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StartseiteStreitkulturWird rechter Hass unterschätzt? 06.07.2019

Thomas Niehr vs. Jörg Förster Wird rechter Hass unterschätzt?

Sprachliche Tabubrüche werden in rechten, gewaltbereiten Kreisen als Ermutigung zur Tat gesehen, sagt der Sprachwissenschaftler Thomas Niehr. Wer nur nach rechts schaut, bagatellisiert islamistische und linke Gewalt, sagt Jörg Förster von der "Werteunion".

Moderation: Christiane Florin

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"Rassismus tötet" wurde auf eine Wand geschrieben, aufgenommen in Frankfurt am Main.  ( Frank May/picture alliance)
Worte als Waffen - Thema in Stritkultur ( Frank May/picture alliance)

Pro:

Thomas Niehr, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der RWTH Aachen und Autor des Buches "Volkes Stimme?".

Porträtaufnahme (Deutschlandradio / privat)Thomas Niehr (Deutschlandradio / privat)Ja, es ist ganz offensichtlich, dass jedes Sprechen auch ein Handeln sein kann. Indem ich jemanden mit bestimmten Bezeichnungen belege, beleidige ich eine Person. Indem ich in einer bestimmten Situation "ja" sage, heirate ich jemanden. Das sind Beispiele dafür, dass mit Sprache gehandelt wird.  Aber selbstverständlich hat nicht jede sprachliche Handlung schwerwiegende Folgen.
Allerdings, um auf unseren Kontext zu kommen: Worte können sehr wohl als Waffen verwendet werden. Das zeigt die deutsche Vergangenheit mehr als deutlich. Und deshalb plädiere ich dafür, die politische Kommunikation sehr genau im Auge zu behalten. Sprachliche Tabubrüche, Aufrufe zum Hass, zur Verfolgung politisch Andersdenkender nehmen zu, und zwar vor allem von rechts. Dass sie in bestimmten Kreisen als Ermutigung gesehen werden, den Worten brutale Taten folgen zu lassen, das dürfen wir nicht sehenden Auges hinnehmen.

Contra:

Jörg Förster, Unternehmer und Mitglied der "WerteUnion" der CDU.

Porträtaufnahme (Deutschlandradio / privat)Jörg Förster (Deutschlandradio / privat)Wenn wir weiterhin durch unsere Sprache signalisieren, dass nicht der Extremismus als solcher relevant ist, sondern nur, wenn er von einer bestimmten Seiten – von rechts- ausgeht, dann werden wir am Ende des Tages überhaupt niemanden bekämpfen. Es sollte uns doch eigentlich nachdenklich machen, warum trotz steigender Ausgaben von Bund und Ländern in die Prävention von Rechtsextremismus die Zahlen von gewaltbereiten Extremisten nicht sinken, sondern steigen.
Die Älteren unter den Zuhörern werden sich sicherlich daran erinnern, dass früher in der Kindererziehung Sätze fielen wie: "Kehre erst mal vor deiner eigenen Haustür, bevor du bei anderen anfängst. Würden wir das tun und unsere eigene Sprach, aber auch unser eigenes Handeln hinterfragen, müssten wir eingestehen, dass wir den Rechtsextremen viel zu oft das Kanonenfutter auf dem Silbertablett servieren. Rechter Hass wird nicht unterschätzt, sondern durch die Bagatellisierung von Linksextremismus und die Tabuisierung von islamistisch bedingtem Extremismus sogar noch angekurbelt.

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