfassend, warum Menschen massiv über Jahrzehnte hinweg gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen agieren. Zumal sie ja die Folgen von Privatisierung, Verschlankung von Staat und Unternehmen, Deregulierung, Zerschlagung der Gewerkschaften, etc. längst am eigenen Leib erfahren haben. Ob ihnen da die von den Backlash-Theoretikern geschneiderte Identität, in der "der Glanz der Authentizität und der Narzissmus der Opferrolle praktisch für jeden erreichbar ist", wie der Autor schreibt, auf Dauer ausreicht, ist fraglich. Franks Studie ist in weiten Teilen deskriptiv und episodisch, auch repetitiv in der strukturellen Beschreibung des Backlash und dürfte zudem für nicht-amerikanische Leser in der Fülle lokaler

Barbara Eisenmann besprach: Thomas Frank: Was ist mit Kansas los? aus dem Berlin Verlag. Es kostet 19.90 Euro und hat 302 Seiten.

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