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Thüringen
Evangelische Schulen wollen mehr Flüchtlinge aufnehmen

Wo sollen die vielen Flüchtlingskinder zur Schule gehen? Solche Sorgen hört man vielerorts - zur Verblüffung der Evangelischen Kirche in Thüringen: Die würden mehr Kinder aufnehmen, bekommen aber keine zugeteilt. Ignoriert das Ministerium Schulen in freier Trägerschaft?

Von Henry Bernhard | 23.10.2015

    Kinder sitzen in einem Klassenraum und hören der Lehrerin zu.
    Die Schulen in kirchlicher Trägerschaft haben noch Kapazitäten für Flüchtlingskinder. (dpa/ picture-alliance/ Caroline Seidel)
    Marco Eberl ist ein freundlicher, höflicher Mann. Der Vorsitzende der Schulstiftung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland beklagte sich dennoch vor Kurzem öffentlich: Nicht zu viele, nein, zu wenige Flüchtlinge kämen an die Freien Schulen in Thüringen und Sachsen-Anhalt, faktisch fast gar keine.
    "Wir haben zurzeit an unseren Schulen in Thüringen und in Sachsen-Anhalt 4.800 Schülerinnen und Schüler, etwa. Und - im Ganzen gesehen - gerade mal ein Dutzend von Flüchtlingskindern zugewiesen bekommen. Wir werben an mehreren Standorten darum, Kinder aufnehmen zu wollen; bekommen aber keine. Das ist etwas paradox. Man hört überall, dass Plätze gesucht werden, dass Kinder schon mit Bussen irgendwo hingefahren werden müssen. Wir stehen da, die Tore sind offen - aber es kommt noch keiner hindurch!"
    Freie Schulen nicht im Blick?
    150 Flüchtlingskinder könnten die 21 evangelischen Schulen in Thüringen und Sachsen-Anhalt sofort aufnehmen. Bei Bedarf später auch noch mehr. An einer Grundschule in Erfurt haben sie bereits einen extra Klassenraum für Flüchtlingskinder hergerichtet - und bislang nur ein Kind zugewiesen bekommen. Im Thüringer Bildungsministerium zeigte man sich etwas verblüfft ob der evangelischen Initiative. Ministerin Birgit Klaubert:
    "Wir haben das für uns erst mal als Kritik aufgefasst, aber natürlich wird es eine Frage sein, die erst mal in der Organisation liegt als in dem Willen, das gemeinsam als Aufgabe sehen zu wollen."
    Auch andere Schulen in freier Trägerschaft fühlen sich übergangen, berichtet Marco Eberl von der Evangelischen Schulstiftung. Warum? Da kann er nur spekulieren:
    "Es verdichten sich die Zeichen, dass offenbar Freie Schulen gar nicht im Blick waren bei der Verteilung von Flüchtlingskindern. Wir haben solche Zeichen in Sachsen-Anhalt, in Thüringen; wir hören das aber auch aus Berlin. Zunächst mal sind die staatlichen Schulen im Fokus. Und entweder hat man uns übersehen oder man hat bewusst zunächst mal nur die staatlichen Schulen ausgewählt. Möglicherweise ist es die Kultur, nicht wahrzunehmen, dass da noch ein Teil des Schulwesens außerhalb der staatlichen Perspektive existiert."
    Problem ist die Finanzierung
    Im Thüringer Bildungsministerium hat man schnell reagiert, es gibt nun einen Runden Tisch, an dem man regelmäßig im Gespräch ist. Problematisch ist die Finanzierung. Mehr Geld für die Freien Schulen ist eigentlich nicht da. Die Kosten steigen aber mit mehr Schülern. Die Frage ist, ob das Land den gleichen Satz für Flüchtlingskinder zahlen wird wie für bisherige Schüler. Dies ist noch offen. Marco Eberl sieht noch ein weiteres Problem: Viele Flüchtlingskinder hätten besonderen Förderbedarf, im Spracherwerb, im Umgang mit Traumata. Was die Grundfinanzierung angeht, ist er ganz pragmatisch.
    "Wir haben gesagt: Jetzt am Anfang zählt für uns die Notfallhilfe. Wir wollen helfen - das steht am Anfang! Ganz konkret in der Finanzierungsfrage ahne ich im Moment nur, dass wir auf den Kosten für das Jahr 2015 vollständig sitzen bleiben werden. Und ich sage jetzt hier: Das ist in Ordnung, das ist unser Beitrag. Aber es muss für das Jahr 2016 klare Regelungen geben, wie die Finanzierung erfolgen soll."
    Noch seien mehr Fragen offen als geklärt.
    Einen praktischen Anfang machte schon mal die Evangelische Gemeinschaftsschule Erfurt: Zu einem Kochprojekt mit der Sterneköchin Maria Groß waren auch vier kurdische Schwestern aus Syrien eingeladen, Waisenkinder, die noch nicht lang in Deutschland sind und nach einem Deutsch-Intensivkurs hier lernen sollen. So schwiegen sie auch zumeist beim Kürbis schneiden und Muskat reiben. Aber Anton, der neben Amira arbeitete, hatte schon Kontakt aufgenommen.
    "Erklären kann man! Es geht mit ihnen - wieso nicht? Im Deutschen Muskatnuss ist auch im Kurdischen Muskatnuss!"