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Tief gespalten

Ein Grundssatzurteil des Supreme Court von 1973 erlaubt Abtreibungen in den USA. Doch jetzt könnte sich das politische Gleichgewicht zwischen Abtreibungsgegnern und -befürwortern am obersten Gericht verschieben. Das Recht auf Abtreibung steht zur Disposition und ruft eine hitzige Debatte in der Gesellschaft hervor.

Von Klaus Remme | 13.06.2009

    In den vergangenen Jahren war es vergleichsweise ruhig an dieser Front. Der Terror, die Rezession - andere Themen dominierten die Schlagzeilen, selbst im Wahlkampf wurde darüber kaum gesprochen. In Erinnerung die Antwort des damaligen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama auf die Frage nach dem Beginn menschlichen Lebens:

    "Ob nun aus theologischer oder wissenschaftlicher Perspektive, diese Frage zu beantworten liegt über meiner Gehaltsstufe."

    Auch als Präsident muss er diese Frage nicht zweifelsfrei beantworten können, doch nun stellt Barack Obama Weichen, wenn es um die zukünftigen Rechte schwangerer Frauen geht. Viele Konservative drängen auf eine Revision des Grundsatzurteils "Roe vs. Wade" aus dem Jahr 1973. Die Richter am Supreme Court garantierten damals das Recht auf Abtreibung.

    Doch mehr als 30 Jahre später sind die neun Richter in diesem Punkt alles andere als einer Meinung und neue Berufungen auf Lebenszeit, Berufungen durch den Präsidenten, könnten die Mehrheitsverhältnisse in dieser Frage ändern. In der amerikanischen Gesellschaft stehen sich zwei Lager Pro-Life - Abtreibungsgegner - und Pro-Choice unversöhnlich gegenüber.

    Die tödlichen Schüsse auf Dr. George Tiller am 31. Mai haben einmal mehr gezeigt, dass dies keine akademische Auseinandersetzung ist. Judy Waxman, Vize-Präsidentin des nationalen Zentrums für Frauenrechte in Washington zum Mord an Dr. Tiller:

    "Gefühlsmäßig war ich geschockt, vom Verstand her musste man fast damit rechnen,"

    ... sagt sie. George Tiller lebte seit vielen Jahren mit Drohungen und Angriffen. Eine Rohrbombe in seiner Klinik Mitte der 80er-Jahre, über 2000 Festnahmen von Demonstranten vor der Klinik 1991, angeschossen zwei Jahre später, mehrfach wegen angeblich illegaler Abtreibungen angeklagt und freigesprochen. Doch Tiller gab nicht klein bei. Was ich tue ist legal und moralisch, sie werden mich hier nicht vertreiben, so der Arzt in einem Interview 1991.

    George Tiller war einer der wenigen Ärzte in den Vereinigten Staaten, die Spätabtreibungen vornahmen: Abtreibungen im letzten Drittel einer Schwangerschaft, nach der 26. Woche. Diese Ärzte sind Abtreibungsgegnern besonders verhasst. Dies, obwohl fast 99 Prozent der geschätzten 1,2 Millionen jährlichen Abtreibungen in den USA vor der 21. Woche stattfinden, über 60 Prozent innerhalb der ersten drei Monate. Dies sind Daten des renommierten Guttmacher Instituts. Statistiken die kühl wirken in einer rhetorisch vergifteten medialen Atmosphäre. Vor allem konservative Meinungsmacher wie Bill o'Reilly von Fox News nahmen im Fall George Tiller seit Jahren kein Blatt mehr vor den Mund:

    Tiller the Killer, er hat Tausende getötet, seine Hände sind blutig, ein Platz in der Hölle ist ihm gewiss - nur einige Beispiele von o'Reilly aus den vergangenen Jahren; ein Mann, mit Millionenpublikum Tag für Tag. Auch nach dem Tod Tillers keine Entschuldigungen von seiner Seite, meine Analysen beruhten auf der Wahrheit, so wird o'Reilly zitiert. Doch für liberale Medien wie MSNBC führt eine direkte Verbindung von Fox und o'Reilly zur Kirche in Wichita, Kansas, wo die tödlichen Schüsse fielen. Aus Hass wird Mord, so Keith Olberman.

    Viele pro-life Gruppen verurteilten den Mord an Tiller, doch im gleichen Atemzug bezeichnete Randall Terry, Gründer von Operation Rescue, Tiller als Massenmörder. Auf der Web-Seite der Army of God, einer extremen Anti-Abtreibungsorganisation wird der mutmaßliche Todesschütze, Scott Roeder als amerikanischer Held verehrt. Für Warren Hern, Kollege und Freund von George Tiller, keine Überraschung. Hern praktiziert in Boulder, Colorado, auch er sieht sich seit Jahren mit Drohungen konfrontiert, Leibwächter und kugelsichere Fenster gehören für ihn zum Alltag. Auf die Verurteilung der Tat durch Abtreibungsgegner angesprochen, sagte Hern gegenüber CNN:

    "Pure Heuchelei. Sie haben das bekommen, was sie wollten. Sie verehren den Täter. Sie glauben Tiller bekam, was er verdiente."

    Es sind nur etwa zehn Ärzte, die in den USA Spätabtreibungen vornehmen. Die Klinik von Dr. Tiller wird nach der Tat geschlossen. Judy Waxman, vom Zentrum für Frauenrechte:

    "Dr. Tiller war da für die wirklich schwierigen Fälle, für Frauen, die unter großem emotionalem Druck standen; ein großer Verlust, für Frauen, die in Not sind."

    Nancy Tanner sieht das ganz anders. Tanner, Ende 50, sitzt in ihrem Garten in McLean, einer Stadt unweit von Washington DC. Sie engagiert sich für "Silence No More", also für "Nicht länger Schweigen", eine Organisation von Frauen, die abgetrieben haben und ihre Entscheidung heute bitter bereuen. Sie hat zwei Kinder vor ihrer Abtreibung bekommen und zwei weitere später.

    Mit dem Schild "Ich bereue meine Abtreibung" stellt sich Tanner oft vor Kliniken, betet für das ungeborene Leben und bittet schwangere Frauen, eine mögliche Abtreibung zu überdenken. Mein fünftes Kind wäre heute 25, sagt sie unter Tränen. Tanner erzählt von einer Freundin und deren Spätabtreibung durch Dr. Tiller:

    "Sie wurde nach einer Spritze auf die Toilette geführt, hat ihr Kind in einer Toilette abgetrieben; ein Trauma, das sie, selbstmordgefährdet, viele Jahre verfolgte."

    Tanner bezeichnet sich als pro-life im wörtlichen Sinne. Sie verabscheut den Mord an George Tiller. Alles Leben ist schützenswert, so ihre Auffassung. Auch das eines Mannes, dessen Taten sie zutiefst verurteile. Das die Klinik jetzt schließen muss, findet sie dennoch gut. Auf Präsident Obama und seine Rolle angesprochen, zuckt sie die Achseln. Jeder konnte vor der Wahl wissen, dass er eindeutig pro-choice ist. Von ihm können wir keine Hilfe erwarten, sagt sie.

    Barack Obama in seiner vielbeachteten Rede an der katholischen Universität Notre Dame vor einigen Wochen. Die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Obama führte zu Protesten von Abtreibungsgegnern. In seiner Rede, versuchte Obama, Gemeinsamkeiten zu finden, er warb für einen zivilen Umgangston in der Debatte. Nancy Tanner meint, Obama sage jedem, was er hören wolle:

    ""Manche Themen eignen sich aber nun mal nicht für Augenwischerei, manchmal kann man sich nicht herausreden","

    ... sagt Tanner. Das Thema bleibt auf der Tagesordnung. In wenigen Wochen beginnen die Senatsanhörungen für Sonia Sotomayor, von Präsident Obama für das Oberste Gericht nominiert. Ihre Ansichten zur Abtreibungsproblematik sind weitgehend unbekannt.