Freitag, 19. April 2024

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Frank Heer: „Alice“
Ticker statt Twitter

"Alice" erzählt von einer Jugend in den 1970ern-Jahren. Im Leben des jungen Zeitungsredakteurs Max Rossmann mehren sich unheimliche Begegnungen - und dann geht auch noch ein Alter Ego von Jorge Luis Borges durch den Roman.

Von Tanya Lieske | 17.08.2022
Frank Heer: "Alice"
Frank Heer: "Alice" (Portraitfoto: Ayșe Yavaș / Buchcover: Limmat Verlag)
Durch diesen Roman wehen die 1970er Jahre. Man merkt es vornehmlich an der Musik, die den Ich-Erzähler umgibt: Er ist ein junger Zeitungsredaktor, wie es in der Schweiz heißt. Dieser Max Rossmann hört: Joni Mitchell, Bob Dylan, Uriah Heep, das alles auf Plattenspielern oder vom Kassettenrekorder.
Für das lokale Blatt namens „Anzeiger“, bestückt Max die letzte Seite für Vermischtes. Wahrscheinlich ist es hilfreich, wenn man schon so lange Journalist ist wie der Autor Frank Heer, will man die autoritären Strukturen und das Machogehabe von damals so informiert und amüsiert nachempfinden. Es war die Zeit der Ticker, der Telefaxe und des Telefons, Zigarettenschwaden waberten durch die Flure, und wenn man in einer Redaktion etwas zu sagen hatte, war man eher männlich mit militärischer Grundausbildung.

Der cholerische Inlandschef

So lässt sich en passant auch das Verhältnis der Generationen erzählen. Frank Heer fasst das in schlanke Dialoge wie in eine Erzählsprache, die an der Grenze zur Komik balanciert, dabei aber feine Nuancen aufzeigt zwischen der Innensicht und der Außenwelt seines sympathischen Protagonisten. Hier tritt der Inlandschef der Zeitung in Aktion.
„Krauthammer sprang von seinem Sessel auf. ,Ich brauche den Fotografen nichts zu fragen, um zu wissen, dass Ihre Geschichte so nicht in der Zeitung erscheint, auch nicht in Breitscheitels Ressort. Wir sind ein bürgerliches Blatt mit konservativen Werten und keine Studentenpostille. Entweder Sie schreiben den Artikel neu, oder wir ersetzen ihn durch den Polizeibericht.‘ Dann brüllte er mit letzter Kraft: ,Das ist ein Befehl! Abtreten! Ich verließ das Büro, grußlos.“
Diese Auseinandersetzung bezieht sich auf eine Demonstration gegen das Pinochet-Regime, es sind vorwiegend friedliche junge Menschen auf der Straße, deren Protest mit Wasserwerfern beendet wird. Der brutale Polizeieinsatz und die Reportage, die Max dann doch heimlich in das Blatt hebt, bieten den äußeren, durchaus dramatischen Höhepunkt des Romans. In dessen tieferen Seelenschichten ist ein raffiniertes Netz von erzählerischen und poetologischen Verweisen verwert.

Die doppelte Alice

So gibt es die Figur der Titelheldin Alice zweifach. Alice Zidane heißt eine verflossene Liebe von Max, eine kapriziöse junge Frau, die spurlos verschwunden ist. Als Max nun eine Sängerin kennenlernt, die Alice Bay heißt, sie zum Interview bittet und mit ihr eine Affäre beginnt, kehrt seine Jugendliebe zurück. Die Doppelung setzt den Ton für den flirrenden Charakter des Erzählten. Es mehren sich rätselhafte Ereignisse,  wie ein anonymer Anrufer, der seine eigene Todesanzeige platzieren will, immer dann, wenn Max Spätdienst hat.
„Ich hörte das Ziehen an seiner Zigarette, das Knistern von Glut und ein knarrendes Parkett, das auch ein alter Stuhl hätte sein können. - ,Tut mir leid, aber Sie sind mit der Abschlussredaktion verbunden. Rufen Sie morgen wieder an.‘“
Es folgen skurrile Begegnungen wie der Jahrestag der Buchantiquare, ein Treffen der Anonymen Alkoholiker in einem Laden voller Tierpräparate. Ein Wildtier reißt in der ländlichen Umgebung Hunde und richtet wahre Blutbäder an. Diese verschiedenen Motive und Handlungsstränge verbinden sich immer mehr, ohne dass die Erzählung ins Surreale abdriftet: ein Balanceakt.

Ein blinder Mann wandert durchs Bild

„Kennst du das Gefühl, aus dem Leben gefallen zu sein?“, fragte ich Alice. - „Was?“ - „So, wie man aus einem fahrenden Auto stürzt, aus einem Zug oder von einem Pferd. Man rappelt sich auf, wischt sich den Staub von der Hose und sieht sich um. Alles kommt einem vertraut vor. Man kennt jede Ecke, jede Straße, jedes Haus. Bei genauer Betrachtung sieht man, dass der Anschein trügt.“
Schlussendlich fügen sich die vielen Vorfälle dann doch zu einer Plausibilität, die den Glauben der Leserin nur wenig strapaziert. Zumal im Zentrum dieses charmanten Romans ein Wiedergänger von Jorge Luis Borges platziert ist. Der wandert als blinder Mann durchs Bild und verschwindet spurlos, ein anderer Mann verschanzt sich in einem Turm aus Büchern. Ein letztes Rätsel bleibt in diesem Roman erhalten, auch als Verbeugung vor dem großen Literaturmagier aus Lateinamerika. All das wird hier mit leichter Hand arrangiert und gerinnt zu einer bittersüßen Erzählung von Liebe und Verlust.
Frank Heer: „Alice“
Limmat Verlag, Zürich.
206 Seiten, 26 Euro.