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StartseiteBüchermarktDer "Knigge" der deutschen Ritter20.01.2020

Thomasin von Zerklære: "Der Welsche Gast"Der "Knigge" der deutschen Ritter

Wie das gute Benehmen nach Deutschland kam - ein Italiener schenkte den Einheimischen einst eine monumentale Sitten- und Tugendlehre. Und wer den Wälzer nicht lesen konnte, der staunte über die mehr als 100 Bilder.

Von Christoph Haacker

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"Der Welsche Gast" aufgeschlagen (Quaternio Verlag)
Aufgeschlagen : "Der Welsche Gast" (Quaternio Verlag)

Wer Mediävistik studiert, lernt die Attribute des Höfischen wie das Einmaleins: Da finden sich Tugenden wie mâze (das Maßhalten), staete (die Beständigkeit), milte (die Freigiebigkeit), triuwe (die Treue), êre oder die Gerechtigkeit. Daraus ergibt sich ein Verhaltenskodex, an dem auch die Helden der Literatur zu messen waren. Das gilt beispielweise für Siegfried, dessen großspuriges, unhöfisches Betragen zu Beginn des "Nibelungenlieds" nicht nur den geschliffenen Hagen befremdet. Doch woher wusste ein Ritter, was erwünscht und was tabu war? Einige Antworten darauf bietet der prachtvolle Reprint eines Meisterwerks der Buchkunst aus dem Hochmittelalter: der "Welsche Gast" des Thomasin von Zirklaere von 1215/16. Dem Medium Buch kommt dabei eine Schlüsselrolle zu:

"Ein jeder Mensch soll sich bemühen,
in gutes Handeln umzusetzen,
was er Gutes gelesen hat."

Dieser Glaube an die Kraft des Wortes zieht sich durch das Werk, das Tugendlehre, Ratgeber, Benimmfibel, Tischzucht, politischer Essay und vieles mehr ist.

"Der schlechte Mensch und die Schlechtigkeit / sollen hier so behandelt werden / dass sie aus meinem Welschen Gast / angesichts der Tugenden das Weite suchen."

Sittenlehre als Exportschlager

Ungewöhnlich zahlreich erhaltene Handschriften lassen auf dessen damaligen Stellenwert schließen. "Der Welsche Gast" ist dabei niemand anders als der Autor selbst. Denn der entstammt dem welschen Land, also dem romanischen Sprachraum. Ins Deutsche lädt sich der Verfasser selbst ein, so wie auch sein Werk keinen Auftraggeber nennt, was auf eine gesicherte Existenz schließen lässt. Thomasin war im Mittelhochdeutschen eigentlich nicht zu Hause, sondern in seiner Muttersprache Verfasser Bücher verwandten Inhalts:

"Wenn ich im Deutschen Mängel habe, soll das niemanden wundern … Ich bin im Friaul geboren / und nehme es überhaupt nicht übel, / wenn einer ohne Spott mein Gedicht / und mein Deutsch verbessert."

Anders als bei Emigranten der Neuzeit war es nicht Flucht, die hier den Anstoß zu einer mehrsprachigen Schriftstellerlaufbahn gab. Es handelte sich um eine reine Überzeugungstat: Thomasin schlüpft in die Rolle eines Missionars, der seine Tugend- und Sittenlehre in den deutschen Sprachraum tragen wollte.

Ausschnitte des Ritterknigge (Quaternio Verlag)Ausschnitte des Ritterknigge (Quaternio Verlag)

Als nur Adelige lesen konnten

Dort hatte man noch Nachholbedarf, die Vorbilder für höfische Ideale lagen – neben der Antike sowie dem sagenhaften Hof des Königs Artus – im Ausland. Grenzgänge zwischen Sprachen kamen zudem vor; so wurde ein mittelniederländischer Autor, Heinrich von Veldeke, zum ersten großen deutschen Epiker. Thomasin lebte in einem Gebiet, in das bairische Dialekte einsickerten, dem Machtbereich des deutschsprachigen Patriarchen von Aquileia, Wolfger von Erla. Vor diesem Hintergrund fand sein Gastspiel als mittelhochdeutscher Autor statt, denn…

"Ich fürchte, wenn ich euch lehren wollte, wie man sich welsch ausdrücken kann, wäre das vergebliche Mühe."

Bei allem Understatement versteht sich Thomasin als ein Dichter, er ist Pionier des großangelegten Lehrgedichts. Es besteht aus zehn Teilen, fast 15.000 Versen, Paarreimen, die in der Prosaübersetzung unter den Tisch fallen. Dass "Der Welsche Gast" nicht die formale Klasse der bedeutendsten Versepen hat und es ihm an Originalität fehle, hat dazu geführt, dass er von Sprachforschern wie Wilhelm Grimm einst vorschnell ins Abseits gestellt wurde. Die Mitherausgeberin Eva Wilms hebt aber darauf ab, wie Thomasin das nicht nur durch eine geschickte Komposition und Einfühlung in seine adlige oder geistliche Zielgruppe mehr als ausglich:

"… bewusst war ihm auch, dass seine Materie nicht geeignet war, diese Defizite wettzumachen, wie es einer spannenden Ritter- und Liebesgeschichte ähnlich denen der höfischen Epik leicht gelungen wäre. Um also die Leser seiner Zeit für dieses gänzlich neuartige, aber … nicht besonders hochwertige … Werk zu gewinnen, war mehr vonnöten als durch die poetische Form die Aura des Kunstwerks zu verleihen. In der weitgehend illiteraten Zeit sind es die Bilder, die den vielen Leseunkundigen doch eine Art von Teilnahme am Schriftwerk ermöglichen."

Eine graphic novel des Mittelalters?

"Der Welsche Gast" gehört längst zum Kanon der mittelhochdeutschen Literatur. Aber der Anspruch und Aufwand der Neuedition schaffen ein Buch-Erlebnis, das an den Wert erinnert, den einst Abschriften besaßen. In Foliantengröße wird das Faksimile der Pergamenthandschrift aus Gotha von 1340 dargeboten, Werk eines unbekannten Künstlers in 120 farbigen Bildern, die an die berühmte Große Heidelberger Liederhandschrift erinnern. Während jene Anthologie ein Who is Who von Autoren mit ihren Porträts bietet, ist die bildnerische Vielfalt des Gothaer Meisterwerks größer.

Konkrete Personen, etwa Helden von Troja, werden ebenso dargestellt wie allegorische Figuren, die sieben Freien Künste oder Himmelskörper. Spruchbandartig gesellen sich Erklärungen dazu. Erst so wird das bereits vom Autor genau so konzipierte Gesamtkunstwerk sichtbar, das der Verlag kühn als einen Vorgriff auf die graphic novel des 20. Jahrhunderts bewirbt. Eigene Beachtung verdient der umfangreiche Kommentar, aber auch die erstmals vollständige Übersetzung von Eva Wilms, die bemüht war, das Mittelhochdeutsche in ein angemessenes Neuhochdeutsch mit seinem weitaus größeren Wortschatz zu übertragen. Wieviel das abverlangt, macht sie einer Vorbemerkung deutlich:  

Wie aus Altdeutsch Neudeutsch wird …

"Hier den Text wenigstens ein bisschen zu ironisieren, ihn zu schönen, durch flotte Formulierungen aufzupeppen, feinsinnig, subtil oder elegant zu verbessern, fühlt man sich ständig gedrängt, aber nicht berechtigt. Also wurstelt man sich durch (…) so genau wie möglich, so frei wie nötig."

Aus dem mittelhochdeutschen "Bösewicht" wird da auch mal ein "Fiesling" oder sogar ein "Schubiak". Aus dem "Toren" des Originals wird ein "Blödian", aus dem "arm man" dagegen ein "armer Tor" wie bei "Faust". Der babylonische König wird unverändert lateinisch Nabuchodonosor statt wie nach Luther Nebukadnezar genannt, den "Balthasar" des Originals hätte man wohl "Belsazar" wie bei Heine nennen können. Nicht jede Entscheidung ist nachvollziehbar, und so lohnt es sich, neben der Übersetzung stets den Ursprungstext zu lesen. So heißt es beispielsweise:

"Eine Dame soll keine frivolen Scherze
machen, das ist damenhaft."

Das ergibt nicht nur keinen Sinn, sondern die feinen Unterschiede zwischen solchen und solchen Frauen werden so aufgehoben. Das Original lautet:

"Ein frowe sol niht vreuelich
schimphen: daz stet wiplich."

Blättern im Ritterknigge (Quaternio Verlag)Blättern im Ritterknigge (Quaternio Verlag)

Ein Frauenversteher lehrt die Männer Mores

Hier geht es um den einer vornehmen Dame – frouwe – nicht standesgemäßen Sprachgestus, was abwertend als "weiberhaft" oder mit "das macht Weiber aus" übersetzt werden könnte. Zudem sollen junge Damen, heißt es weiter, "niht lut fluchen", und die Übersetzung als "keinesfalls laut sprechen" beraubt das einer Nuance. Unterscheidet sich das Frauenbild auch deutlich vom heutigen, so finden sich bei Thomasin manche fast psychologische Beobachtungen, die weiterhin zutreffend sind. Eitelkeit und Männer, die sich mit Frauengeschichten brüsten, sind ihm verdächtig:

"Niemand anderer wird zum Angeber / als der, den die Frauen nicht mögen. / Ist einer den Frauen gleichgültig, / wird er damit nicht ohne Selbstlob fertig."

Zwar weist Thomasin den Frauen eine Rolle zu, die wenig selbstbestimmt ist. Gleichzeitig macht er sich für sie stark. So will er die Männer überzeugen, anders mit Frauen umzugehen, sie nicht als ihren Besitz anzusehen, sondern ihr Herz zu gewinnen:

 "Kein Schloss sperrt ein, / was sie denkt. / Ohne das Herz ist der Leib nichts wert."

Nicht Zwang kann Liebe schaffen:

"Erzauberte, erzwungene und erkaufte Liebschaften sind geradezu deren Gegenteil. (…) Wer Frauen vergewaltigt, ist ganz und gar unhöfisch … Wer glaubt, Liebe mit Geld erkaufen zu können, weiß weder, was Liebe noch was Respekt ist."

Die Kraft des positiven Denkens

Virtus – die Tugend – und vitus – das Laster – sind nicht nur sprachlich verwandt. Thomasin geht bemerkenswert strategisch damit um: Von ihm werden nicht zuallererst die sieben Hauptlaster und die Strafen ausgemalt, wie sie die vielen Höllenfresken so abschreckend zeigen. Vielmehr verlegt er sich wie heutige Sachbuchbestseller aufs Positive, fordert tugendhaftes Verhalten ein – und zwar kaum als Ergebnis theologischer Angstpädagogik, sondern von eigener Erkenntnis und Vernunft.

Seine Beispiele belegen, wohin Untugend führt. Über allem stehen für ihn der Verstand und Bildung. Eine gute Geschichte fördere gutes Benehmen, ist sich Thomasin sicher – und das ist seine eigene Motivation zu schreiben. Aber Buch ist nicht gleich Buch, und er weiß, dass schlechte Literatur durchaus verderben kann. Hier nimmt er die Dichter in die Pflicht:

"Deshalb soll ein höfischer Mann, / der sich aufʼs Dichten verlegt, / außerordentlich behutsam sein, / dass er nicht auf den Weg der Lüge gerate."

Ob er hierbei auf einen berühmten Kollegen abzielt? Denn im konkret-weltlich-politischen achten Buch, in dem die deutsche Ritterschaft zum Kreuzzug aufgerufen wird, findet sich die Polemik gegen einen namenlosen Papstkritiker …

"Wie hat sich also jener wackere Mann / ihm gegenüber ins Unrecht gesetzt, / der aus Überheblichkeit behauptet, / der Papst wolle mit deutschem Geld / seine italienische Truhe füllen?"

Mein Gott, Walther!

…hinter dem sich Walther von der Vogelweide verbirgt. Der Dichter hatte in seinem "Unmutston", einer teils radikalen Spruchsammlung, Papst Innozenz III unterstellt, Kreuzzugspenden aus Deutschland zweckzuentfremden. Auch der "Welsche Gast" kennt die Herrscherschelte und macht selbst vor großen Namen nicht Halt, sofern sie schon unter der Erde liegen. Ihr Scheitern und der Niedergang großer Reiche wird mit Fehlverhalten in Verbindung gebracht. Der Fisch stinkt vom Kopf, und um die Welt zu retten, müssen also nicht zuletzt die Mächtigen tugendhafter werden. Darum fordert Thomasin von seinen adligen Adressaten eine starke, vorbildliche Führerschaft ein:

"Wenn ich Unrecht tue, geht das nur mich an; / vom Unrecht der Fürsten sind alle betroffen. / Kennt der Anführer sich nicht aus, / wird es für uns alle gefährlich."

Ein Aufbegehren gegen eine Unrechtsherrschaft sieht Thomasin allerdings nicht vor, da vertraut er wohl auf Gottes Strafen. Immerhin bringt er die Möglichkeit des Exils ins Spiel:

"Wer in diesem Land bleiben / will, tut es sehr zu seinem Schaden."

Schuster, bleib bei deinen Leisten!

Erwartungsgemäß plädiert er dafür, bestehende Ordnungen nicht anzutasten. Hier ist das Buch oftmals an das Volk, an Arme und Bauern adressiert, obwohl sie – als Analphabeten und angesichts der Kostspieligkeit von Büchern – von eigener Lektüre ausgeschlossen waren. Herrschaft und Reichtum werden dabei nicht einfach durch Gottgewolltheit legitimiert, sondern es wird stets argumentiert. So gehe die Ambition der Nicht-Privilegierten, selbst zu Macht und Wohlstand zu kommen, schlicht von falschen Vorstellungen aus.

"Keiner würde das Seine aufgeben, wenn er / das Leben des andern richtig kennenlernen würde. / Der Arme leidet an seiner Armut, der Reiche hat seine Not mit dem Geld. / Wer nichts hat, dem nimmt man auch nichts weg. / Seines … Reichtums willen muss der Reiche oft Besorgnis, Anfeindung, Zorn und großen Hass ertragen. Wer inneren Reichtum hat, der ist auch mit wenig Geld nicht arm."

Thomasin von Zerklære: "Der Welsche Gast. Der erste Knigge in deutscher Sprache".
Faksimileedition und Kommentarband. Herausgegeben von Dagmar Hüpper, Holger Runow, Heike Bismark, Eva Willms und Katrin Sturm.
Quaternio Verlag, Luzern, 2 Bände, 204 und 498 Seiten, 5980 Euro (sic!)

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