Archiv

Thüringer Bachwochen
Moderne ist zumutbar

Natürlich gab es für Bach-Fans die Klassiker: die Passionen, die h-Moll-Messe, die Cello-Suiten. Doch die Thüringer Bachwochen hatten noch weitaus mehr zu bieten als das klassische Programm. Und das kam beim Publikum gut an.

Von Henry Bernhard | 12.04.2016
    Das 1746 von Elias Gottlob Haußmann gefertigte Gemälde von Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist nach Aussage des Bachhauses Eisenach das einzige überlieferte Bildnis des Barockmusikers, für das der Meister persönlich Modell gesessen haben soll
    Johann Sebastian Bach, Porträt von 1746 von Elias Gottlob Haußmann, seit 2015 im Besitz des Bach-Archivs in Leipzig (picture alliance /dpa / Bachhaus Eisenach)
    Die Kälte in der kleinen Dorfkirche in Dornheim ist Gift für die Stimmung des Cembalos. Aber die 25-jährige Elina Albach ist dennoch glücklich, dort spielen zu dürfen, wo Johann Sebastian Bach im Oktober 1707 seine Cousine Maria Barbara Bach geheiratet hat.
    "Bach ist mein Zuhause! Und es ist ein besonderes Gefühl auf jeden Fall, hier diese Musik zu spielen, wo man weiß, dass derjenige, der die Musik geschrieben hat, tatsächlich hier war."
    Das Trio Continuum begleitete Marie Luise Werneburg, die mit ihrem kristallklaren Sopran die Gipfel der Arien scheinbar ohne Anstrengung erklomm. Auch wenn Elina Albach in Dornheim nur Musik von Bach spielte und sich bestens in historischer Aufführungspraxis auskennt, ist ihr der Blick nach vorn und zur Seite wichtig.
    "Also, ich glaube, dass es sehr, sehr wichtig ist, dass man nicht bachfanatisch wird, sondern dass man tolle Musik, die vielleicht Jahrhunderte später entstanden ist, aber auf einem gleichen Niveau ist, dass man das miteinander verbindet. Also, was ich zum Beispiel sehr gern mache, ist, Bach und György Ligeti miteinander zu verbinden in Konzerten."
    Damit steht Albach auch programmatisch für die diesjährigen Thüringer Bachwochen. Natürlich gab es die Klassiker für Bachfans: die Passionen, die h-Moll-Messe, die Cello-Suiten. Ebenso Stars wie Emma Kirkby und Kassenschlager wie Amarcord und Sol Gabetta. Doch gleich das Eröffnungskonzert setzte einen anderen Akzent: Der Schwede Sven-David Sandström hat die Johannespassion neu vertont. Aufgeführt vom Streichquartett Brooklyn Ryder und dem Morgens Dahl Kammerchor.
    Gut 50 Konzerte waren ausverkauft
    Das über zweistündige Werk forderte das Publikum weniger mit seiner moderaten Modernität als mit seiner Statik und Länge. Dennoch: Für Festivalleiter Christoph Drescher sind neue Töne zur Eröffnung der Bachwochen ein wichtiges Statement, auch wenn die Erfurter Oper nicht bis zum letzten Platz gefüllt war.
    "Ja, natürlich war das ein Risiko für uns, aber das war das Risiko wert! Deswegen haben wir das auch bewusst als Eröffnung gemacht, weil wir damit ein Zeichen setzen wollten und wirklich zeigen: Es ist kein Feigenblatt, sondern es ist eine ganz bewusste Entscheidung, das zu tun."
    Viele der gut 50 Konzerte im Laufe der vier Thüringer Bachwochen waren ausverkauft, fast alle sehr gut besucht. Am besten kamen neben den ganz klassischen die Programme an, die Barock und Moderne boten – ohne die Stile miteinander zu vermischen.
    "Das ist für manchen im Publikum eine Herausforderung und auch erschreckend; also wenn wir ein Programm mit sehr viel neuer Musik spielen, haben wir natürlich auch negative Reaktionen danach von Bach-Puristen, die sagen, 'Um Gottes Willen, ich fahre doch nicht zu einem Bach-Festival, um dann nur ein Stück Bach zu hören, und ansonsten Neue Musik!'. Aber das muss man aushalten, und das muss auch das Publikum aushalten, um eben auch zu verstehen, dass Bach sich wahrscheinlich wahnsinnig langweilen würden bei einem Festival, bei dem nur seine Stücke gespielt werden, die er vor 300 Jahren gespielt hat. Also, Bach würde das super finden!"
    Patricia Kopatchinskaja - mal baraock, mal modern
    Bestes Beispiel: Patricia Kopatchinskaja, die abwechselnd mit Barock- und moderner Geige auftrat, und ihr Partner Anthony Romaniuk an Cembalo beziehungsweise Flügel. Das Duo bewies eine enorme stilistische Breite fern jeder Cross-over-Beliebigkeit, mit Lust, Spielfreude und äußerster Präzision. Wie nebenbei zeigten sie auch den Skeptikern im Publikum: Die Moderne ist zumutbar.
    Die Thüringer Bachwochen haben sich zu einer erfolgreichen Marke entwickelt, indem sie mit vielen jungen und experimentierfreudigen Künstlern im Mahlerschen Sinne konsequent darauf setzen, nicht die Asche anzubeten, sondern die Glut weiterzutragen.